Das Zeitalter der entfesselten Spekulation in der Altersvorsorge hat begonnen

 

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24.01.2020 10:34  Aktualisiert: 24.01.2020 10:34
Weil die privaten Altersvorsorge-Systeme keine Rendite mehr erwirtschaften können, erwägt die EU eine komplette Öffnung – auch und gerade für Finanzkonzerne wie Blackrock. Möglich sind dann höhere Renditen, aber auch schwere Verluste und der Totalausfall.
Das Zeitalter der entfesselten Spekulation in der Altersvorsorge hat begonnen
Hat gut lachen: Blackrock-Chef Larry Fink, hier am World Economic Forum 2016 in Davos. (Foto: dpa)
Foto: Laurent Gillieron


Die EU hat weltweit aktiven Finanzkonzernen wie Blackrock oder Vanguard den Weg in die europäische Altersvorsorge freigemacht. Bereits im Februar 2019 billigten die EU-Botschafter dazu eine zuvor getroffene Einigung mit dem Europaparlament. Mit dem „Pan European Pension Product“ (PEPP) genannten Rechtsrahmen sollen Interessierte mehr Möglichkeiten zur privaten Altersvorsorge erhalten, weil damit erstmals auch Investitionen in riskante Finanzanlagen ermöglicht werden – bislang waren Investitionen im Rahmen der privaten Altersvorsorge in Deutschland engere Grenzen gesetzt.

Eine Beschäftigung mit PEPP lohnt sich: Denn die Öffnung weiterer Bereiche der Altersvorsorge für die US-Giganten ist ein Zeichen für die Panik, welche hinter den Kulissen inzwischen herrscht – ausgelöst durch die immer extremere Geldpolitik der EZB seit der Finanzkrise.

Hinter den Kulissen herrscht Panik, die Alarmsirenen schrillen

Die Etablierung von PEPP ist der logische nächste Schritt in einer Entwicklung gewesen, welche am besten als schrittweiser und in Echtzeit stattfindender Zusammenbruch der privaten Vorsorgesysteme umschrieben werden kann. Denn das geldpolitische Experiment der EZB – mit Null-Leitzinsen, negativen Einlagezinsen, Kaufprogrammen von Staats- und Unternehmensanleihen sowie Notkrediten für Banken (TLTROs) – hat Pensionsfonds, Betriebsrenten und Lebensversicherungen inzwischen den Boden unter den Füßen weggezogen. Im Dezember 2019 kündigte die Finanzaufsicht sogar an, die Branche verstärkt zu überwachen, denn die Luft für mehrere Versicherungen werde nun zu dünn.

Deren Geschäft im Rahmen der privaten Altersvorsorge besteht im Grundsatz darin, den Großteil der angenommenen Gelder in festverzinsliche Wertpapiere mit hoher Bonität (meist Staatsanleihen) im Euro-Währungsraum anzulegen. Liegt deren durchschnittliche Umlaufrendite über dem den Anlegern versprochenen Garantiezins, können zusätzlich Überschüsse erwirtschaftet werden. Diese werden teilweise individuell den Versicherten zugeschrieben, teilweise in einen allgemeinen Reservefonds für schlechtere Jahre oder zukünftige Bonsuzuweisungen an die Versicherten transferiert. Die Versicherungen verdienen in der Regel auch bei schlechteren Anlageergebnissen.

Dieses Modell funktioniert seit mehreren Jahren aber immer schlechter und Anfang 2019 kam es sogar zu einer regelrechten Eskalation: „Ende der 1990er näherte sich die Umlaufrendite bereits dem Garantiezins an, der daraufhin in mehreren Schritten gesenkt wurde. Richtig problematisch ist die Situation seit dem Sommer 2011. Seitdem liegt die Umlaufrendite stetig unter dem Garantiezins – seit dem Frühjahr 2019 ist sie sogar negativ“. Die Versicherer bekommen also keine Zinsen für die neu erworbenen Anleihen, sondern müssen de facto Zinsen für Neuanlagen bezahlen. Man muss kein Finanzexperte sein, um zu erkennen, dass dieses Modell nicht nachhaltig sein kann. Zur Zeit gleichen viele Anbieter die Defizite zum Garantiezins aus, indem sie die hoch bewerteten früher gekauften Anleihen verkaufen und Bewertungsgewinne realisieren. Damit sinkt jedoch die Durchschnittsrendite des verbleibenden Portfolios rasch. Irgendwann sind auch diese Überschüsse aufgebraucht. Und dann?“, fragt Jens Berger auf den Nachdenkseiten.

Beobachter rechnen inzwischen damit, dass der derzeit bei 0,9 Prozent liegende Garantiezins im Januar 2021 auf etwa 0,5 Prozent abgesenkt werden müsse, wie die Deutschen Wirtschaftsnachrichten Ende des vergangenen Jahres berichteten.

Die Geldpolitik der EZB ist direkt für diese Krise verantwortlich. Indirekt aber kommen noch weitere mögliche Effekte in der Zukunft hinzu. Die Versicherer sind durch den Fall der Umlaufrendite von Staatsanleihen weit unter die durchschnittlichen Garantiesätze gezwungen, viel höhere Kreditrisiken bei den Neuanlagen in Festverzinsliche zu nehmen. So investieren sie vermehrt in Kredite mit höherem Risiko. Dies kann in der Zukunft zu empfindlichen Verlusten führen, wenn diese Schuldverschreibungen beispielsweise in einer Rezession oder Branchenkrise von Zahlungsausfällen oder anderen Kreditereignissen wie Konkursen betroffen sind.

