Finanzen

Chinesische Investoren ziehen sich aus den Weltmärkten zurück

Chinas Unternehmen sind im laufenden Jahr erstmals Netto-Verkäufer von ausländischen Vermögenswerten.
05.10.2019 17:22
Lesezeit: 2 min

In den letzten Jahren waren chinesische Unternehmen stets starke Käufer von ausländischen Vermögenswerten. Nun sind sie erstmals Netto-Verkäufer, seit sie vor einem Jahrzehnt zu großen Akteuren bei internationalen Fusionen und Übernahmen wurden. Hintergrund ist, dass das Wirtschaftswachstum in China auf ein 30-Jahres-Tief gesunken ist und der Handelskonflikt mit den USA beginnt, die chinesischen Hersteller zu belasten.

Chinas Unternehmen haben im laufenden Jahr bereits angekündigt, etwa 40 Milliarden Dollar an ausländischen Vermögenswerten zu verkaufen, so Daten des Finanzmarktdienstleisters Dealogic vom September. Diese Summe ist deutlich mehr als die Verkäufe im gesamten vergangenen Jahr im Umfang von 32 Milliarden Dollar.

Zugleich haben chinesische Konzerne in diesem Jahr bisher nur 35 Milliarden Dollar an Auslandsvermögen gekauft, was das Land erstmals seit einem Jahrzehnt zu einem globalen Netto-Verkäufer macht. Eine Analyse der Daten durch die Financial Times zeigt, dass China zuvor seit mindestens 2009 ein Nettokäufer von ausländischen Vermögenswerten gewesen war.

Chinas Unternehmen stoßen Vermögenswerte in den USA ab

Allein die Veräußerungen von Investitionen in den USA, wo chinesische Unternehmenskäufer nun verstärkt unter Beobachtung stehen, sind im laufenden Jahr bereits auf über 26 Milliarden Dollar gestiegen, gegenüber nur 8 Milliarden Dollar für das gesamte Jahr 2018. Die Geschäftsbedingungen haben sich für viele Unternehmen verschlechtert, die noch vor zwei Jahren in den USA und Europa Milliardengeschäfte gemacht haben. Auch der Zugang zu Krediten hat sich verschärft, sodass einige neuere Käufe in Verzug geraten sind.

Viele der Vermögenswerte, welche chinesische Unternehmen jetzt auf den Markt bringen, hatten sie im Jahr 2016 gekauft, als die chinesischen Investitionen eine Rekordsumme von mehr als 200 Milliarden Dollar in ausländische Vermögenswerte investierten, wozu sie hohe Schulden aufnahmen.

"Es gab eine Zunahme von chinesischen Deals im Ausland - einige davon ohne industrielle Logik", zitiert die Financial Times Raghu Narain, den Leiter für den asiatisch-pazifischen Raum bei der französischen Investmentbank Natixis. "Die Geschäfte, die entweder durch zu viele Schulden, mangelnde Logik oder nachfolgende tatsächliche Synergien finanziert wurden, lösen sich jetzt auf."

Eine Handvoll einst aggressiver chinesischer Käufer, die inzwischen bei der chinesischen Regierung in Ungnade gefallen sind, haben wesentlich zum starken Volumen der Vermögenswerte in chinesischem Besitz beigetragen, die in diesem Jahr zum Verkauf angeboten werden.

Die chinesische HNA Group, die vor allem im Luftverkehr und Tourismus aktiv ist, hatte in den Jahren 2016 und 2017 Beteiligungen in Höhe vieler Milliarden Dollar an Hilton und der Deutschen Bank erworben. Nun hat die Unternehmensgruppe seit einer Liquiditätskrise Ende 2017 mindestens 20 Milliarden Dollar an ausländischen Vermögenswerten abgestoßen. Anfang des Jahres hat HNA das Schweizer Luftfahrtunternehmen Gategroup für 1,4 Milliarden Dollar an RRJ Capital verkauft.

In einigen Fällen hat die chinesische Regierung direkt an den Veräußerungen mitgewirkt. So hat der einstige starke Käufer Anbang Insurance, der im Jahr 2017 von der Regierung übernommen wurde, einen Großteil seines globalen Portfolios verkauft, darunter eine Gruppe von Hotels, die im September für 5,8 Milliarden Dollar an die koreanische Mirae Asset verkauft wurden.

Laut Derek Scissors vom American Enterprise Institute sind der Rückgang der Übernahmen und der eskalierende Verkauf in diesem Jahr Folgen eines chinesischen "Devisenmangels aufgrund der Schwäche der Zahlungsbilanz, der zum Teil durch die Angst vor dem Verlust des US-Marktes verursacht wurde".

Schon in den letzten Jahren hatten Chinas Aufsichtsbehörden darauf hingewirkt, Übernahmen im Ausland aufzuhalten, da sie befürchteten, dass die Geschäfte die Dollarreserven des Landes zu stark reduzieren. Der Handelsstreit zwischen den USA und China und der Verlust einiger Dollarzuflüsse aus Exporten in die USA haben nun dazu beigetragen, dass China die Kontrolle weiter verschärft hat.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Forschungsstandort Europa 2026: Zwischen Exzellenz und Sparzwang
25.05.2026

Europa forscht stark, doch Kürzungen bei Horizon Europe bedrohen den Anschluss an USA und China. Was das für Talente, Patente und...

DWN
Politik
Politik Weltbekannter Professor sieht gefährliche Veränderung bei Trump
25.05.2026

Francis Fukuyama sieht Trump politisch geschwächt, aber gerade deshalb gefährlich. Für Dänemark und Grönland könnte die nächste...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Arbeitsmarkt: Wer durch KI ersetzt wird, zahlt jahrelang
25.05.2026

KI soll Unternehmen schneller, schlanker und profitabler machen. Doch für Beschäftigte, die durch neue Technologien ihren Job verlieren,...

DWN
Finanzen
Finanzen Aktienempfehlungen: Günstige Aktien trotz KI-Hype, Zinsrisiko und Rüstungsboom
25.05.2026

Viele Anleger jagen weiter den teuersten KI-Gewinnern hinterher, doch Morningstar sieht die spannendere Chance woanders. Zehn globale...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hyundai Kona im Test: Futuristisch, mutig und anders
25.05.2026

Der Hyundai Kona sieht aus, als wolle er nicht jedem gefallen. Genau das macht ihn spannend, denn hinter der mutigen Form steckt ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Klimarisiken in Europa: Warum der Mittelstand besser vorsorgen muss
25.05.2026

Klimarisiken und Nachhaltigkeit werden für Europas Mittelstand zu entscheidenden Faktoren für Finanzierung, Wettbewerbsfähigkeit und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Veggie-Burger-Boom verliert an Tempo: Fleischersatz in Deutschland erstmals rückläufig
25.05.2026

Pflanzliche Fleischalternativen haben den Lebensmittelmarkt in Deutschland stark verändert. Doch nach Jahren kräftigen Wachstums sinkt...

DWN
Technologie
Technologie Meta: WhatsApp-Inkognito-Modus kommt für KI-Unterhaltungen
25.05.2026

Meta erweitert WhatsApp um neue KI-Funktionen und verspricht dabei mehr Datenschutz. Nutzer sollen künftig inkognito mit der Meta AI...