Politik

Südamerika: Ein Kontinent steht in Flammen

Das neue Jahrhundert sollte eine Zeit der politischen Stabilität und des wirtschaftlichen Aufschwungs für Südamerika werden. Doch die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. In vielen Ländern drängen Politiker mit Alleinherrscheranspruch an die Macht, hochverschuldete Staaten stehen vor dem Bankrott, die Reichen werden immer reicher, die Armen ärmer, Demonstranten und Polizei liefern sich blutige Straßenschlachten. Ein ganzer Kontinent ist in Aufruhr – Südamerika brennt!
22.02.2020 09:07
Lesezeit: 7 min
Südamerika: Ein Kontinent steht in Flammen
Die indigene Bevölkerung macht etwa 25 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. (Foto: dpa) Foto: Juan Diego Montenegro

In Venezuela liefern sich der amtierende Präsident Nicolás Maduro und Oppositionsführer Juan Guaidó – der sich selbst zum Interimspräsidenten ausgerufen hat – einen gnadenlosen Machtkampf. Die Bevölkerung des erdölreichen Landes ist völlig verarmt, die Menschen hungern – seit 2015 sind rund fünf Millionen geflohen, vor allem ins benachbarte Ausland, aber auch nach Nordamerika und Europa.

In Chile finden die größten Proteste seit Ende der Pinochet-Diktatur im Jahre 1990 statt. Sicherheitskräfte und Demonstranten gehen mit brutaler Härte aufeinander los, weit mehr als ein Dutzend Menschen sind bereits ums Leben gekommen. Auslöser der Krawalle war die Erhöhung der Preise im öffentlichen Nahverkehr, aber die eigentlichen Gründe liegen tiefer: Die Neo-Liberalisierung lässt immer breitere Bevölkerungsschichten verarmen, kaum eine Rente reicht noch zum Leben.

In Argentinien kommt es zu (General)Streiks. Seit der Wirtschaftskrise von 1998 steht das Land zum wiederholten Male am Abgrund. Derzeit verhandelt die peronistische Regierung unter dem im Dezember 2019 an die Macht gelangten Präsidenten Alberto Fernandez über einen Schuldenschnitt. Wird dieser nicht gewährt, dürfte das Land – mal wieder – von einem Staatsbankrott heimgesucht werden.

In Bolivien versuchte Präsident Evo Morales, einstmals Hoffnungsträger der Massen, sich selbst mit einem verfassungsrechtlichen Trick die Widerwahl zu ermöglichen, woraufhin es zu schweren Protesten seiner Gegner kam, die niederzuschlagen die Sicherheitsorgane sich weigerten. Der ehemalige Kokabauer Morales floh nach Mexiko ins Exil. Die Lage im ärmsten Land des Kontinents bleibt angespannt.

In Kolumbien – wo die Macht der Drogen-Kartelle zwar nicht gebrochen, aber doch deutlich zurückgegangen ist – kam es im November und Dezember 2019 zu Massenprotesten, die Ende Januar dieses Jahres wieder aufflammten: Übers ganze Land verteilt gab es rund 150 Demonstrationen und Kundgebungen. Die Wut der Menschen richtet sich zum einen gegen die neoliberale Politik von Präsident Ivan Duque, zum anderen gegen das unbarmherzige und oft kriminelle Vorgehen von Polizei und vor allem Militär gegen politische Gegner. Regelmäßig kommt es zu politisch motivierten Morden, die häufig von Angehörigen der Sicherheitskräfte begangen werden.

In Paraguay gab es eher vereinzelte Demonstrationen, beispielsweise gingen Kleinbauern gegen Agrar-Reformen auf die Straße. Ansonsten ist es im Land bisher eher ruhig geblieben. Dass die durch ganz Südamerika schwappende Protestwelle allerdings auch den kleinen (rund sieben Millionen Einwohner zählenden) Binnenstaat erreicht, ist durchaus vorstellbar. So meldete das auf Deutsch in Asunción erscheinende „Wochenblatt“ Ende Januar, dass Teile des Zentrums der Hauptstadt mit Stacheldraht abgesperrt seien – offensichtlich befürchtet die Regierung Unruhen.