Die Anbieter wie etwa Lebensversicherer haben reagiert, indem sie nur noch wenige klassische Vorsorge-Produkte anbieten und vermehrt für flexiblere Alternativen werben. Diese schließen die Geldanlage am Aktienmarkt mit ein und versprechen deshalb höhere Renditen als bei der auf Staatsanleihen basierenden Anlageform, sie können aber auch zum Totalausfall oder schweren Verlusten führen, wenn die Aktienmärkte in die Krise geraten. Zudem sind die renditestärkeren Produkte teurer als die herkömmlichen Instrumente – ein Umstand, welcher noch eine Rolle spielen wird – und sie verfügen im Unterschied zu den klassischen Produkten über keinen garantierten Mindestzins oder über Kapitalgarantien.

„Der Arbeitnehmer, der privat für das Alter vorsorgen will, hat so die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder er nimmt ein zumindest theoretisch abgesichertes klassisches Modell, das ihm jedoch selbst unter günstigen Bedingungen noch nicht einmal einen Inflationsausgleich bietet. Oder er nimmt ein teures Kombiprodukt, bei dem er im günstigen Fall zwar eine bessere Verzinsung, im ungünstigen Fall aber noch nicht einmal die eingezahlten Beiträge ausbezahlt bekommt und im Alter womöglich herbe Einbußen bei der versprochenen Altersrente hinnehmen muss. So wird die Rente zu einem Glücksspiel“, schreibt Berger.

Ein Kurzschluss aus der Panik

Hier kommen Blackrock und Co beziehungsweise PEPP wieder ins Spiel. Denn PEPP sieht maximale Gebühren in Höhe von einem Prozent vor. Finanzkonzerne wie Blackrock oder Vanguard können diese Obergrenze finanziell verkraften, weil sie börsennotierte Indexfonds (ETF – Exchange Traded Funds) anbieten und hierin auch weltweit Marktführer sind, mit denen die meisten Angebote von Versicherungen preislich nicht mithalten können und welche in vielen Fälle auch noch höhere Renditen abgeworfen haben. „Da wird sich BlackRock gleich doppelt freuen. Denn die iShares-Produkte des Finanzgiganten weisen ja dank deren ETF-Struktur allesamt Gebühren unter der Ein-Prozent-Marke auf, während die vor allem von Versicherungen und Banken vertriebenen Kapitallebensversicherungen und Fondsparprodukte diese Marke in aller Regel überschreiten. So hat das Europaparlament nicht nur den Markt für BlackRock geschaffen, sondern gleich auch die in Europa wichtigsten Konkurrenten von BlackRock für diesen Markt ausgesperrt“, schreibt Berger in einem Artikel für das Magazin Telepolis.

Die Begrenzung auf ein Prozent dürfte aus zwei weiteren Gründen einen schweren Fehler darstellen. Denn dadurch werden praktisch nur passiv verwaltete Portfolios ermöglicht. Aktiv verwaltete Investment-Portfolios oder – Fonds haben in der Regel eine höhere Kostenstruktur. Bei passiven Produkten wird einfach ein bestehender Index als Leitgröße (Benchmark) computergesteuert repliziert. Bei aktiv verwalteten Portfolios findet hingegen ein bewusster Selektionsprozess mit Über- und Untergewichtung, mit Ausschluss bestimmter Anlagegruppen statt.

  • Zeitpunkt: Heute sind alle Kapitalmärkte durch die verantwortungslose Geldpolitik der großen Notenbanken weltweit extrem überhöht oder überbewertet, mehr als je zuvor in der Vergangenheit. Der Zeitpunkt, den Einstieg in passiv verwaltete riskante Anlagen zu ermöglichen, könnte somit nicht schlechter gewählt sein. Bei nur schon einer normalen Korrektur würden herbe Anlageverluste resultieren.
  • Aktien- und Obligationen-Indizes sind von vielen ‚Zombies’ durchsetzt. Vor allem sind durch die Geldpolitik sehr viele Aktien und Obligationen von strukturell verlustmachenden oder hoch verschuldeten Unternehmen in den Indizes enthalten und zwar mit hohen Gewichten, welche durch diese ETF abgebildet sind. Das trifft gleichermaßen für Aktien wie für Anleihen zu. Auf diesem Teil riskieren die Anleger nicht nur heftige Bewertungsverluste etwa bei einem Zinsanstieg, sondern effektiv Totalverluste bei Bankrotten. Was der Regulator angesichts dieser Ausgangslage ermöglichen sollte, sind spezifisch aktiv verwaltete Fonds, welche solche Risiken bewusst ausschließen. Diese kosten aber, weil sie auf Research beruhen, in der Regel mehr als ein Prozent. In der vorgeschlagenen Form ist PEPP eine Lösung, die auf effektivem Lobbying dieser amerikanischen Riesen beruht, aber an den wichtigen Punkten vorbeisieht und die Altersvorsorge nochmals mit zusätzlichen Verlustrisiken belastet.



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