Weltwirtschaft

Die Geschichte der Urbanisierung

Lesezeit: 5 min
04.01.2020 10:09
Es ist schwer zu sagen, welche die erste Stadt in der Geschichte war, was nicht so sehr daran liegt, dass ihre Gründung offensichtlich viele Tausende Jahre in der Vergangenheit liegt, sondern vor allem daran, dass der Begriff schwer zu definieren ist.
Die Geschichte der Urbanisierung
Das Auto treibt die Menschen wieder aus den Städten heraus. (Foto: dpa)
Foto: Oliver Berg

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Eine Stadt ist natürlich eine Siedlung, wo viele Menschen dicht beieinander leben. Doch was heißt „viele”, und was heißt „dicht”?

Jericho im heutigen Palästina wird von vielen Historikern als die älteste Stadt der Weltgeschichte angesehen. Ausgrabungen zeigen offenbar Reste einer Stadtmauer aus der Zeit um 8.000 vor Christus, als die Stadt rund 3.000 Einwohner gezählt haben soll. Der Bibel zufolge soll der Klang von Trompeten den Einsturz der Stadtmauern und damit den Fall der Stadt verursacht haben – daher der Name der Jericho-Trompeten, die bis Mitte des Zweiten Weltkrieges an den Fahrwerksbeinen deutscher Sturzkampfflugzeuge angebracht waren.

Unumstritten ist, dass es einer fortgeschrittenen Land- und Vorratswirtschaft sowie einer entwickelten Arbeitsteilung bedarf, um die Ernährung einer Stadt sicherzustellen. Jäger und Sammler konnten keine Städte unterhalten, und zahlreiche Kulturen in der Menschheitsgeschichte haben niemals das zivilisatorische Niveau erreicht, das zur Ernährung von Städten notwendig ist.

Um 3.000 vor Christus entstanden im alten Mesopotamien, Indien, China und Ägypten die ersten großen Zivilisationen. Der Überschuss der Nahrungsmittelproduktion führte zu einem starken Bevölkerungswachstum und zum Aufstieg zahlreicher Städte. Die Städte zwischen Euphrat und Tigris im heutigen Irak und Syrien bildeten auch die Grundlage für die sumerische und für nachfolgende Kulturen.

Das phönizische Handelsimperium, das um 1.000 vor Christus seinen Höhepunkt erreichte, umfasste zahlreiche Städte, die sich von Tyre im heutigen Libanon über das Mittelmeer bis nach Karthago im heutigen Tunesien und Cádiz im heutigen Spanien erstreckten. Der Name einer wichtigen Gottheit der Phönizier, Melqart, bedeutet „König der Stadt“.

Ab dem frühen ersten Jahrtausend begann der Aufstieg unabhängiger Stadtstaaten in Griechenland. Diese wurden zum Archetyp einer freien Stadt, der Polis, und erreichten einen großen Wohlstand, der im antiken Griechenland zu einem beispiellosen kulturellen Boom führte, welcher sich in Architektur, Drama, Naturwissenschaften, Mathematik und Philosophie niederschlug.

Der Grieche Hippodamus von Milet, der im 5. Jahrhundert lebte, gilt wegen seines Entwurfs der Stadt Milet als Vater der Stadtplanung. Sein rechtwinkliges Straßenraster bildete die Grundlage für nachfolgende griechische – und römische – Städte. Im 4. Jahrhundert vor Christus beauftragte Alexander der Große Dinokrates von Rhodos mit der Gestaltung seiner neuen Stadt Alexandria, wo die Regelmäßigkeit der Stadt durch ihre ebene Lage nahe einer Nilmündung erleichtert wurde.

Der Aufstieg der Römer brachte ihrer Hauptstadt Rom einen massiven Zuwachs an Wohlstand und an Einwohnern. Innerhalb des Römischen Reiches wurden hunderte neue Städte nach demselben Prinzip mit dem charakteristischen schachbrettartigen Grundriss gegründet – nach dem Vorbild der römischen Militärlager. In der Stadtmitte, wo sich die beiden Hauptstraßen Cardo (Nord-Süd-Achse) und Decumanus (Ost-West-Achse) schneiden, liegt das Forum, wo Märkte, Gerichtsverhandlungen und politische Debatten stattfanden und wo man Tempel, Markthallen und öffentliche Gebäude errichtete. Eine Stadtmauer mit je einem Tor an den Enden der beiden Hauptachsen schützte die Bewohner vor allem in den römischen Provinzen.

