Politik

„Bei der Aufgabe, ein noch dunkleres Jahrzehnt zu verhindern, sind alle Bürger dieses Planeten gefragt”

Der Ökonom Kaushik Basu liefert einen Blick auf die anstehenden 2020er Jahre und was nötig ist, um die Dekade zu einer guten zu machen.
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04.01.2020 16:47
Aktualisiert: 04.01.2020 16:47
Lesezeit: 3 min
„Bei der Aufgabe, ein noch dunkleres Jahrzehnt zu verhindern, sind alle Bürger dieses Planeten gefragt”
Palm Beach: Die Sonne geht am Horizont auf und färbt den Himmel über dem Ozean. (Foto: dpa) Foto: Lannis Waters

Ich schreibe dies nicht als professioneller Ökonom oder Politiker, sondern als Bürger eines kleinen Planeten, der durch ein riesiges Universum fliegt, das wir kaum verstehen. Ich schreibe dies, „während die schlauen Hoffnungen enden / Eines schwachen, unehrlichen Jahrzehnts,“ und während „Wellen von Wut und Angst / Über die hellen / Und dunklen Länder der Erde brausen.“ Diese Verse schrieb W.H. Auden vor achtzig Jahren in seinem Gedicht „1. September 1939“. In einer ähnlichen Lage befinden wir uns auch heute.

Während sich das aktuelle Jahrzehnt dem Ende zuneigt, sind große Teile der Welt in Konflikten gefangen. Stabile Demokratien wurden plötzlich aus dem Gleichgewicht geworfen, und die Gesellschaften spalten sich immer stärker in Rasse, Religion und politische Ideologien. Und da der Planet immer wärmer wird, sind Millionen von Menschen gezwungen, auf der Suche nach Überleben und Möglichkeiten ihre Heimat zu verlassen. Aber dabei stehen ihnen aufgrund der Rückkehr von Nationalismus und engem Stammesbewusstsein immer mehr neue Hindernisse im Weg.

Um zu glauben, dass all dies einfach vorbeigehen wird, bin ich nicht dumm genug. Es kann sein, dass die Welt diesmal nicht vom Rande des politischen und ökologischen Abgrunds zurückkehren und weiter blühen und wachsen wird, nur weil sie dies in der Vergangenheit getan hat. Wie Bertrand Russell in Probleme der Philosophie vor den Gefahren einer solchen induktiven Denkweise warnt: „Der Mann, der das Huhn tagtäglich gefüttert hat, dreht ihm zu guter Letzt das Genick um und beweist damit, dass es für das Huhn nützlicher gewesen wäre, wenn es sich etwas subtilere Meinungen über die Gleichförmigkeit der Natur gebildet hätte.“ Wie Auden im Jahr 1939 müssen wir die Möglichkeit akzeptieren, dass die Dinge viel schlimmer kommen können, als sie es bereits sind.

Gleichzeitig dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben: Dies sind nicht nur gefährliche Zeiten, sondern auch unsichere. Die Welt ist an einem Scheideweg, an dem eine Wendung den entscheidenden Unterschied machen kann. Der Beginn eines neuen Jahrzehnts ist daher eine Gelegenheit zum Innehalten und Reflektieren. Warum bringen alteingesessene Demokratien Wut, Zorn und politische Torheit hervor, mit denen sie ihre eigene Grundlage zerstören können? Warum scheitert die traditionelle Wirtschaftspolitik und bereitet den Weg für Handelskonflikte, Arbeitslosigkeit, fehlerhafte Geldwirtschaft und stärkere Ungleichheit?

Solche Zeiten kamen in der Geschichte immer wieder vor. Die Übergänge, durch die sie geprägt sind, sind normalerweise langsam und nicht wahrnehmbar, aber ab und zu erreichen sie einen kritischen Punkt, an dem tiefe Bruchstellen erscheinen. Während dieser Perioden müssen wir die Gesetze der Sozialwissenschaften, die Grundlage unseres Verhaltens und die Wahl unserer Entscheidungen überdenken. Als Menschen müssen wir tun, was Russells Huhn nicht tun konnte: die Gleichgültigkeit ablegen und unsere eigene Notlage genau unter die Lupe nehmen.

