Deutschland

Zu früh gefreut? Hohe Erwartungen in Tesla-Gigafabrik könnten sich schon bald in Luft auflösen

Die Erwartungen in den Bau der Tesla-Gigafabrik in Brandenburg könnten sich schon bald in Enttäuschung verwandeln.
07.01.2020 17:00
Lesezeit: 2 min
Zu früh gefreut? Hohe Erwartungen in Tesla-Gigafabrik könnten sich schon bald in Luft auflösen
Die Gigafabrik von Tesla in China. (Foto: dpa)

Der nächste Schritt ist getan: Der kalifornische E-Auto-Pionier Tesla hat die Antragsunterlagen für den Bau seiner geplanten Giga-Fabrik im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree (östlich von Berlin) eingereicht. In drei Rathäusern (Grünheide, Spreenhagen und Erkner) liegen sie seit dem gestrigen Montag aus. Eine diesbezügliche Veröffentlichung mit dem etwas sperrigen, nichtdestotrotz informativen Titel „Errichtung und Betrieb einer Anlage für den Bau und die Montage von Elektrofahrzeugen mit einer Kapazität von jeweils 100.000 Stück oder mehr je Jahr am Standort 15537 Grünheide (Mark)“ hat das brandenburgische „Landesamt für Umwelt“ ins Internet gestellt.

Grund zum Jubeln? Nicht unbedingt. Zwar ist in dem Antrag, der mehrere tausend Seiten umfasst, von einem potentiellen Produktionsvolumen von einer halben Million Autos die Rede, die von 12.000 Mitarbeitern gefertigt werden würden. Doch der BILD-Zeitung zufolge plant der vom umstrittenen Unternehmer Elon Musk gegründete Autobauer zunächst mal nur den Bau einer Fabrik mit einer Kapazität von 150.000 Fahrzeugen, für deren Fertigung 4.000 Mitarbeiter benötigt werden.

Selbst die Zahl von 150.000 ist gigantisch, hält man sich vor Augen, dass Tesla im Jahr 2019 weltweit gerade mal 367.500 Einheiten abgesetzt hat. Wobei die Tendenz der letzten Jahre eindeutig nach oben zeigt: 2015 hat Tesla nach Berechnungen von Statista.de 50.580 Autos verkauft, 2016 waren es 76.230 (plus 50 Prozent), 2017 waren es 101.300 (plus 33 Prozent), 2018 waren es 245.250 (plus 142 Prozent) und 2019, wie gesagt, 367.500 (plus 50 Prozent).

Beeindruckende Zuwächse, gewiss. Aber wie lange diese anhalten werden, steht angesichts der nach wie vor schleppenden Akzeptanz der E-Mobilität in Deutschland sowie der erschwerten Bedingungen für den Kauf der Stromer in China in den Sternen. Und auch wenn sich der Wert der Tesla-Aktien seit Mitte letzten Jahres in etwa verdoppelt hat und die Aktie Ende letzter Woche einen Rekordwert von 454 Dollar erreichte, darf man nicht vergessen, dass das Wertpapier immer wieder starke Einbrüche erlebt und das Unternehmen nach wie vor keine Gewinne erzielt und auf die Ausgabe von Aktien angewiesen ist. In dem Augenblick, in dem die Investoren die Geduld verlieren, ist es mit der Herrlichkeit ganz schnell vorbei – dann ist das Unternehmen in seiner Existenz massiv gefährdet.

