Deutsche U-Boote und Fregatten: Garanten unserer Freiheit

 

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17.11.2019 06:10  Aktualisiert: 17.11.2019 06:10
Die Deutsche Marine ist keine reine Manöver-Flotte mehr. Im zweiten Teil des DWN-Interviews berichtet Marine-Inspekteur Vizeadmiral Andreas Krause, wie die Einsätze deutscher Kriegsschiffe ablaufen und welche Herausforderungen die Marine in den kommenden Jahren zu bewältigen hat.
Deutsche U-Boote und Fregatten: Garanten unserer Freiheit
Trägt entscheidend zur Landes- und Bündnis-Verteidigung bei und sichert die Freiheit der Meere: Ein U-Boot der Klasse 212A. (Foto: dpa)

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Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie Sie bereits sagten, bestehen die Aufgaben der Deutschen Marine in der Landesverteidigung sowie - aufgrund Deutschlands Nato-Mitgliedschaft - in der Bündnisverteidigung. Hat die Marine noch weitere Aufgaben?

Inspekteur Andreas Krause: Ja, die hat sie. Unter anderem muss die Deutsche Marine ihren Beitrag dazu leisten, dass die Freiheit der Meere weiterhin garantiert ist. Für Deutschland ist das essenziell - schließlich sind wir eine Exportnation, deren Prosperität von funktionierenden Handelswegen abhängig ist.

Wobei die große Bedeutung der Seestreitkräfte nicht allgemein bekannt ist. Es gibt in Deutschland - so wie in einigen anderen Ländern auch - eine gewisse See-Blindheit. Zu unseren Aufgaben gehört es daher auch, dazu beizutragen, dass die Marine nicht nur in den norddeutschen Küstenländern wahrgenommen und in ihrer Bedeutung verstanden wird, sondern auch in den Teilen des Landes, die vergleichsweise weit vom Meer entfernt sind.

Im Weißbuch 2016 sind die Aufgaben der Marine klar benannt. Diese eindeutige Aufgabenbeschreibung erleichtert unsere Aufgabe sehr.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Deutschland ist ein Hightech-Land, Produkte „Made in Germany“ genießen weltweit hohes Ansehen. Wie beurteilen Sie das Material, das Ihnen zur Verfügung steht, in qualitativer Hinsicht?

Inspekteur Andreas Krause: Einige unserer Schiffe sind bereits seit 30 oder mehr Jahren im Dienst und befinden sich dennoch in einem sehr ordentlichen Zustand. Vor unseren Nato-Partnern müssen wir uns da ganz gewiss nicht verstecken. Was unsere Untersee-Boote angeht: Wir bauen die besten konventionellen - das heißt, nicht nuklear angetriebenen - U-Boote der Welt. Und was unsere sonstige Ausrüstung anbelangt, die wir bei der Industrie bestellen: Sie ist von sehr guter Qualität.

Tatsache ist, dass die Leistungen der deutschen Industrie den Vertretern der Flotten anderer Länder sehr viel Respekt abnötigt - das zeigt sich unter anderem daran, dass ich immer wieder auf die gute Qualität unseres Materials angesprochen werde.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf Folgendes hinweisen: Das beste Material nützt nichts, wenn man nicht das Personal hat, das mit diesem Material umzugehen versteht. Doch genau das hat die Deutsche Marine, nämlich top ausgebildete Männer und Frauen. Aber das ist nicht das Einzige, was unsere Soldaten auszeichnet. Sie bringen darüber hinaus die richtige Einstellung mit. Und sie sind stolz darauf, in der Marine zu dienen. Diese Kombination aus herausragenden Fähigkeiten und echter Überzeugung hat sich in vielen Einsätzen der vergangenen Jahre hervorragend bewährt. Auch und gerade in Zeiten, zu denen die Rahmenbedingungen schwierig waren - zum Beispiel, wenn die Ersatzteilversorgung nicht gewährleistet war, oder wenn lange Instandhaltungsphasen überbrückt werden mussten - haben unsere Männer und Frauen immer wieder Außergewöhnliches geleistet.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen?

