Finanzen

Die WTO ist handlungsunfähig: „Schwerster Schlag für das multilaterale Handelssystem“

Der zentrale Mechanismus der Welthandelsorganisation wurde durch die US-Regierung deaktiviert. Die Organisation ist gelähmt.
11.12.2019 14:49
Aktualisiert: 11.12.2019 14:49
Lesezeit: 1 min
Die WTO ist handlungsunfähig: „Schwerster Schlag für das multilaterale Handelssystem“
Der Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO), Roberto Azevedo. (Foto: dpa) Foto: Salvatore Di Nolfi

Die USA haben die Welthandelsorganisation (WTO) stark geschwächt. Sie verhinderten so lange die Ernennung neuer Berufungsrichter für die Streitschlichtung, dass die zweite Instanz seit Mittwoch nicht mehr existiert. Handelsdispute können nicht mehr geordnet beigelegt werden. Es ist die schwerste Krise in der fast 25-jährigen Geschichte der WTO. Analysten warnen vor mehr Handelskriegen. Deutsche Industrieverbände fürchten um Export und Arbeitsplätze.

Die Bundesregierung bedauerte die Entwicklung. Die WTO sei das zentrale Instrument für einen freien und regelbasierten Welthandel, sagte eine Sprecherin von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Mittwoch in Berlin. Diskussionen über befristete Übergangslösungen zur Streitschlichtung seien im Gange, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums.

"Für die Unternehmen und unsere gesamte Volkswirtschaft steht viel auf dem Spiel", sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer, der Deutschen Presse-Agentur. China warf den USA Protektionismus vor. "Es ist der schwerste Schlag für das multilaterale Handelssystem seit Gründung der WTO", sagte eine Sprecherin des Außenministeriums in Peking.

Das Mandat von zwei der drei verbliebenen Berufungsrichter war in der Nacht zuvor ausgelaufen. Für Berufungen sind drei Richter nötig. Die USA verlangen weitreichende Reformen in der WTO. WTO-Generaldirektor Roberto Azevêdo bedauerte die Situation und hoffte auf einen Ruck durch den Schock: womöglich rüttele das die 164 Mitglieder auf, sich engagierter als vorher für Reformen einzusetzen.

Die geordnete Streitschlichtung ist eine der Errungenschaften der Organisation. Erstmals konnten sich Mitgliedsländer gegen ihrer Ansicht nach unfaire Handelshemmnisse anderer Länder wehren. Rund 600 Fälle wurden seit 1995 zur Streitschlichtung angemeldet. Statt sich gegenseitig mit ruinösen Strafzöllen zu überziehen, haben Mitgliedsländer die WTO-Urteile akzeptiert und ihre Praktiken geändert oder dann erlaubte Strafzölle in Kauf genommen.

US-Präsident Donald Trump hat sich von diesem System bereits entfernt und eigenmächtig Strafzölle im Milliardenumfang gegen China, die EU und andere Handelspartner verhängt. Alle haben deshalb WTO-Streitschlichter eingeschaltet. Eine Verurteilung müssen die USA aber nicht fürchten, solange es keine Berufungsrichter gibt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Unternehmen
Unternehmen Monta Klebebandwerk beantragt Insolvenz: Wie es für das Traditionsunternehmen nun weitergeht
22.07.2026

Mit Kunden in mehr als 50 Ländern zählt die Monta Klebebandwerk GmbH zu den bekannten Herstellern von Verpackungs- und...

DWN
Technologie
Technologie Cyberkriminelle greifen digitale Banken an
22.07.2026

Neobanken wachsen rasant – und ziehen dabei zunehmend Betrüger an. Die FIU meldet einen Rekord bei Verdachtsfällen und enthüllt einen...

DWN
Finanzen
Finanzen Europäische Aktien: Europa verschwindet aus der Börsen-Weltspitze
22.07.2026

Europas Börsenriesen verschwinden aus der Weltspitze: Nur noch drei europäische Unternehmen gehören zu den 50 wertvollsten Konzernen der...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Sandisk-Aktien steigen um 14,5 Prozent, da Chip-Werte das Thema Iran-Krieg überschatten
21.07.2026

Erfahren Sie, welche Kräfte die Wall Street aktuell antreiben und warum Anleger trotz globaler Krisen optimistisch bleiben.

DWN
Finanzen
Finanzen MSCI World ETF-Vergleich: Die besten ETF Fonds auf den MSCI World-Index im Test
21.07.2026

Mit einem MSCI World-ETF investieren Anleger in die weltweit wichtigsten Unternehmen der Industriestaaten. Wer vor 10 Jahren MSCI...

DWN
Politik
Politik Grönland gegen Kopenhagen: Jetzt soll die Macht neu verteilt werden
21.07.2026

Der Druck der USA auf Grönland verändert die Machtverhältnisse im hohen Norden. Plötzlich zeigt sich Dänemark offen für Forderungen,...

DWN
Finanzen
Finanzen Vermögenssteuer: Als die Mittelschicht noch Häuser kaufte und die Reichen höhere Steuern zahlten
21.07.2026

Deutschland erlebt die größte Vermögensanhäufung seiner Geschichte – und gleichzeitig wird Eigentum für viele Menschen immer...

DWN
Technologie
Technologie Mistral und Microsoft schließen Milliarden-Deal
21.07.2026

Europa will bei Künstlicher Intelligenz unabhängiger werden – und Microsoft investiert dafür Milliarden in eine Allianz mit dem...