Von den 4.000 Arbeitsplätzen, die ab 2021 in Brandenburg besetzt sein sollen, hat Tesla bisher (in englischer Sprache) 35 ausgeschrieben. Darunter auch die eines Personalreferenten („Recruiter“), der neben Deutsch und Englisch auch Polnisch sprechen soll. Polnisch: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die Entfernung zwischen Grünheide und dem Grenzübergang in Frankfurt an der Oder/ Slubice beträgt gerade mal 56 Kilometer. Das heißt, für polnische Arbeitskräfte wäre es ein Leichtes, jeden Tag zu pendeln. Und es wäre attraktiv: Laut dem polnischen Statistikamt „GUS“ beträgt der durchschnittliche Monatslohn in Polen 5.100 Zloty (1.200 Euro). Ein Fabrik-Vorarbeiter verdient 4.300 Zloty (1.000 Euro), ein Fließband-Arbeiter 3.000 Zloty (700 Euro). Zum Vergleich: Ein monatliches Durchschnittsgehalt in Berlin beträgt 3.550 Euro, in Brandenburg 2.960 Euro. Wie gesagt, das sind Durchschnittsgehälter – in der Industrie wird selbstverständlich weitaus besser gezahlt. Das durchschnittliche Gehalt eines Mitarbeiters in der Auto-Industrie, der über keinen Hochschulabschluss verfügt, beträgt in Deutschland rund 4.700 Euro. Als Tesla seine Pläne, nach Brandenburg zu kommen, verkündete, kannte der Jubel über die Tausende von gut bezahlten Arbeitsplätzen, die schon bald entstehen würden, keine Grenzen mehr. Man darf schon mal gespannt sein, wie gut bezahlt die Jobs wirklich sein werden – und wie viele von Deutschen ausgeübt werden.

Wobei: Noch ist nicht sicher, inwiefern Naturschützer gegen den Fabrikbau angehen werden. Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne): „Bürgerbeteiligung und Transparenz sind uns sehr wichtig. Einen Monat lang kann die Öffentlichkeit die Antragsunterlagen einsehen und bis 5. März Einwendungen einbringen.“

Schaut man sich die Internet-Seite des NABU Fürstenwalde an, dürfte es eine ganz Menge Einwendungen geben. Elon Musk hat schon viele Gefechte mit kampfstarken Gegnern ausgefochten. Mit zu allem entschlossenen deutschen Naturschützern allerdings noch nicht: Ob der kalifornische Paradiesvogel in ihnen seinen Meister findet?

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Tech-Aktien fallen weiter, da die Angst vor kriegsbedingter Inflation zunimmt
19.05.2026

Düstere Wolken über den Märkten: Erfahren Sie, welche Entwicklungen die Börse heute in Atem halten und worauf Anleger jetzt achten...

DWN
Politik
Politik Bundeswehr-Beförderungsstopp sorgt für massive Kritik
19.05.2026

Mitten in den Reformplänen der Bundeswehr löst der Bundeswehr-Beförderungsstopp heftige Diskussionen aus. Gerichtsurteile erzwingen...

DWN
Politik
Politik Koalition sucht richtigen Zeitpunkt: Bundestag diskutiert Verzicht auf Diätenerhöhung
19.05.2026

Eigentlich war die nächste Diätenerhöhung bereits fest eingeplant. Doch die wirtschaftliche Lage und harte Sparmaßnahmen verändern die...

DWN
Finanzen
Finanzen VW-Aktie: Anleger blicken auf Stellenabbau beim VW-Entwicklungsdienstleister IAV
19.05.2026

Tausende Arbeitsplätze stehen bei IAV auf dem Spiel, die Stimmung unter den Beschäftigten ist angespannt. Während die IG Metall massive...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Varta-Stellenabbau: Produktion in Nördlingen endet, über 300 Arbeitsplätze fallen weg
19.05.2026

Varta verliert einen entscheidenden Kunden und zieht drastische Konsequenzen. Die Produktion im Werk Nördlingen endet, rund 350...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schutz für Stahlindustrie: EU verschärft Zollregeln für Stahlimporte
19.05.2026

Europas Stahlhersteller kämpfen seit Jahren gegen günstige Importe aus dem Ausland. Nun zieht die EU die Reißleine und verschärft die...

DWN
Finanzen
Finanzen Cerebras-Aktie: Nvidia-Konkurrent startet mit großem Knall an der Börse
19.05.2026

Vor ein paar Tagen ging in den USA ein Chiphersteller an die Börse, der als einer der heißesten Nvidia-Konkurrenten gilt. Die...

DWN
Politik
Politik Straße von Hormus unter Druck: VAE planen Pipeline als Antwort auf den Iran-Krieg
19.05.2026

Die VAE beschleunigen den Bau einer neuen Ölpipeline, die den Export unabhängiger von der Straße von Hormus machen soll. Für Europa und...