Finanzen

Wem gehören die Zentralbanken der Welt?

Nicht nur die Federal Reserve, sondern auch eine ganze Reihe weiterer Zentralbanken der Welt haben private Eigentümer, an die sie regelmäßig Gewinne ausschütten müssen.
22.10.2019 14:14
Aktualisiert: 22.10.2019 14:50
Lesezeit: 3 min
Wem gehören die Zentralbanken der Welt?
Blick auf das Gebäude der US-Notenbank Federal Reserve in Washington (Foto: dpa) Foto: Jim Lo Scalzo

Die Zentralbanken der Welt weisen eine Vielfalt verschiedener Strukturen auf, was ihre Eigentümer angeht. Während sich zum Beispiel die Bank of England zu 100 Prozent im Besitz des Staates befindet, sind die Aktionäre der Banca d'Italia rein private Unternehmen. Welche Folgen diese Unterschiede nach sich ziehen, zeigt eine Untersuchung, die auf dem Mitarbeiter-Blog BankUnderground der britischen Zentralbank veröffentlicht wurde.

Die Ökonomen weisen in ihrer Untersuchung als erstes darauf hin, dass moderne Unternehmen - anders als zum Beispiel Fahrräder - in der Regel nicht von ihren Eigentümern kontrolliert werden, sondern vom Management. "Daher hat es eine viel engere Bedeutung zu sagen, dass ich Aktien eines Unternehmens besitze, als wenn ich sage, dass ich ein Fahrrad besitze. Im Falle einer Kapitalgesellschaft sage ich hauptsächlich, dass ich ein finanzielles Interesse am Unternehmen habe", so die Autoren. Diese Unterscheidung zwischen Eigentum und Kontrolle sei auch für die meisten modernen Zentralbanken anwendbar. Die Eigentümer von Zentralbanken, meist Regierungen, seien in der Regel für die Ernennung von Führungskräften verantwortlich und erhielten einen Anteil am Gewinn der Zentralbanken. Die alltägliche Kontrolle der Zentralbank delegierten sie an das obere Management und die Ausschüsse der Zentralbank.

Zentralbanken würden sich von Unternehmen aber im Hinblick auf ihre Ziele deutlich unterscheiden. Denn der Zweck der meisten privatwirtschaftlichen Unternehmen sei es, Gewinne für die Aktionäre zu erwirtschaften. Im Gegensatz dazu hätten die Zentralbanken typischerweise gesetzlich vorgeschriebene volkswirtschaftliche Ziele, zum Beispiel Preisstabilität, Finanzstabilität und Funktionieren des Marktes. Und dies gelte nicht nur für jene Zentralbanken, die sich zu 100 Prozent im Besitz des Staates befinden. Daher werde auch die Frage nach den Eigentümern von Zentralbanken von Ökonomen kaum gestellt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte noch mehr als die Hälfte der rund 30 Zentralbanken private Aktionäre. Doch das änderte sich im Verlauf der Zeit, und bis zum Ende des 20. Jahrhunderts blieb nur noch eine Handvoll Zentralbanken mit privaten Aktionären übrig. Denn einerseits wurden fast alle in den postkolonialen Staaten geschaffenen Zentralbanken zu 100 Prozent in staatlichem Besitz gegründet. Und andererseits wurden einige etablierte Zentralbanken verstaatlicht, darunter die britische und die französische Zentralbank (beide 1946) sowie die Österreichische Nationalbank im Jahr 2010.

Zwar dominieren heute die staatlichen Zentralbanken, doch es gibt auch noch Formen der Beteiligung von privaten Aktionären, etwa in den USA, Japan und der Schweiz. Die Studie der britischen Zentralbanker unterscheidet die Zentralbanken danach, ob sie sich im Besitz von Regierungen, von privaten Banken oder von anderen privaten Aktionären, also von Unternehmen oder Einzelpersonen, befinden.

  • Ganz im Besitz von Privatbanken: USA, Italien
  • Im Besitz von Privatbanken und anderen Privataktionären: Südafrika, Griechenland
  • Im Besitz von Privatbanken und dem Staat: San Marino
  • Im Besitz von Privatunternehmen und dem Staat: Japan, Belgien
  • Im Besitz von Privatunternehmen, anderen Privataktionären und dem Staat: Schweiz Türkei
  • Ganz im Besitz des Staates: die meisten anderen Zentralbanken

Die Beteiligungsmodelle der neun in der Übersicht aufgeführten Zentralbanken sind sehr unterschiedlich. Obwohl die Zentralbanken Japans, San Marinos und der Türkei einige private Anteilseigner haben, ist der Mehrheitsaktionär immer noch der Staat. In Belgien und der Schweiz hält der Staat rund die Hälfte der Aktien. In einigen Fällen, wie bei der US-Notenbank, wird der an die Aktionäre gezahlte Betrag so festgelegt, dass die Dividende einer Kuponzahlung auf eine Anleihe sehr ähnlich ist. In anderen Fällen, wie in der Türkei, ist die Vergütung nach Ermessen, obwohl sie auch hier begrenzt ist.

