Wirtschaft

Damit das Corona-Virus nicht nach Deutschland kommt: Sofortige Abschottung gegen China?

Noch sei das Corona-Virus ein begrenztes Problem, schreibt der China-Experte Prof. Dr. Helmut Wagner von der Fern-Uni Hagen. Doch eine Ausbreitung des Virus könne schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, auch in Deutschland: „Dann reden wir über ganz andere Dimensionen.“
21.02.2020 12:00
Lesezeit: 4 min
Damit das Corona-Virus nicht nach Deutschland kommt: Sofortige Abschottung gegen China?
Krankenhaus-Mitarbeiter in Wuan tragen wegen des Corona-Virus Atemmasken und Schutzanzüge. (Foto: dpa) Foto: Xiao Yijiu

Wuhan – die Stadt, in der das Virus ausbrach – mit zwölf Millionen Einwohnern und die Provinz Hubei (in der Wuhan liegt) mit 60 Millionen Menschen sind für chinesische Verhältnisse eher klein. Doch was passiert, wenn das Virus nach Peking und Shanghai sowie in das Innovationszentrum Shenzhen vordringt? Deutsche Firmen wären davon besonders betroffen, denn in diesen Zentren existieren die meisten Verbindungen und Kontakte zu ausländischen Unternehmen.

Ein großflächiges Übergreifen auf andere Regionen und insbesondere auf die Metropolen dürfte wirtschaftlich fatale Folgen haben. Angesichts der internationalen Vernetzung könnten sie schnell Deutschland und die ganze Welt in einer noch nicht abschätzbaren Weise betreffen. Wagner: „Wenn die großen europäischen und amerikanischen Konzerne – unter anderem VW, Apple oder General Motors – ihre Werke in China schließen, gibt es Riesenprobleme.“ Produktionsausfälle in China würden „ganz schnell zu Engpässen in den Lieferketten führen. Viele Vor- und Zwischenprodukte, die deutsche Betriebe benötigen, werden heute termingerecht aus China importiert, zum Beispiel Kfz-Elektronikbauteile. Fehlen sie, bleiben beim Hersteller hier die Produktionsbänder stehen.“ Solch ein Unternehmen würde sofort anfangen, fieberhaft nach Ersatzlieferanten zu suchen – aber viele andere eben auch, was die Preise massiv in die Höhe treiben würde.

In einem Bereich ist die Welt von China sogar völlig abhängig: Im Reich der Mitte werden 80 Prozent der aktiven Ingredienzien für alle Medikamente weltweit hergestellt. Wenn sie nicht mehr geliefert werden, wäre das eine Katastrophe.

Chinesen sind diszipliniert – noch

Gefährlich wird es, wenn es länger dauert, die Krankheit einzudämmen – ein Gegenmittel gibt es noch nicht. Wagner: „Noch sind die Menschen diszipliniert, die meisten befolgen die Direktiven und sind auch mit der Isolation einverstanden.“ Wenn jedoch der Erfolg der Maßnahmen zu lange ausbleibt, könnten sie anfangen, die Gefahrenzonen unkontrolliert zu verlassen. Unter ihnen viele Infizierte, die nur scheinbar gesund sind. Wagner „Es lässt sich nichts abschotten, wenn Menschen keine Symptome zeigen.“

Viren über Neue Seidenstraße nach Europa?

Nicht nur die wirtschaftlichen Folgen einer Epidemie oder einer Pandemie können Deutschland betreffen. Auch das Virus selbst kann in viel stärkerem Maße als bisher hierherkommen, etwa über Kontakte mit chinesischen Beschäftigen eines Unternehmens, durch internationale Konferenzen oder durch Touristen.

