Deutschland

DWN SPEZIAL: Vom Mainstream ignoriert - in ganz Deutschland gehen derzeit zahlreiche Insolvenzen über die Bühne

Die deutsche Industrie ist in eine schwere Krise geraten. Eine DWN-Recherche ergab zahlreiche Insolvenzen, über die - außer in den regionalen Medien - kaum berichtet wird.
08.03.2020 07:24
Lesezeit: 3 min
DWN SPEZIAL: Vom Mainstream ignoriert - in ganz Deutschland gehen derzeit zahlreiche Insolvenzen über die Bühne
Stahlrohre stapeln sich vor der Gorch Fock. (Foto: dpa)

In Deutschland häufen sich seit einigen Monaten Insolvenzen von Unternehmen. Wie aus einer Untersuchung des Magazins Finance hervorgeht, meldeten im Jahr 2019 insgesamt 116 deutsche Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 20 Millionen Euro Insolvenz an. Zum Vergleich: 2018 gingen lediglich 97 Großunternehmen ab einem Umsatz von 20 Millionen Euro in die Insolvenz. Mehr Insolvenzen als im vergangenen Jahr gab es das letzte Mal mit 151 im Jahr 2013.

Besonders düster sieht es für Unternehmen aus der Autozuliefer-Industrie sowie der Stahlindustrie aus, wohingegen Dienstleister noch kaum von einem Abschwung betroffen sind. „Von den fünf größten Pleiten des vierten Quartals 2019 stammen drei aus der Metallindustrie. Neben Hoesch Schwerter Profile, mit 102 Millionen Euro Umsatz und 412 Mitarbeitern in die Regelinsolvenz gegangen, traf es auch den Metalltechniker Schlemmer, ein Portfoliounternehmen des PE-Investors 3i. Die Aschheimer, die mit 431 Mitarbeitern zuletzt einen Umsatz von 79 Millionen Euro erwirtschafteten, wählten ebenfalls die Regelinsolvenz. Dritter im Bunde ist der bayerische Blech- und Stahlproduzent Bader mit 40 Mitarbeitern und 78 Millionen Euro Umsatz. Dieser Mittelständler durchläuft die Restrukturierung im Rahmen einer vorläufigen Eigenverwaltung“, schreibt Finance.

Zwei Hauptgründe sorgen für die wachsenden Probleme in der Industrie: der selbsterwählte Umbruch in der Automobilindustrie sowie der laufende Abschwung in der Weltwirtschaft, verstärkt durch die noch immer schwelenden Handelskriege. Beide Faktoren treffen besonders die Stahl- und Metallindustrie. So bricht der Absatz der deutschen Autobauer seit Monaten ein – im vergangenen Jahr ist die Produktion dort um etwa 11 Prozent zurückgegangen – was sich in einem Produktionsrückgang in der Metallbranche von fast 4 Prozent bemerkbar machte. Der Output der deutschen Stahlindustrie ist zudem aufgrund des weltweiten Überangebots im vergangenen Jahr um 6,5 Prozent gesunken – auf den niedrigsten Wert seit der Wirtschaftskrise. Anfang Februar hatte die amerikanische Regierung darüber hinaus ihre Strafzölle auf Metallprodukte wie Nägel, Heftklammern, Draht und Kabel ausgeweitet. „Sofern die Konjunktur nicht deutlich anzieht, werden wir in der Metallbranche in diesem Jahr noch weiter steigende Insolvenzzahlen sehen“, wird ein Autor der Studie von Finance zitiert.

Schlagzeilen machten vor einigen Monaten bereits eine ganze Reihe von Automobilzulieferern, welche entweder Bankrott anmelden (Weber Automotive, Gusswerke Saarbrücken) oder in großem Umfang Mitarbeiter entlassen mussten (Brose, Schaeffler, Gea, Continental, Leoni, Marquardt, Mahle). Ausgelöst wurde die Pleitewelle durch den strategischen Schwenk hin zur Elektromobilität einerseits und den Feldzug gegen den Diesel-Antrieb andererseits. Die Folge: inzwischen plant jeder zweite Autozulieferer damit, Stellen zu streichen, wie die Deutschen Wirtschaftsnachrichten kürzlich berichteten.

Am Mittwoch dann kündigte Volkswagen an, das Werk des konzerneigenen Sitzeherstellers Sitech in Hannover mit 450 Mitarbeitern zu schließen. Es sei an dem Standort in den vergangenen Jahren nicht gelungen, wettbewerbsfähig zu produzieren, begründete Sitech den Schritt am Mittwoch. Nun sollen Verhandlungen über einen "sozialverträglichen" Abbau der Arbeitsplätze aufgenommen werden. Sollte keine Einigung erzielt werden, wären Entlassungen das letzte Mittel. Das wäre ein für Volkswagen unüblicher Schritt.

Eine Internet-Recherche zeigt, dass derzeit viele weitere Insolvenzen bei Unternehmen aus dem industriellen Sektor vollzogen werden und Arbeitsplatzverluste drohen (Liste ist nicht vollständig):

16 deutsche Tochtergesellschaften des britischen Reifengroßhändlers Fintyre Group: Insolvenz angemeldet, 1.300 Beschäftigte müssen um ihren Arbeitsplatz bangen

Norddeutschlands größtes Autohaus Wichert in Hamburg: Insolvenz angemeldet, 1.400 Mitarbeiter sorgen sich um ihren Arbeitsplatz

Automobilzulieferer Herbert Maschinenbau bei Fulda: Insolvenz angemeldet, 240 Mitarbeiter betroffen

Reiff Reifen und Autotechnik GmbH: Insolvenz angemeldet, 500 Mitarbeiter bangen um den Arbeitsplatz

Metall- und Präzisionsschmiede Sona: Insolvenz angemeldet, 1.300 Angestellte deutschlandweit betroffen

Autozulieferer Schweizer Group: Zweite Insolvenz seit 2018 angemeldet, 600 Arbeitsplätze bundesweit gefährdet

Maschinenbauer Bielomatik: Insolvenz angemeldet, Investoren gefunden, 120 Arbeitsplätze gestrichen

Industriekühler Haugg GmbH: Insolvenz angemeldet, einige Dutzende Beschäftigte betroffen

Tiefkühlspezialist Geti Wilba: Insolvenz angemeldet, 500 Arbeitsplätze bedroht

Bayerwald Fenster und Türen: Insolvenz angemeldet, 300 Mitarbeiter betroffen

Polenz Metall Design Manufaktur: Insolvenz angemeldet, 60 Mitarbeiter wurden entlassen, Suche nach Investor läuft

Zwei Töchter der Reederei Zeamarine in Bremen: Schuldenbereinigungsverfahren eingeleitet

Automobilzulieferer WK-Plastics: Insolvenz angemeldet, 130 Mitarbeiter betroffen

Stahlbauunternehmen Müller Offenburg Steeltec GmbH: Insolvenz angemeldet, 75 Mitarbeiter betroffen

Taxi Süd und City Taxi in Recklinghausen: 115 Stellen drohen gestrichen zu werden, Insolvenz angemeldet

Edinger Onlinehandel: Insolvenz angemeldet, 41 Mitarbeiter betroffen

GlasMetall: Insolvenz angemeldet, 51 Mitarbeiter betroffen

Ladenbauer Trend-Store: Insolvenz angemeldet, 130 Mitarbeiter sorgen sich um den Arbeitsplatz

Net Cargo GmbH: Insolvenz angemeldet

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