Finanzen

Der Fracking-Boom in den USA stößt an seine Grenzen

Das Wachstum der Ölförderung kommt langsam zum Erliegen. Zudem drücken viele Unternehmen hohe Schulden.
17.09.2019 16:42
Aktualisiert: 17.09.2019 16:49
Lesezeit: 3 min

Einem Bericht des Wall Street Journals zufolge könnte der Fracking-Boom in den USA, bei dem Ölförderer mithilfe von Chemikalien versuchen, mehr Erdgas und Erdöl aus dem Boden herauszuholen, in den kommenden Monaten seinem Ende entgegengehen.

Bei dem bereits in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts erfundenen Fracking-Verfahren bohren die Förderfirmen tief liegende Gesteinsschichten an und pressen unter hohem Druck Wasser, Sand und Chemikalien in die Bohrlöcher. Daraufhin zerbricht das Gestein, und gibt das im Boden eingelagerte Erdöl und Erdgas frei.

Mithilfe des Frackings gelang der US-Ölindustrie ein neuer Siegeszug, der das Land laut statista.com mit 11,9 Millionen Barrel Erdöl pro Tag im Jahr 2019 ein weiteres Mal in der Geschichte zur Nummer Eins der Förderstaaten auf den gesamten Globus geführt hat. Es hat den Anschein, dass die Gier der Unternehmen grenzenlos ist. Nach Meinung der Analyten des Wall Street Journal könnte sich das nun rächen.

Wie die US-Tageszeitung berichtet, haben die Ölfirmen in Texas, North Dakota und Oklahoma getrieben von der Aussicht auf noch höhere Gewinne Tausende neue Bohrtürme errichtet, um die Förderung auf aussichtsreichen Öl-Feldern zu steigern. Da die Fördertürme sich nun dicht um bereits bestehende Bohrstellen drängen, werden die Ressourcen immer schneller abgeschöpft.

Wie das Wall Street Journal unter Berufung auf Unternehmensdaten weiter berichtet, geht diese Rechnung jedoch offenbar nicht auf: Die meisten zusätzlichen Bohrstellen, die nah an einen bereits produzierenden Förderturm herum angelegt wurden, sind nicht so ergiebig wie die ursprüngliche Quelle. Daher wird der Umstand in der Branche "Eltern-Kind-(Bohrloch)-Problem" (parent-child well problem) genannt. In manchen Fällen beträgt die Förderrate nur noch bis zu 50 Prozent der ursprünglichen Förderstelle.

Hinzu kommt, dass sich alte und neue Bohrung gegenseitig „das Wasser abgraben“. Die Ursache ist die: Allzu viele Löcher und Risse verringern den Druck in ein und derselben Gesteinsformation, so dass immer weniger Öl und Gas austreten kann. Durch die neuen Bohrungen könnte sich die Förderquote im Endeffekt nicht etwa erhöhen, sondern die Gesamtproduktion der Felder reduzieren.

Laut Wall Street Journal drohen jetzt hohe Abschreibungen. Möglicherweise sind die Ölvorkommen durch die potentiell geringere Fördermenge viel weniger wert, als diese dafür bezahlt haben - und damit auch der Gesamtwert der Fracking-Unternehmen. Das Unternehmen Laredo Petroleum beispielsweise sei ein mahnendes Beispiel: Sein Marktwert ist seit Ende 2016 um mehr als 75 Prozent gefallen, nachdem die Gesellschaft seinen Investoren gestehen musste, dass die neuen Bohrungen die avisierten Förderquoten nicht erreicht hatten. Mittlerweise platziert Laredo seine Fördertürme wieder weiter auseinander.

Auch andere Ölgesellschaften haben ihren Investoren erklärt, dass sie planten, ihre Bohrungen weiter auseinander zu platzieren, war die Umkehr der Praxis aus früheren Jahren bedeutet. So erklärte William Thomas, CEO von EOG Resources Inc.: "Wir erkennen die Eltern-Kind-(Bohrloch)-Beziehung und die Bedeutung des richtigen Abstands für eine bessere Entwicklung der Vermögenswerte."