Das Eigentumsmodell der Europäischen Zentralbank (EZB) ist ein Sonderfall, der nicht in die obige Übersicht passt. Sie ist Eigentum der nationalen Zentralbanken der Mitgliedsstaaten. Da einige der nationalen Zentralbanken private Eigentümer haben, könnte man argumentieren, dass auf diesem Weg auch die EZB private Eigentümer hat. Weitere supranationale Zentralbanken neben der EZB sind die Ostkaribische Zentralbank, die Bank der Zentralafrikanischen Staaten und die Zentralbank der westafrikanischen Staaten.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie unterscheiden sich Zentralbanken mit privaten Aktionären im Hinblick auf Rentabilität und Höhe der Gewinnausschüttungen an die Aktionäre nicht von Zentralbanken, die sich ganz im Staatsbesitz befinden.

Daher sagen auch die britischen Zentralbanker in ihrer Untersuchung, dass die Eigentumsverhältnisse einer Zentralbank allein keine Rolle spielen. "Heute haben alle Zentralbanken, unabhängig davon, ob sie sich zu 100 Prozent im Besitz des Staates befinden oder ob sie sich im Besitz von privaten Unternehmen befinden, Mandate, die auf gesamtwirtschaftlichen Ergebnissen beruhen. Eine wirklich privatwirtschaftliche Zentralbank ohne implizite oder explizite Staatsgarantien, die einzig und allein Gewinne für ihre Aktionäre anstrebte, würde sich wahrscheinlich anders verhalten als die derzeitigen Zentralbanken, die ihr Ziel darin sehen, das öffentliche Wohl zu fördern."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Panorama
Panorama Wasserknappheit: Wie ernst ist die Lage in Deutschland?
22.03.2026

Mal fehlt Regen über Monate, dann fällt er in kurzer Zeit im Übermaß: Deutschlands Wasserhaushalt gerät aus dem Gleichgewicht....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Sneaker-Revolution aus dem Drucker: Wie ein Hamburger Start-up die Schuhwelt umkrempelt
22.03.2026

Von der heimischen Werkstatt an die Füße der Weltstars: Cornelius Schmitt hat geschafft, wovon viele Sneaker-Fans nur träumen. Mit...

DWN
Politik
Politik EU-Vermögensregister: Die Infrastruktur für totale Transparenz steht
22.03.2026

Über ein europäisches Vermögensregister wird seit Jahren gestritten. Vertreter der EU-Kommission betonten lange Zeit, ein solches...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg eskaliert weiter: Wird das Regime in Teheran gestürzt?
21.03.2026

Der Iran-Krieg zwingt die Staaten am Persischen Golf zu einer grundlegenden Neubewertung ihrer Strategie und trifft besonders die...

DWN
Technologie
Technologie Neuer Audi RS5 kombiniert V6-Biturbo mit Elektro-Power
21.03.2026

Audi bringt mit dem neuen RS5 erstmals einen Hochleistungs-Plug-in-Hybrid von Audi Sport. Setzt das Modell neue Maßstäbe für Performance...

DWN
Unternehmen
Unternehmen EuGH kippt Schienenmaut-Deckel: Drohen weniger Züge? Was Sie wissen sollten
21.03.2026

Der Schienenmaut-Deckel steht vor dem Aus – mit weitreichenden Folgen für den Bahnverkehr in Deutschland. Das EuGH-Urteil zwingt die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Payroll, Urlaub, Equal Pay: Diese 5 BAG-Urteile müssen Unternehmen kennen
21.03.2026

Ein Blick auf Urteile des Bundesarbeitsgerichts aus den Jahren 2024 und 2025 zeigt, wie stark arbeitsgerichtliche Entscheidungen inzwischen...

DWN
Technologie
Technologie Kernenergie: China und Russland bauen Atomkraft weiter aus
21.03.2026

Chinas Ausbau von Kernkraftwerken hält die globale Atomindustrie auf Rekordniveau. Doch außerhalb Chinas stagniert der Markt...