Mit dem Untergang des Römischen Reiches verlor nicht nur Rom selbst seine Bedeutung und seine Bevölkerung, sondern praktisch alle Städte der Spätantike. Das Machtzentrum verlagerte sich nach Konstantinopel und in die aufstrebende islamische Zivilisation mit ihren Großstädten Bagdad, Kairo und Córdoba.

Vom 9. bis Ende des 12. Jahrhunderts war Konstantinopel, die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, mit einer Einwohnerzahl von fast 1 Million die größte und reichste Stadt Europas. Nach den byzantinisch-osmanischen Kriegen und anderen Konflikten übernahm das Osmanische Reich die Kontrolle über viele Städte im Mittelmeerraum, darunter im Jahr 1453 auch über Konstantinopel.

Im europäischen Mittelalter brachte das Leben in der Stadt die Freiheit von den auf dem Land üblichen Verpflichtungen gegenüber Fürst und Gemeinde mit sich, daher das Wort „Stadtluft macht frei“. Denn Städte hatten in der Regel andere Gesetze als der ländliche Raum. Im Heiligen Römischen Reich hatten einige Städte den Kaiser selbst als ihren Regenten.

Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert konnten einige Städte die umliegenden Gebiete unter ihre Kontrolle bringen oder ausgedehnte maritime Imperien errichten. In Italien entwickelten sich Stadtstaaten wie Venedig. Diese Städte hatten zehntausende Einwohner und wurden reich, indem sie mit Gewürzen, Seide, Eisen oder Sklaven handelten. Venedig führte das Ghetto ein, einen speziell regulierten Bereich für Juden.

In Nordeuropa bildeten Städte wie Lübeck und Brügge die Hanse, einen Städtebund zur gemeinsamen Verteidigung und zum Handel. Ihre Macht wurde später durch die niederländischen Handelsstädte Gent, Ypern und Amsterdam abgelöst. Die zentrale Funktion der Städte, die massiv mit Mauern und manchmal auch mit Gräben befestigt wurden, war der Handel, der durch Wasserstraßen und Häfen ermöglicht wurde.

Während die Bedeutung der Stadtstaaten an Mittelmeer und Ostsee ab dem 16. Jahrhundert zurückging, wuchsen nun wieder die größeren Städte Westeuropas – insbesondere durch den Handel über den Atlantik. Die aztekische Stadt Tenochtilan im heutigen Mexiko hatte schätzungsweise eine Viertelmillion Einwohner, als der Spanier Hernán Cortés dort im Jahr 1519 ankam. Während der Kolonisation Amerikas nutzen man das alte römische Stadtkonzept bei der Neugründung von Städten.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde London mit über einer Million Einwohnern zur größten Stadt der Welt, während Paris mit Bagdad, Peking, Istanbul und Kyoto um den zweiten Rang konkurrierte. Bis zum Jahr 1900 stieg die Zahl der Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern auf 300 an. Das Wachstum der modernen Industrie, das im späten 18. Jahrhundert begonnen hatte, zog immer mehr Menschen aus den ländlichen Gemeinden in die Städte und führte zum Aufkommen neuer Großstädte, zunächst in Europa, dann in den USA und anderen Regionen der Welt. Fabriken wurden nun ein fester Bestandteil der Stadtlandschaft.

Straßenlaternen waren selten, bis sich Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa die Gasbeleuchtung durchsetzte. Gas wurde auch zum Heizen und Kochen verwendet. Es entstanden öffentliche Verkehrsmittel wie Pferdebusse und Pferdebahnen. Ende des 19. Jahrhunderts begann die Elektrifizierung und es kamen elektrische Straßenbahnen oder S-Bahnen auf, später auch Busse und andere Kraftfahrzeuge. Auch die modernen Wasserversorgungsnetze begannen im 19. Jahrhundert zu wachsen.

Im zwanzigsten Jahrhundert verstärkte sich die Industrialisierung nicht nur in Europa und Amerika, sondern nun auch in Indien, China, Lateinamerika und Afrika, was die Urbanisierung weltweit weiter voran trieb. Heute lebt bereits mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten – und die Urbanisierung setzt sich weiter fort. Jeden Tag zieht weltweit etwa eine Million Menschen vom Land in die Stadt.

Einen großen Einfluss auf die Stadtentwicklung hatte der Autobesitz, der im Laufe des 20. Jahrhunderts stetig anstieg und zum Beispiel weit ausgedehnte Vororte möglich machte. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts führte die Deindustrialisierung im Westen zu einem urbanen Verfall in manchen einst reichen Städten. So begannen in den USA Industriestädte wie Detroit wieder zu schrumpfen, entgegen dem anhaltenden globalen Trend des massiven Städtewachstums. Wohin dies am Ende führt, bleibt abzuwarten.


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