Finanzen

USA in der Fracht-Rezession: Güterumschlag bricht ein - bei Trucks, Schiffen und Flugzeugen

Die Analysten in der Finanzindustrie malten bis vor Kurzem das Bild eines blauen Himmels für die amerikanische Konjunktur. Die Medien wiederholten dies ungefiltert. Doch eine vertiefte Analyse weist schon länger auf rezessive Anzeichen für die zweite Jahreshälfte 2020 hin – ohne Effekt des Coronavirus.
01.03.2020 11:00
Lesezeit: 4 min
USA in der Fracht-Rezession: Güterumschlag bricht ein - bei Trucks, Schiffen und Flugzeugen
Ein Truck in den USA. (Foto: dpa)

Die amerikanische Wirtschaft schien sich oberflächlich betrachtet in den vergangenen Quartalen der Dynamik vieler anderer Volkswirtschaften entziehen zu können: Wachstum entlang dem Potentialpfad von rund zwei Prozent, keine inflationäre Überhitzung wie in vergangenen konjunkturellen Aufschwung- bzw. Boomperioden, daher keine Notwendigkeit entschiedener geldpolitischer Straffung. Stattdessen ab Mitte 2019 Zinssenkungen der Notenbank sowie im vierten Quartal die massive Wiederaufnahme der Bilanzexpansion, die in der Interpretation der Fed aber nicht quantitative Lockerung (QE) bedeutete Als essentiell konsumgetriebene Ökonomie mit einem auf relativer Basis geringerem Gewicht der Industrie war sie direkt auch weniger vom Einbruch des Welthandels als andere, etwa Deutschland, betroffen.

Doch für unvoreingenommene Beobachter mehrten sich die Zeichen auf einen Abschwung, ja eine mögliche Rezession. Frühindikatoren, welche Warnsignale gaben, betrafen den Binnenhandel, den Arbeitsmarkt, die finanzielle Lage der Erdöl- und Gasindustrie als dem Leitsektor der Expansion in den 2010er Jahren, die finanziellen Bedingungen für die Konsumenten sowie eine ausgeprägte Blase im Kreditmarkt und in anderen Vermögenspreisen. Der folgende Artikel beleuchtet dies detailliert anhand des Güterumschlags.

Der Güterumschlag schwächt sich seit rund einem Jahr deutlich ab. Daten des Cass Freight Index for Shipments für den Januar 2020 zufolge kam es zu einem Rückgang um 9,4 Prozent verglichen mit der Frachtmenge im Januar 2019, berichtet der Finanzblog Wolfstreet. Der Cass Freight Index misst den Umschlag von Gütern im Inland, welche per Lastwagen, Eisenbahn, Frachtflugzeug und Schiff transportiert werden anhand ausgestellter Rechnungen. Dabei wird der Umschlag von Massenprodukten wie Getreide, Reis, Öl oder Kohle ausgeklammert, weil diese das Volumen verzerren würden.

Der Rückgang im Januar war nicht nur der stärkste monatliche Einbruch seit dem Jahr 2009, sondern auch der 14. Rückgang in Folge, weshalb mit Blick auf den Binnenhandel in den USA inzwischen von einer Frachtrezession in zahlreichen Güterklassen gesprochen werden muss.

Der Cass Fright Index gilt als wichtiges Barometer für den Binnenhandel in den USA. So schreibt das Magazin Logistics Management: „Viele Führungskräfte und Analysten aus der Fracht- und Logistikbranche sehen im Cass Freight Index das genaueste Barometer für Frachtvolumen und Marktentwicklungen. Viele Analysten weisen zudem darauf hin, dass der Index als Vorläufer für den Index der American Trucking Associations dient, insbesondere kurz vor Umschwüngen im Markt, was den Wert des Index unterstreiche.“

Der Tonnage Index der American Trucking Associations ist im Januar zwar leicht gestiegen, hat seinen Höhepunkt aber offenbar hinter sich. „In den vergangenen beiden Monaten ist der Index um 0,6 Prozent gestiegen, was natürlich gute Neuigkeiten sind. Aber unsere Revision zeigt, dass das Frachtvolumen im Juli 2019 seinen Höhepunkt erreichte und selbst angesichts der jüngsten Kursgewinne noch rund 1,8 Prozent unter dem Höhepunkt liegt. Die Schwäche der Industrie und hohe Lagerbestände lasten auf der Tonnage“, heißt es auf der Homepage der Organisation.