Inspekteur Andreas Krause: Mitte 2015 beschloss die Politik kurzfristig die „Sophia“-Seenotrettungs-Mission vor der lybischen Küste. Es

mussten Schiffe eingesetzt werden, deren Einheiten schon sehr lange auf See gewesen waren und zudem auf diese spezielle Mission überhaupt nicht vorbereitet waren. Aber dennoch haben die Soldaten ihre Aufgabe hervorragend erfüllt, mit einem hohen Grad an Motivation und Kreativität und mit ganz viel Herzblut.

Während die „Sophia“-Mission in vollem Gange war, beschloss die Politik im November 2015 nach den Terror-Anschlägen in Paris, dass ein deutsches Schiff dem französischen Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ bei seinem Einsatz gegen die islamistischen ISIS-Milizen Geleitschutz geben sollte. Wir haben daraufhin die Fregatte „Augsburg“ spontan aus „Sophia“ herausgenommen und nach Kreta geschickt, wo wir innerhalb von 48 Stunden teilweise Personal ausgetauscht und alle notwendigen Vorbereitungen für den Einsatz getroffen haben.

Die Soldaten haben damals Großartiges geleistet. Mich als Marine-Inspekteur hat das mit sehr viel Stolz erfüllt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Damit solche Einsätze auch in Zukunft geleistet werden können, braucht es geeignete Leute. Wie steht es bei der Deutschen Marine um den Nachwuchs?

Inspekteur Andreas Krause: Wir haben derzeit 1.800 offene Stellen …

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wenn wir Sie einmal unterbrechen dürfen: Das ist ziemlich viel bei knapp 16.500 Soldaten - mehr als zehn Prozent der Stellen sind unbesetzt.

Inspekteur Andreas Krause: Richtig. Allerdings stehen den 1.800 offenen Stellen über 5.000 Soldatinnen und Soldaten gegenüber, die sich noch in der Ausbildung befinden. Daran sehen Sie, dass die Nachwuchsgewinnung sehr gut läuft. Jetzt dauert es natürlich noch, bis der Nachwuchs in der Flotte auch wirklich angekommen ist. Bis jemand Kommandant einer Fregatte werden kann, braucht es eben 15 bis 20 Jahre. Und ein Sanitätsmeister, der auch zum Notfallassistenten und Rettungssanitäter ausgebildet wird, durchläuft circa 65 Monate Ausbildung.

Generell gilt außerdem: Fachkräfte sind Mangelware. Da geht es uns genauso wie Unternehmen in der freien Wirtschaft. Je mehr Qualifikationen für eine Stelle notwendig sind, je körperlich anstrengender eine Tätigkeit ist, desto schwerer ist es, geeignete Bewerber zu rekrutieren. Denken Sie beispielsweise an U-Boot-Fahrer - die sind natürlich nicht so leicht zu finden.

Betonen möchte ich, dass wir in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Maßnahmen umgesetzt haben, die die Attraktivität des Arbeitgebers Marine enorm gesteigert haben. Beispielsweise haben wir die Planbarkeit erhöht. Nehmen wir die großen Fregatten der 125er-Klasse: Wir werden acht Besatzungen über die vier Schiffe rotieren lassen. Das macht es uns möglich, den Leuten zu sagen: Ihr seid vier Monate am Stück auf See, anschließend seid ihr aber planbar wieder am Heimatstützpunkt. Das hilft, Dienst und Familie besser auszubalancieren. Ich sage bewusst nicht „vereinbaren“, das ist nun mal nicht immer möglich.

Weiterhin zahlen wir ein gutes Gehalt, und wer auf See ist, erhält jeden Monat eine mittlere dreistellige Zulage. Dazu kommt die freie Heilfürsorge, das heißt, unsere Soldaten müssen keine Krankenkassenbeiträge entrichten.