Eine „Zeitbombe“ könnte Chinas Neue Seidenstraße zum Ticken bringen: Auf verschiedenen Wegen zu Land und zu Wasser will China mit diesem gigantischen Projekt seine Waren vermehrt exportieren. Vor allem in Afrika bauen chinesische Unternehmen Straßen und Bahntrassen. Wagner: „Auf diesen Wegen könnte das Virus zeitverzögert zu uns kommen, wenn es in China selbst bereits unter Kontrolle ist. Verbreiten könnten es Beschäftigte, die die Neue Seidenstraße bauen. Die größte Gefahr ist, wenn das Virus in Entwicklungsländer eingeschleppt würde – Isolation ist dort kaum möglich, die medizinische Versorgung in manchen Ländern katastrophal.“

Sinkende Nachfrage

Selbst wenn die Krise im zweiten Quartal des Jahres 2020 ausgestanden wäre, würde die wirtschaftliche Expansion in China um 1,5 bis 2,0 Prozent im ersten Quartal vermindert werden. Aufs Jahr gerechnet, wären es immer noch 0,5 Prozent. Das ist sogar noch die optimistischste Erwartungshaltung, von der jedoch immer mehr Fachleute abrücken, so Wagner. Zu befürchten ist also ein Sinken der chinesischen Nachfrage: „Wie hoch die ökonomischen Kosten der Krise sein werden, hängt davon ab, wie lange sie dauert und wann ihr Höhepunkt ist. Die chinesischen Ärztinnen und Ärzte haben die Prognose bezüglich des Scheitelpunkts ja bereits von Mitte Februar auf das Monatsende verschoben.“ Mediziner aus Hongkong und London gehen jedoch bereits von April bis Mai aus.

Die Zuverlässigkeit chinesischer Erfolgsmeldungen sieht Wagner vor dem Hintergrund der Sanktionen Pekings für Warner und Whistleblower zurückhaltend: „Die chinesische Regierung hat große Sorge und versucht, vieles unter der Decke zu halten in der Hoffnung, dass sich die Infektionsrate jetzt abflacht.“ Offensichtlich nimmt jedoch in der Bevölkerung das Misstrauen gegen die Beschwichtigungsversuche zu.

Droht Finanzkrise?

Ein weiteres Thema sind die Stützungsmaßnahmen der chinesischen Regierung. Sie könnten zu einer weltweiten Finanzkrise führen, so Wagner: „Man kann davon ausgehen, dass die Regierung das hohe Wachstum mit einer Vielzahl von Maßnahmen stützen will.“ Präsident Xi hat versprochen, dass der pro-Kopf-Wohlstand bis Ende 2020 im Vergleich zu 2010 verdoppelt wird. „Darauf vertraut die Bevölkerung. Durch die Krise wird das aber nicht mehr erreicht werden können, obwohl Peking es mit allen Mitteln – etwa Zinssenkungen und großzügige Finanzmittel für Unternehmenskredite – noch schaffen will. Eine neue Finanzkrise in China ist nicht auszuschließen, weil sich bereits hochverschuldete Unternehmen noch weiter verschulden. Viele sind ja bereits fast pleite. Das könnte dann auch zu uns ‚überschwappen‘.“

Zwischen zwei Übeln wählen

„Wir werden noch Wochen und vielleicht Monate mit der Ungewissheit leben müssen, ob der Höhepunkt der Krankheit überschritten ist. Das macht die Situation für die Politikerinnen und Politiker, die letztendlich entscheiden müssen, noch komplizierter. Vielleicht müssen sie zwischen zwei Übeln wählen: sofort entstehenden Kosten durch die konsequente Abschottung Chinas und damit verbunden geringerem Wachstum oder spätere, vielleicht viel höhere Kosten aufgrund der Erkrankung vieler Menschen in aller Welt.“

Zahlen und Fakten:

Deutschland ist mit Abstand Chinas größter europäischer Handelspartner. China war 2018 zum dritten Mal in Folge Deutschlands größter Handelspartner. Im Jahr 2018 belief sich das bilaterale Handelsvolumen auf knapp 200 Milliarden Euro. Auf die deutschen Exporte nach China entfielen rund 93 Milliarden Euro und auf die deutschen Importe aus China knapp 106 Milliarden Euro. Deutsche Exportgüter waren vor allem Maschinen, Kfz und Kfz-Teile, Elektrotechnik und Chemie. Der Bestand deutscher Direktinvestitionen in China betrug im Jahr 2017 81 Milliarden Euro.

Prof. Dr. Helmut Wagner ist Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre (insbesonders Makroökonomik) an der „FernUniversität in Hagen“ und Präsident des „Center for East Asian Macroeconomic Studies (CEAMeS)“.

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