Finanzen

Bundesbank: Immer mehr Banken sind bereit, Strafzinsen an die Kunden weiterzureichen

Offenbar denken immer mehr Banken in Deutschland darüber nach, die von der EZB taxierten negativen Einlagezinsen an ihre Kunden weiterzugeben. Dies ist ein Ergebnis eines heute vorgestellten Stresstests von Bundesbank und Bankenaufsicht.
23.09.2019 15:11
Aktualisiert: 23.09.2019 15:20
Lesezeit: 1 min

Kleine und mittelgroße Banken in Deutschland sind nach Einschätzung der Bundesbank und der Aufsichtsbehörde Bafin zunehmend geneigt, Negativzinsen an ihre Kunden weiterzugeben. Die anhaltende Niedrigzinsphase sei eine "erhebliche Herausforderung für die Banken", erklärten die Zentralbank und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) am Montag. Sie zögen dabei in ihren Planungen "vermehrt auch eine mögliche Weitergabe negativer Zinsen an Kunden in Betracht". Bislang seien aber vor allem Geschäftskunden und vermögende Privatkunden betroffen.

"Die Bereitschaft steigt, dieses Instrument zu nutzen", wird der für Bankenaufsicht zuständige Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling von Reuters zitiert. Mittlerweile wollen 42 Prozent der befragten Banken negative Zinsen auf Einlagen weiterreichen, bei der letzten Umfrage vor zwei Jahren nur 23 Prozent.

Dem Finanzdienstleister Biallo zufolge sollen die Gebühren für Girokonten bei zahlreichen Banken seit Jahresbeginn bereits deutlich gestiegen sein - was eine verdeckte Weiterreichung der EZB-Strafzinsen darstellen würde.

Bundesbank und Bafin veröffentlichten die Ergebnisse ihres Stresstests unter rund 1400 kleinen und mittelgroßen Banken und Sparkassen. Deren Rentabilität sei "schwach", lautete das Fazit. Zudem mache die Aussicht auf ein "anhaltendes historisch niedriges Zinsniveau einen weiteren Rückgang der Rentabilität sehr wahrscheinlich". Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte erst kürzlich den Einlagezins für Banken verschärft, um die Wirtschaft zu stützen. Damit ist es für die Finanzinstitute nun noch teurer, Geld bei der EZB einzulagern. Banken können dies an ihre Kunden weitergeben, dann drohen Negativzinsen, auch Strafzinsen genannt.

Für den Stresstest in Zeiten der Niedrigzinsphase konfrontierten Bundesbank und Bafin die Institute unter anderem mit mehreren Zinsszenarien - etwa einem positiven oder negativen Zinsschock oder einem graduellen Zinsanstieg. Die Simulationen zeigten unter anderem, dass sich die Ertragskraft der Banken "deutlich verschlechtern würde, wenn das Niedrigzinsumfeld andauert oder sich verschärft", hieß es. Außerdem falle den Instituten der Kapitalaufbau schwerer, je länger die niedrigen Zinsen anhielten.

Bundesbank und Bafin konfrontierten die Institute auch mit einem Szenario der Verschlechterung der Wirtschaft. Die kleinen und mittleren Institute seien dabei "im Durchschnitt auch im Stressfall solide kapitalisiert", lautete das Fazit.

"Der Stresstest 2019 hat unsere Einschätzung bestätigt, dass die Niedrigzinsphase eine erhebliche Herausforderung für die Banken darstellt", sagte der für die Bankenaufsicht zuständige Bafin-Exekutivdirektor Raimund Röseler. "Zum einen müssen sich die Institute offensichtlich auf eine längere Phase niedriger Zinsen einstellen. Und zugleich häufen sich die Anzeichen für eine konjunkturelle Eintrübung."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie Twitch, Kick & Co. die Unterhaltungsbranche prägen

Das Bild der Unterhaltungsbranche hat sich dramatisch gewandelt. Dabei wurde aus einer Einbahnstraße eine Autobahn mit unzähligen Spuren...

DWN
Technologie
Technologie Ausbau von Rechenzentren: Studie kritisiert Nachhaltigkeitsversprechen der KI-Branche
02.06.2026

Große KI-Modelle wie ChatGPT verbrauchen so viel Strom wie ganze Länder. Trotzdem werben Tech-Konzerne mit grünen Versprechen. Was...

DWN
Politik
Politik Nato unter Druck: Testet Russland Europas Verteidigungswillen in der Ostsee?
02.06.2026

Russlands Krieg gegen die Ukraine stößt militärisch und wirtschaftlich an Grenzen. Gerade diese Schwäche könnte die Gefahr erhöhen,...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Aktien erholen sich auf Allzeithochs nach positiven Iran-Äußerungen von Trump und Tech-Boom
01.06.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Wendungen in der globalen Diplomatie und neue Trends in der Technologiebranche die Anleger derzeit in...

DWN
Politik
Politik Statistisches Bundesamt: Auswanderung von Deutschen auf Allzeithoch
01.06.2026

Deutschlands Nettozuwanderung ist 2025 stark gesunken: Statt 430.000 kamen noch 235.000 Menschen hinzu. Es gibt eine rückläufige...

DWN
Politik
Politik Ausreisegenehmigungen für wehrfähige Männer rechtswidrig? Verteidigungsministerium räumt Fehler ein
01.06.2026

Erst wird sie übersehen, dann eilig wieder ausgesetzt: Eine Regel zu Ausreisegenehmigungen für Männer im wehrfähigen Alter. Minister...

DWN
Politik
Politik EU-Schulden werden zur Kostenfalle für Deutschland
01.06.2026

Europa will mehr Rüstung, sichere Energie, starke Industrie und stabile Renten. Doch der IWF warnt, dass diese Rechnung kaum aufgeht,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Flugkraftstoff gerettet, Urlaub nicht. Europas Airlines sparen weiter
01.06.2026

Erst drohten Flugausfälle, leere Tanks und ein chaotischer Sommer über Europas Flughäfen. Nun scheint der akute Mangel an Flugkraftstoff...

DWN
Finanzen
Finanzen Trade Republic attackiert Europas Banken mit sechs Prozent Zinsen
01.06.2026

Sechs Prozent Zinsen, Brad Pitt im Werbespot und ein deutscher Anbieter, der in Polen plötzlich klassische Banken herausfordert. Trade...