Dass es Probleme gibt, zeigt sich beispielhaft an der Insolvenz des Transport- und Logistikunternehmens Celadon Group. Diese hatte im Dezember des vergangenen Jahres Bankrott anmelden müssen. Mit rund 3000 Fahrern und etwa 2700 Lastwagen soll Celadon zu den 20 größten Spediteuren des Landes gehört haben, berichtete das Wallstreet Journal. Aber auch besonders viele kleine und mittelgroße Logistiker sollen 2019 Insolvenz angemeldet haben, wie aus Daten von Broughton Capital hervorgeht, auf die sich das Wallstreet Journal bezieht. Demnach soll sich die Zahl der Pleiten im Speditionsgeschäft in den ersten drei Quartalen 2019 mit fast 800 gegenüber demselben Zeitraum 2018 etwa verdreifacht haben.

Noel Perry, ein renommierter Analyst im Bereich der Logistik und US-Transportbranche, sieht in der gegenwärtigen Situation deutliche Anzeichen für eine später im laufenden Jahr eintretende Rezession in den USA – die Industrie und das Transportwesen seien bereits in einem Abschwung:

„Der Abschwung, den wir bereits gesehen haben, der sich 2019 in der Industrie und im Transportwesen manifestiert, ist typisch für das Jahr vor Ausbruch einer Rezession. Also ja, ich prognostiziere dezidiert eine Rezession ab dem dritten Quartal 2020. Es gibt zwei Entwicklungen, welche klassische Vorläufer einer Rezession sind: Die Weltwirtschaft ist geschwächt und hat unsere Exporte bereits heruntergezogen. Das ist der erste Faktor. Der zweite Faktor besteht darin, dass der Aufschwung, der Geschäftszyklus, jetzt müde ist. Unternehmer, die Dinge herstellen oder darin investieren, beginnen sich nun zurückzuhalten“, wird Perry von Transport Topics zitiert. „Insgesamt ist die Volkswirtschaft noch nicht in einer Rezession. Aber die Industrie. Der Dienstleistungssektor und der Einzelhandel – welche für rund 80 Prozent der US-Wirtschaftsleistung stehen – sind in Ordnung. (…) Die Konsumfreude erreicht für gewöhnlich spät im konjunkturellen Aufschwung ihren Höhepunkt, und an diesem Punkt befinden wir uns jetzt. Der Einzelhandel ist noch nicht zur Industrie und zum Transportwesen in die Rezession gerutscht, aber ich erwarte, dass das nun geschehen wird.“

Bemerkenswert ist, dass der Abschwung im Güterverkehr bereits vor Bekanntwerden des Coronavirus in China deutlich zu Tage trat. In erster Linie dürfte dies Folge des Handelskrieges der Trump-Administration und der Strafzölle gewesen sein, mit denen sich die USA und China überzogen. Angesichts der zunehmenden Ausbreitung des Virus weltweit und der ernsten Konsequenzen für die globalen Lieferketten ist mit einer beschleunigten Abkühlung der Handelsaktivität zu rechnen.

Der kommende Abschwung kündigt sich im Übrigen auch im Arbeitsmarkt an. Vorläufer dort ist der Jolts Index der Stellenausschreibungen (Job Openings). Dieser zeigt im vierten Quartal 2019 erstmals im laufenden Zyklus einen deutlichen Rückgang. Es ist dies der früheste zuverlässige Indikator für den Arbeitsmarkt. Das Wachstum der Beschäftigung wurde für 2019 ohnehin mit der anfangs Februar veröffentlichten Revision der Arbeitsmarktzahlen signifikant nach unten korrigiert, um total fast 500'000 Stellen. Nun zeigen auch die Frühindikatoren einen Umschwung an.

Es ist wichtig, diese Präzisierungen sich vor Augen zu halten. Denn jetzt werden von Analysten eiligst Revisionen der Prognosen losgtreten, und alles wird mit dem Coronavirus begründet. Dabei war der Konjunkturrückgang schon länger angelegt. Das Coronavirus ist ein zusätzlicher Schock, der den Abschwung jetzt verschärfen dürfte.

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