Nach der Beratungsfirma Wood Mackenzie könnte wegen der rückläufigen Förderquoten bei neuen Bohrungen die Ölproduktion allein im Permischen Becken in Texas um mehr als 1,5 Millionen Barrel täglich niedriger liegen (mithin rund 10 Prozent der gesamten US-Förderung) als erwartet. Chefanalyst Robert Clark sagt: "Ohne massiven technologischen Durchbruch werden die Ableger-Bohrungen kleiner ausfallen."

Hierdurch könnte der Ölpreis auf dem Weltmarkt steigen, wenn die US-Produktion wegen sinkender Förderquoten geringer ausfallen sollte als erwartet. Wichtig: Sowohl Saudi-Arabien als auch Russland sind im Hinblick auf die Förderung bereits am Limit und haben kaum noch freie Kapazitäten, um Ausfälle im Rest der Welt auszugleichen. Falls die zahlreichen "Kinder" auf den US-Ölfeldern in den kommenden Jahren tatsächlich die im Raum stehenden Probleme machten, ist es also sehr wahrscheinlich, dass die Verbraucher auf dem gesamten Erdball die Folgen zu tragen hätten.

Erschwerend kommt im Falle der Fracking-Unternehmen außerdem hinzu, dass diese in den vergangenen Jahren in großem Umfang Schulden aufgenommen haben, deren Rückzahlung beziehungsweise deren Zinszahlungen in vielen Fällen nicht gewährleistet sind. Damit sie überhaupt rentabel wirtschaften können, brauchen viele Unternehmen neben steigender Produktion dazu auch einen höheren Ölpreis als die derzeit zu beobachtenden Notierungen um 60 Dollar für US-Öl der Sorte WTI.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie Er war Spitzenmanager bei der NATO, jetzt hat er zehn Milliarden Euro für eine entscheidende Aufgabe bekommen
01.10.2026

Europa besitzt nur einen Bruchteil der weltweiten KI-Rechenleistung und liegt bei führenden Modellen weit hinter den USA und China. Nun...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street beendet September uneinheitlich
30.09.2026

Ein turbulenter Monat geht zu Ende – erfahren Sie, welche Dynamiken jetzt die Kurse an der Wall Street bestimmen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Frankreich Staatsverschuldung: Die nächste Gefahr für die Eurozone
30.09.2026

Frankreich galt lange als einer der politischen und wirtschaftlichen Pfeiler der Eurozone. Doch an den Anleihemärkten wächst die...

DWN
Finanzen
Finanzen VW kündigt Tarifvertrag: Was jetzt auf 100.000 Beschäftigte zukommt – und auf die VW-Aktie
30.09.2026

Volkswagen verschärft seinen Sparkurs und kündigt einen Großteil seiner Haustarifverträge. Nach Angaben der IG Metall sind zehn...

DWN
Politik
Politik Innere Sicherheit: Innenministerkonferenz beschließt nicht mehr einstimmig
30.09.2026

Die Innenministerkonferenz verabschiedet sich vom Einstimmigkeitsprinzip, um zukünftig "Blockaden" zu verhindern. Künftig reichen 13...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Unternehmen, die in China tätig sind, stehen vor einer schwierigen Wahl
30.09.2026

Europäische Unternehmen mit Geschäften in China stehen vor einem Dilemma: gegen EU-Recht verstoßen oder gegen chinesisches Recht. Die...

DWN
Politik
Politik Vestager und Nobelpreisträger schlagen KI-Alarm: Kritisches Zeitfenster schließt sich Monat für Monat
30.09.2026

Europa läuft Gefahr, bei künstlicher Intelligenz dauerhaft von den USA und China abhängig zu werden. Margrethe Vestager, zwei...

DWN
Politik
Politik Teilzeitrepublik: Teilzeit boomt, Vollzeit schrumpft: Arbeiten die Deutschen zu wenig?
30.09.2026

Der Staat klagt über Personalmangel – hat aber selbst die höchste Teilzeitquote unter den Beschäftigten. Eine Studie schlägt nun die...