In Ecuador gingen die Indigenen (die rund ein Viertel bis die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, so genau weiß das niemand) auf die Straße, nachdem Präsident Lenin Moreno die Subventionen für Benzin und Diesel gestrichen hatte. Diese Einschränkung war die vom Internationalen Währungsfonds (IWF) gestellte Bedingung für die Gewährung eines 4,2 Milliarden-Dollar-Kredits für das sich in einer schweren wirtschaftlichen Krise befindliche, extrem vom Erdöl-Export abhängige Land. Zeitweise musste der Präsident sogar die Hauptstadt Quito verlassen, weil die zu allem entschlossenen Demonstranten äußerst gut vorbereitet und ausgerüstet waren. Derzeit hat sich die Lage zwar wieder beruhigt, weil die Preiserhöhungen rückgängig gemacht wurden, aber ein erneutes Aufflackern der bürgerkriegsähnlichen Unruhen ist alles andere als ausgeschlossen.

In Peru kam es im Oktober 2019 zwischen Präsident Martín Vizcarra und dem Parlament zur Machtprobe, die schließlich in der Auflösung der Legislative endete. Anschließend kam es zu teilweise gewalttätigen Protesten, wobei sich die Sicherheitsorgane eindeutig auf die Seite Vizcarras stellten, der als kompromissloser Korruptions-Bekämpfer gilt. Ende Januar dieses Jahres fanden – friedlich verlaufende – Neuwahlen statt. Zwei Tage später wurde Wahlverliererin Keiko Fujimori (die Tochter des ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori, der wegen Korruption im Gefängnis sitzt) von einem – nach übereinstimmender Meinung westlicher Korrespondenten – unabhängigen Richter wegen des Verdachts der Korruption in Untersuchungshaft geschickt. Derzeit scheint sich die Lage immerhin wieder einigermaßen beruhigt zu haben.

In Brasilien hat sich die Lage nach den schweren sozialen Unruhen der Jahre 2013 bis 2017 wieder beruhigt. Jair Bolsonaro – ein ehemaliger Offizier – regiert das Land mit eiserner Hand. Den mit viel Getöse angekündigten Wirtschaftsaufschwung hat der überzeugte Christ allerdings nicht in Gang setzen können – nicht zuletzt, weil Donald Trump (entgegen den Erwartungen von Bolsonaro, der im US-Präsidenten einen politischen Freund und Bruder im Geiste gesehen hatte) auch gegenüber Brasilien auf eine kompromisslos protektionistische Politik setzt. Der Wirtschaftskurs des Landes ist eindeutig neoliberal – und wenn nicht nur die Bewohner der Favelas, sondern auch die Mittelschicht von libertären Maßnahmen betroffen sein sollten, sind erneute schwere Unruhen nicht ausgeschlossen. Die große Frage ist, wie der ehemalige Fallschirmspringer Bolsonaro auf Proteste reagieren wird. Dass er die Sicherheitskräfte anweist, nur mit Tränengas zu feuern, ist nicht unbedingt zu erwarten.

Lediglich in Uruguay ist die Lage derzeit ruhig. Ein Hoffnungsschimmer? Wohl eher nicht – dafür ist das Land aufgrund seiner fehlenden Größe zu unbedeutend. Schließlich leben auf Südamerikas „Insel der Stabilität“ mit knapp 3,7 Millionen Menschen gerade einmal 0,8 Prozent der insgesamt circa 440 Millionen Einwohner, die der Gesamtkontinent aufzuweisen hat.

Was sind die Gründe für die Protest- und Demonstrationswelle? Und warum bricht sie über (fast) ganz Südamerika gleichzeitig herein? Lassen Sie uns die zweite dieser beiden Fragen zuerst beantworten.

