Politik

Illegale Siedlungen ließen Istanbul zur Weltmetropole aufsteigen

Istanbul gehört zu den Megastädten der Welt mit einer Einwohnerzahl von über 15 Millionen. Doch nur wenigen Beobachtern ist bekannt, dass diese hohe Einwohnerzahl auf der Landflucht und dem Bau von illegalen Siedlungen beruht.
03.01.2020 15:00
Lesezeit: 4 min
Illegale Siedlungen ließen Istanbul zur Weltmetropole aufsteigen
Blick über Istanbul. (Foto: dpa)

Als Sultan Mehmet II. sich im Jahr 1453 zum römischen Kaiser (Kayser-i Rum) ausrief, lebten 36.000 Menschen in der heutigen Metropole Istanbul. Bis zum Jahr 1566 stieg die Bevölkerungsanzahl auf 600.00 und erreichte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 auf 909.978. Bis zum Jahr 1927 ging die Bevölkerungsanzahl auf 680.857 zurück. Mittlerweile leben 15,07 Millionen Menschen in der Weltmetropole.

Der eigentliche Sprung erfolgte zu Beginn der 1980er Jahre aufgrund einer massiven Landflucht. Während im Jahr 1980 noch 2.772.708 Menschen in Istanbul lebten, waren es fünf Jahre später bereits 5.475.982, im Jahr 1990 insgesamt 7.620.241 und zehn Jahre später 11.803.468.

Doch die Landflucht in Richtung Istanbul erfolgte nicht geordnet. Als die ersten Migranten aus Anatolien sich voller Hoffnung auf den Weg nach Istanbul machten, traten sie in eine Welt ein, von der sie mehr Wohlstand erwartet hatten. Doch ihre Hoffnungen wurden enttäuscht. Das größte Problem bestand darin, dass es an Unterkünften mangelte. Die Menschen gingen dazu über, informelle Siedlungen zu errichten. Es entstanden die berühmten “Gecekondus”, also Häuser, die über Nacht (“Gece”) hingestellt (“kondu”) wurden. Der rasante Ausbau der informellen Siedlungen war auch ausschlaggebend für das Bevölkerungswachstum ab dem Jahr 1980. Problematisch war vor allem, dass der Ausbau von informellen Siedlungen durch das sogenannte Gecekondu-Gesetz aus dem Jahr 1966 gefördert wurde.

Die Regierung in Ankara ließ die Menschen gewähren, zumal in Istanbul billige Arbeitskräfte gebraucht wurden. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass die Gecekondus sich fast ausschließlich an Industriezonen, also an den Arbeitsplätzen der Menschen, befinden. Als die informellen Siedlungen zu groß wurden, gingen die Behörden dazu über, im Rahmen von Polizeiaktionen zahlreiche Gecekondus abzureißen, was oftmals zum körperlichen Widerstand der betroffenen Bürger führte.

Nach Angaben der türkischen Regierung wurden 65 Prozent der Gebäude in Istanbul im Widerspruch zum Zonengesetz errichtet. Das Zonengesetz legt fest, wofür das Grundstück in einem bestimmten Gebiet ge­nutzt werden soll. Zwanzig der 35 Stadtteile von Istanbul sind mit Gecekondus überschwemmt.

So wurden beispielsweise 761.000 der etwa 1,5 Millionen Gebäude in Istanbul ohne Baugenehmigung errichtet. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan möchte, dass diese Gecekondus abgerissen und durch Wohnungen ersetzt werden, die im Rahmen von Stadtumbauprojekten verfügbar sind.

Nach einem neuen Gesetz sollen die Gecekondus von der staatlichen Wohnungsbaubehörde (Toki) der Regierung übernommen werden. Bisher lagen die Gecekondus im Zuständigkeitsbereich der Kommunen. Die Regierung hat vor, einen Großteil der Gecekondus abzureißen, um die Betroffenen in Wohnungen der staatlichen Wohnungsbaubehörde unterzubringen.

Die Gecekondus veränderten auch zwangsläufig die politische Landschaft in der Türkei. Die soziale Benachteiligung der Menschen in den Gecekondu-Vierteln führte zum Aufstieg der sozialkonservativen Parteien. Diese Parteien nahmen sich der Probleme der Menschen an und machten die Eliten für die Misere in den Gecekondu-Vierteln, die insbesondere ab der 1990er Jahre von Arbeitslosigkeit geprägt waren, verantwortlich. Fortan sollten die Sozialkonservativen ihre Wählerschaft vor allem aus diesen Vierteln rekrutieren.

Es entstand ein Paradoxon. Während die privilegierten Schichten Istanbuls eher linke und sozialistisch geprägte Parteien wählten, entschieden sich die Wähler in den Gecekondus für die Sozialkonservativen, die wirtschaftspolitisch den Neoliberalismus unterstützten. Den Eliten war die interne Dynamik der Gecekondu-Viertel entgangen. Sie taten nur wenig, um die sozialen Probleme in diesen Vierteln zu lösen.

Somit wirkte sich der informelle Städtebau, insbesondere in Istanbul, massiv auf die politische Landschaft der Türkei aus, was schlussendlich zum Aufstieg der sozialkonservativen Regierungspartei AKP führte, die das Land seit dem Jahr 2002 regiert.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Cüneyt Yilmaz

                                                                                ***

Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.

DWN
Politik
Politik China macht seine Grenzen dicht: Ein neuer Eiserner Vorhang
24.10.2026

China macht seine Grenzen dicht, und längst trifft es nicht mehr nur politisch unbequeme Bürger. Lehrer, Ärzte und KI-Ingenieure dürfen...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: KI-Aktien im Fokus, während die Wall Street im Minus bleibt
23.10.2026

Spannung an den Finanzmärkten: Warum Technologiewerte und Rohstoffe die Anleger derzeit in Atem halten.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Erfolgreich mit Bio-Erdnüssen: Zwei Bauern sparen mit KI 90 Prozent der Arbeitskosten
23.10.2026

Trockenheit wird für Europas Landwirtschaft zum immer größeren Problem. Zwei Brüder aus Österreich reagieren darauf mit einer...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Firma gründen in 24 Stunden: Was jetzt wirklich möglich ist – und was nicht
23.10.2026

Ein eigenes Unternehmen an nur einem Tag gründen: Das neue Bundesportal G24 soll dem behördlichen Zickzackkurs ein Ende setzen. Seit Ende...

DWN
Finanzen
Finanzen Größter Verkauf russischen Goldes seit der Finanzkrise 1998: Weitere Tonnen verschwinden aus den Tresoren
23.10.2026

Die neuesten Daten der russischen Zentralbank zeigen, dass die Verkäufe aus den Goldreserven seit Jahresbeginn bereits 62 Tonnen erreicht...

DWN
Finanzen
Finanzen Warum Frankreich weniger Schulden hat als die USA, dafür aber härter bestraft wird
23.10.2026

Die neuesten Eurostat-Daten für das zweite Quartal zeigen, dass die französische Staatsverschuldung im Verhältnis zur...

DWN
Politik
Politik Bundeswehr: Wehrdienst-Fragebogen ignoriert? Dann droht ein Bußgeld
23.10.2026

Seit Januar werden in Deutschland junge Menschen ab 18 von der Bundeswehr zu ihrer Bereitschaft eines möglichen Wehrdiensts angeschrieben....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft DWN-Podcast Folge 48: Die Woche im Rückblick – KW 43
23.10.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...