Schließlich möchte ich noch auf die Soldatenarbeitszeitverordnung hinweisen. Als ich bei der Marine anfing, vor über 40 Jahren, hieß es noch, der Arbeitstag hat 24 Stunden. Das und die Acht-Mann-Stuben passen nicht mehr in die Zeit. Wir als Deutsche Marine müssen und wollen ein attraktives Lebensumfeld bieten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Nachwuchs beschaffen könnte man auch, indem man die Wehrpflicht wieder einführt. Was halten sie von dieser Idee?

Inspekteur Andreas Krause: Gar nichts. Die Technologie auf unseren Schiffen ist extrem komplex, dafür braucht es Profis. Dazu kommt, dass die Ausbildung der Wehrpflichtigen gewaltige Kapazitäten binden würde. Eine Wiedereinführung der Wehrpflicht wäre nur mit einer kompletten Umstrukturierung der Marine machbar. In diesem Zusammenhang möchte ich das Konzept des freiwilligen Wehrdiensts erwähnen. Junge Leute haben für eine Dauer von 11 bis 23 Monaten die Gelegenheit, uns kennenzulernen, anschließend können sie sich, wenn sie wollen, für eine Karriere bei der Marine entscheiden. Dieses Konzept hat sich zweifellos sehr gut bewährt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ein anderes Thema: Die Sanierung der Gorch Fock. Ursprünglich waren für die Reparaturarbeiten zehn Millionen Euro veranschlagt, jetzt beläuft sich der Kostenrahmen auf 135 Millionen. Könnte man das Geld nicht sinnvoller ausgeben? Braucht die Deutsche Marine ihr Segelschulschiff eigentlich noch?

Inspekteur Andreas Krause: Unbedingt. Sie ist wesentlicher Sympathieträger, in Deutschland selbst aber auch im Ausland. Dort leistet sie hervorragende Dienste im Rahmen der Diplomatie. Beispielsweise war sie das erste deutsche Marine-Schiff, das Israel besuchte; im Zuge dieses Aufenthalts im Jahr 1988 waren ihre Besatzungsmitglieder die ersten deutschen Soldaten, die israelischen Boden betraten. Sie ist auch das einzige Schiff der Marine, dessen Kommandant „Kapitän zur See“ (der höchste Rang unterhalb der Admirals-Ebene - Anm. d. Red.) sein muss, schließlich ist er ein wichtiger Repräsentant der Bundesrepublik und benötigt daher einen dementsprechenden Rang.

Wir brauchen die Gorch Fock aber nicht nur für repräsentative Zwecke. Die Ausbildung auf dem Dreimaster ist auch ein enorm wichtiger Bestandteil unserer Offiziers-Ausbildung. Und zwar in zweifacher Hinsicht: Zum einen ist sie für die seemännische und nautische Grundausbildung unverzichtbar - trotz oder gerade wegen der Fülle an Technologie, mit der unsere Schiffe ausgestattet sind. Zum anderen dient sie der Charakterbildung - die Kameradschaft und die gemeinsamen Erlebnisse auf hoher See gerade auf einem Großsegler sind durch nichts zu ersetzen.

So wie der künftige Heeresoffizier mit dem Gelände vertraut sein muss, müssen unsere künftigen Marineoffiziere die See, Wind und Wetter kennen. Nur auf einem Großsegler lernen die jungen Kadettinnen und Kadetten Naturgewalten so unmittelbar kennen und erfahren auf praktische Weise, dass man nur mit Teamgeist gemeinsam zum Erfolg kommen kann. Als künftige Führungskräfte der Marine erfahren sie am eigenen Leib, was Seegang, Wind und Wetter Menschen an Bord abverlangen und können daher später gut einschätzen, was sie ihrem Personal abverlangen können.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können Sie uns zum Schluss dieses Interviews sagen, was in den kommenden Jahren die größten Herausforderungen der Deutschen Marine sein werden?

Inspekteur Andreas Krause: Das Wichtigste wird sein, unsere neuen Schiffe, Hubschrauber und Waffensysteme in die bereits bestehenden Strukturen zu integrieren. Einen reibungslosen Übergang organisieren, eine bruchfreie Modernisierung: Das muss der Deutschen Marine gelingen - und das wird ihr gelingen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Vizeadmiral Krause, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


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