Zehn Staaten, ein Fundament

Südamerika ist bei weitem kein so heterogener Kontinent, wie es aus europäischer Perspektive scheint. Die Unterschiede zwischen einem hauptsächlich von der indigenen Bevölkerung geprägten, von der Landwirtschaft und von Rohstoffen abhängigen Land mit nur schwachentwickelter Infrastruktur wie Bolivien auf der einen Seite, und einem in hohem Maße europäisch geprägten, vergleichsweise hochentwickelten Staat wie Argentinien auf der anderen, sind gewaltig. Und ein gescheiterter Staat („failed state“) wie Venezuela an der Karibikküste hat mit dem „Preußen“ des Kontinents, Chile, dessen Südspitze gar nicht so weit von der Antarktis entfernt liegt, auch nicht besonders viel gemein.

Aber: Die zwölf südamerikanischen Staaten (von denen hier nur auf zehn eingegangen wird; Surinam und Guyana, die es zusammen auf gerade einmal 1,3 Millionen Einwohner bringen, werden nicht behandelt) haben durch die Kolonialisierung – die militärische fand im 16. und die gesellschaftliche primär im 17. Jahrhundert statt – sowie durch die Unabhängigkeitskriege in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein gemeinsames historisches Erbe. Weiterhin eint sie die spanische Sprache (lediglich in Brasilien wird das ebenfalls zu den romanischen Sprachen zählende Portugiesisch gesprochen) sowie die Religion – rund 90 Prozent der Bevölkerung sind katholischen Glaubens. Zusammengefasst: Die Gemeinsamkeiten sind groß, größer als beispielsweise in Europa. Denn was haben Island und Rumänien gemeinsam, was Portugal und der Ural? Vielleicht kann man sagen, dass Südamerika einem großen Land wie den USA (mit so unterschiedlichen Bundesstaaten wie dem französisch geprägten Louisiana und der Cowboy-Hochburg Montana) mehr gleicht als einem Kontinent. Also: Ein recht hohes Maß an Ausdifferenzierung, jedoch ein einheitliches Fundament. Weil letzteres existiert, treten auch die grundlegenden Probleme in den einzelnen Staaten gleichzeitig zu Tage und brechen sich die Proteste zu gleicher Zeit Bahn.

Die Geschichte Südamerikas: Gier, Gewalt, Gott und Größenwahn

Wie kaum ein anderer großer Kulturraum ist Südamerika gefangen in seiner Geschichte. Eine Geschichte von Gier, Gewalt, Gott und Größenwahn. Die spanischen und portugiesischen Konquistadoren eroberten den Kontinent auf ihrer gierigen Suche nach sagenhaften Schätzen und Reichtümern. Dabei gingen sie mit gnadenloser Brutalität vor, zerstörten Hochkulturen wie die der Mayas und Inkas, rotteten große Teile der indigenen Bevölkerung aus oder versklavten sie, wobei sie als Rechtfertigung häufig die Verkündung von Gottes Wort vorschoben. Viele der Eroberer infizierten sich in den Sümpfen und Urwäldern mit Cholera oder Malaria, nur wenige gelangten zu unermesslichem Reichtum und Ruhm. Wobei dieser häufig flüchtig war – am Beispiel der berühmten Eroberer-Familie Pizarro ist das gut ersichtlich: Francisco wurde von politischen Gegnern ermordet, Gonzalo wurde hingerichtet, Hernando verbrachte viele Jahre in einem spanischen Kerker. Und Simón Bolivar (1783-1830), der bis heute als größter Sohn Südamerikas gilt, gelang es zwar, den Kontinent von der europäischen Herrschaft zu befreien, aber seine panamerikanische Idee von den „Vereinten Staaten von Südamerika“ verwirklichte sich nie. Und auch die von ihm geschaffene „Republik Kolumbien“ (von Historikern heute als „Großkolumbien“ bezeichnet) währte gerade einmal elf Jahre.

Das Erbe der Konquistadoren: Es wirkt bis heute nach. Zu keinem Zeitpunkt ist es Südamerika gelungen, sich von den Schatten der Vergangenheit zu befreien.

Lesen Sie morgen:

  • Welcher politische Weg in Südamerika nahezu unbekannt ist
  • Wie die Ideen von Marx und Engels auf die Gewehrläufe der Milizionäre treffen
  • Wie sich Diktatur und Demokratie in Südamerika abwechseln - und welche von beiden Regierungsformen jetzt wieder an der Reihe ist

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