Deutschland

Deutschland in der Flaschenkrise: Brauereien können Bier nicht an den Kunden bringen

Das Pfandsystem bei Bierflaschen funktioniert immer schlechter. Leidtragende sind Brauereien und Verbraucher gleichermaßen.
17.09.2019 19:14
Aktualisiert: 17.09.2019 19:27
Lesezeit: 3 min
Deutschland in der Flaschenkrise: Brauereien können Bier nicht an den Kunden bringen
Den deutschen Brauereien gehen die Flaschen aus. (Foto: dpa) Foto: Rainer Jensen

Das Pfandsystem funktioniert heute bei weitem nicht mehr so gut wie in vergangenen Jahrzehnten. Das hat zum einen damit zu tun, dass es immer mehr unterschiedliche Flaschen auf dem Markt gibt und dadurch der Sortierprozess zunehmend komplizierter und kostspieliger wird. Zum anderen bleiben immer mehr Flaschen lange bei den Verbrauchern oder werden gar nicht zurückgegeben.

Zwar tranken die Deutschen 2018 mehr Gerstensaft als im Jahr zuvor. Doch generell geht der Bierkonsum seit etwa 30 Jahren langsam, aber unaufhörlich zurück. Um den Absatztrend zu stoppen, versuchen Brauereien, sich vom Markt abzuheben - eine Möglichkeit ist, ihr Produkt in einer besonders interessanten, einzigartigen Flasche anzubieten. Der Umstand, dass dadurch immer mehr unterschiedliche Flaschen auf den Markt kommen, verlangsamt und verteuert jedoch den Sortierprozess. Teilweise ist sogar eine manuelle Sortierung notwendig. Ein großes Problem für die Brauereien, die sowie schon - wie oben bereits berichtet - mit Absatzrückgängen und damit mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Gleichzeitig geht die Zahl der zurückgegebenen Flaschen und Kisten kontinuierlich zurück. Die Rückgabe einer Flasche bringt acht bis höchstens 15 Cents ein, die einer Kiste 1,50 Euro - da betrachten viele Verbraucher es als zu aufwendig, sie zurückzubringen. Das ist auch eine Sache des Zeitgeists beziehungsweise der von ihm beeinflussten Erziehung: Sparsamkeit wird zunehmend weniger als Tugend angesehen, weswegen gerade die Angehörigen jüngerer Generationen gerne einmal Flaschen und Kisten ins Altglas und/ oder den Müll wandern lassen. Für die Brauereien ein teures Geschäft, weil der tatsächliche Wert der Flaschen den Pfandwert übersteigt. Die Bierbrauer halten sich daher bei der Neuanschaffung zurück. Das wiederum führt zum einen dazu, dass ihnen häufig nicht genug Flaschen zur Verfügung stehen, um ihre gesamte Braumenge abzufüllen, und zum anderen, dass die Verbraucher immer häufiger nicht mehr ausreichend beliefert werden können und im Supermarkt vor teilweise leeren Regalen stehen.

Eine Lösung des Problems scheint derzeit schwierig. Ein Verzicht auf unterschiedliche Flaschenformen ist gegenwärtig nicht in Sicht, mehr Kooperation zwischen den Bierbrauern und die Einrichtung eines geschlossenen Kreislaufs ebenfalls nicht. Die Logistik-Experten Florian C. Kleemann und Ronja Frühbeis schreiben in einem Gastbeitrag im Fachmagazin „Logistik Heute“: „Der Fokus scheint eher auf einem Verdrängungswettbewerb zu liegen, in der Hoffnung, dass Konkurrenten schlicht früher aufgeben als man selbst. Ob das zielführend ist, darf allerdings bezweifelt werden. … Weil Produktionsstopps (aus Flaschenmangel) und darauffolgende Lieferausfälle natürlich zum Gegenteil dessen führen - Umsatzausfälle und unzufriedene Abnehmer -, was in einem umkämpften Markt erfolgversprechend ist.“

Um zumindest die Menge der zurückgegebenen Flaschen zu vergrößern, ist eine Erhöhung von Flaschen- und Kistenpfand im Gespräch. Doch davon will der Handel nichts wissen. „Psychologisch kommt das einer Bierpreiserhöhung gleich“, sagte ein hochrangiger Branchen-Manager der Zeitung „Die Welt“. Auch die wenigen sehr großen Brauereien - deren Flaschen nicht oder kaum individualisiert sind - sprechen sich gegen eine Erhöhung der Pfandpreise aus, viele kleine dagegen dafür: Es könnte ein Machtkampf anstehen.

Dass die Brauereien unterschiedlicher Auffassung sind, geht auch aus einer Stellungnahme hervor, die ein Sprecher des „Deutschen Brauer-Bunds“ auf Anfrage der Deutschen Wirtschaftsnachrichten abgab: „Der ´Verband der Privaten Brauereien´ (der die Interessen der mittelständischen Privatbrauereien in Deutschland vertritt - Anm. d. Red.), der ´Bayerische Brauerbund´ sowie der ´Deutsche Brauer-Bund´ haben im Frühjahr 2019 eine interne Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit Erhalt und der Fortentwicklung des Mehrwegpoolsystems in Deutschland befasst. Gesprächsthemen sind dabei auch die Möglichkeiten einer Anhebung der Pfandsätze für Kästen und Flaschen, der Verlust von Kästen und Flaschen sowie Engpässe in der Logistik. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Situation beim Mehrweg-Leergut sehr komplex ist und es keine einfachen Antworten und keine einfachen Lösungen für die oben dargestellten Probleme gibt. Da es mit Blick auf die Option einer möglichen Pfandanhebung gegenwärtig eine Vielzahl offener und sehr komplexer Fragen unter Einbeziehung aller am Mehrwegsystem beteiligten Kreises zu klären gilt, wurde vereinbart, keine Vorfestlegungen bezüglich einer Pfandanpassung dem Grunde nach, eines möglichen Zeitpunktes, einer konkreten Höhe oder der denkbaren Modalitäten zu treffen und die weitere Diskussion ergebnisoffen zu führen.“

Die Zahl der im Umlauf befindlichen Bier-Pfandflaschen beträgt zwischen drei und vier Milliarden, die Zahl der Kästen mehr als 200 Millionen. Der „Deutsche Brauer-Bund“ sprach gegenüber den DWN von einem „weltweit einmaligen Mehrwegsystem in Deutschland“, das es „zu erhalten und fortzuentwickeln“ gelte.

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