Genau zehn Jahre, nachdem Auden sein Gedicht geschrieben hatte, veröffentlichte der Wirtschaftsstatistiker Harold Hotelling einen Aufsatz, der für das Verständnis der Wählerdemokratie bahnbrechend war. Er zeigte, dass politische Parteien die Neigung haben, sich aneinander anzunähern und schließlich ein Szenario zu erzeugen, in dem es zwischen der „Linken“ und der „Rechten“ kaum noch einen Unterschied gibt. Diese Theorie legt nahe, dass sich alle Politiker mit der Zeit nur noch um die Wähler der Mitte kümmern. Anstatt gefährlich zu wirken, scheint dieses Ergebnis eher langweilig zu sein.

Hotellings Arbeit – die später von den Ökonomen Duncan Black und Anthony Downs fortgeführt wurde – schuf das Paradigma für das Denken über die politische Ökonomie im 20. und frühen 21. Jahrhundert. Aber dank der disruptiven Entwicklung von Globalisierung und Technologie war der Boden unter unseren Füßen immer schon unsicher. Jetzt, wo die Bruchstellen sichtbar geworden sind, ist es ganz klar an der Zeit, unser Modell der Wählerdemokratie zu bewerten. Die heutigen politischen Parteien, die eine Welt widerspiegeln und verstärken, die durch Feindseligkeit bestimmt ist, neigen nicht der Mitte zu, sondern brechen in gegensätzliche Seiten aus.

Eine offensichtliche Folge von Globalisierung und Technologien, die fremde Menschen miteinander verbinden, ist, dass die Maßnahmen und Entscheidungen, die an einem Ort getroffen werden, andere Menschen an fernen Orten stärker beeinflussen als jemals zuvor. Wer Präsident der Vereinigten Staaten ist, ist für die Mexikaner von entscheidender Bedeutung. Wenn die Federal Reserve der USA Liquidität in die Finanzmärkte pumpt, spürt das die ganze Welt. Eine Anpassung der Wechselkurse durch China kann heute den Lebenserwerb von Millionen Menschen auf weit entfernten Kontinenten beeinflussen. Wenn Demokratie bedeutet, ein Mitspracherecht bei der Wahl von Politikern zu haben, die unser Wohlergehen beeinflussen können, dann führt die wirtschaftliche Globalisierung inmitten einer national gespaltenen Politik unweigerlich zum Rückzug der Demokratie.

Unter diesen Bedingungen führt dies dazu, dass Menschen den demokratischen Prozess als Mittel zum Schutz ihrer eigenen engen Interessen sehen. Die Ironie ist dabei, dass die Wähler in vielen Ländern heute für Politiker stimmen, die sich nicht nur gegen die wirtschaftliche Globalisierung wenden, sondern sogar gegen die Demokratie selbst.

Es ist Zeit, wieder zurück ans Reißbrett zu gehen. Politiker, Wissenschaftler und Ökonomen haben sicherlich alle Hände voll zu tun. Aber bei der Aufgabe, ein noch dunkleres Jahrzehnt zu verhindern, sind alle Bürger dieses Planeten gefragt. Dazu müssen wir über unser unmittelbares Eigeninteresse hinausschauen. Wir brauchen einen moralischen Rahmen, der auch Empathie für Menschen umfasst, die nicht wie wir aussehen – und auch für die Generationen, die nach uns kommen. Wir brauchen einen klaren Kopf und den Mut, selbständig zu denken. Wie Auden uns rät, dürfen wir „den Lügen der Autorität“ nicht nachgeben. Wir müssen unsere Stimme erheben, um „die gefaltete Lüge zu auseinander zu falten“.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Kaushik Basu war Chefökonom bei der Weltbank und führender Wirtschaftsberater der indischen Regierung. Heute ist er Professor für Ökonomie an der Cornell University und leitender Gastwissenschaftler an der Brookings Institution.Copyright: Project Syndicate, 2019.

www.project-syndicate.org

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