Technologie

Bankenkrise im Libanon deckt die Schwächen von Kryptowährungen auf

Die seit knapp zwei Wochen anhaltenden Bankenschließungen im Libanon waren eine Gelegenheit für Bitcoin, seine Fähigkeiten als Zahlungsmittel unter realen Bedingungen zu demonstrieren. Doch die Technologie ist offenbar noch nicht bereit.
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29.10.2019 10:47
Aktualisiert: 29.10.2019 10:58
Lesezeit: 2 min
Bankenkrise im Libanon deckt die Schwächen von Kryptowährungen auf
Libanon, Jal El Dib: Demonstranten reagieren auf die im Fernsehen übertragene Ansprache des libanesischen Präsidenten Aoun. (Foto: dpa) Foto: Marwan Naamani

Seit knapp zwei Wochen kommt es im Libanon zu Massenprotesten gegen die Regierung. Mit brennenden Reifen und Mülltonnen haben Demonstranten wichtige Zufahrtsstraßen in die Hauptstadt Beirut blockiert. Im Nordosten der Stadt errichteten Demonstranten Straßensperren mit Autos und stellten Zelte auf, um gegen die Regierung zu demonstrieren. Aus Regierungskreisen hieß es am Montag, dass die Regierung sich weiterhin weigere zurückzutreten, um ein Abdriften des Landes ins Chaos zu verhindern. Auslöser waren angekündigte Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen der Regierung, wie etwa die Einführung einer neuen Gebühr auf Anrufe über Internetdienste wie WhatsApp.

In der Folge der Proteste wurden die Banken im Libanon geschlossen. Der libanesischen Nachrichtenagentur NNA zufolge soll das von der Staatsanwaltschaft verhängte Verbot bis zu einem neuen Regulierungsbeschluss der Zentralbank gelten.

Die Banken rechnen nach der Wiedereröffnung damit, dass viele Sparer gleichzeitig ihre Ersparnisse in Dollar abheben werden, was die schwindenden Deviseneinlagen der Institute aufbrauchen könnte. Der Bankenverband sagte, dass die Geldhäuser daher bis zur Wiederherstellung der Stabilität im Land geschlossen bleiben. Der Libanon hat mit 151 Prozent eine der höchsten Staatsschuldenquoten weltweit.

Die Bankenschließungen und der nun drohende Bank-Run sind von vielen Bitcoin-Anhängern mit Begeisterung aufgenommen worden. Denn Bitcoin und andere Kryptowährungen verfolgen das Ziel, das etablierte Finanzsystem zu ersetzen. Wenn also Banken versagen und von den Bürgern nicht mehr genutzt werden können, dann sollte dies eigentlich für Bitcoin eine Gelegenheit darstellen, seine Möglichkeiten zu demonstrieren. Doch es kam anders.

Aufgrund der Bankenschließungen können die Libanesen derzeit keine Fremdwährungen wie Dollar oder Euro mehr ins Ausland schicken, sodass sie an den internationalen Krypto-Börsen keine Bitcoin mehr kaufen können. Und da sie bei den libanesischen Banken in der Folge der Proteste kein Bargeld abheben können, ist es ihnen auch nur schwer möglich, Bitcoin mithilfe von Bargeld zu erwerben. Und diejenigen, die über Bargeld zum Kauf von Bitcoin verfügen, müssen derzeit deutliche Aufpreise von rund 10 Prozent auf den eigentlichen Bitcoin-Kurs zahlen. Denn das Angebot an Bitcoin im Libanon ist gering, nur wenige Händler vor Ort verkaufen ihre digitalen Münzen.

"Bitcoin wird den Menschen nicht helfen. Es wird den Politikern helfen, weil sie die schmutzigen Reichen sind, die Zugang zu Geld haben", sagte ein anonymer Bitcoin-Händler mit Familie im Libanon zu CoinDesk. Er kauft Bitcoin mithilfe eines europäischen Bankkontos und schickt es dann an die Menschen vor Ort im Libanon. Doch neben den Hindernissen im libanesischen Bankensystem gibt es auch technologische Probleme.

"Bitcoin könnte den Menschen vielleicht helfen, wenn sie zu Hause 24 Stunden am Tag Strom und Internet haben, und wenn sie online arbeiten könnten", so der Händler weiter. Doch das sei ein "utopisches Szenario". Im Libanon sei der Zugang zum Internet sehr teuer, und die Stromversorgung werde oft unterbrochen. "Manchmal haben wir nur sechs Stunden am Tag Strom."

Hinzu kommt, dass die meisten großen Bitcoin-Börsen keine libanesischen Nutzer annehmen. Kryptounternehmen schrecken aus verständlichen Gründen davor zurück, Überweisungen von libanesischen Banken anzunehmen. Insidern zufolge wurden kürzlich Sanktionen gegen eine libanesische Bank verhängt, die mit der paramilitärischen Gruppe Hisbollah verbunden sein soll.

"Es ist ähnlich wie im Iran", sagte der anonyme Händler. "Die normalen Menschen leiden unter den Sanktionen, während die Elite Alternativen findet und ihre Geschäfte wie gewohnt weitergehen". Wenn Bitcoin rund um die Welt auch für normale Menschen eine sinnvolle Alternative sein soll, dann muss mehr Wert darauf gelegt werden, Offline-Transaktionen zu ermöglichen - etwa über SMS oder mithilfe von Smart-Contracts. Und Bitcoins müssen hinreichend weit verbreitet werden, sodass sie bei Bedarf zum Einsatz verfügbar sind.

Trotz aller Hürden rät der anonyme Händler seinen libanesischen Freunden immer noch dazu, einen Weg zu finden, Bitcoin zu kaufen. Denn es drohen strengere Kapitalkontrollen. Zudem bleibt er optimistisch im Hinblick auf die Zukunft von Bitcoin im Libanon, da der gehandelte Betrag Tag für Tag steige. "Bei den Protesten hatten wir jeden Abend viele politische Gespräche. In all diesen Diskussionen ist Bitcoin auf die eine oder andere Weise präsent."

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