Steht die Welt vor einem neuen Goldrausch?

 

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12.03.2020 08:00
Auch wenn die Großbanken ihre koordinierten Angriffe gegen das Gold fortsetzen werden: Das Edelmetall ist und bleibt die weltweit sicherste Währung. Genaugenommen die einzige reale Währung, wie DWN-Gastautor Ernst Wolff in seiner Analyse herausarbeitet.
Steht die Welt vor einem neuen Goldrausch?
Goldbarren der Deutschen Bundesbank in Frankfurt. (Foto: dpa)

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Die Corona-Pandemie entpuppt sich immer mehr als der schwarze Schwan, den Investoren seit Langem gefürchtet und informierte Analysten seit geraumer Zeit erwartet hatten. Die heftigen Erschütterungen im globalen Finanzsystem haben aber nicht nur immense Werte vernichtet, sondern Investoren auf harte Weise mit zwei Wahrheiten konfrontiert, die im Verlaufe des hinter uns liegenden jahrelangen Aufwärtstrends der Finanzmärkte von vielen vergessen worden waren.

Wahrheit Nr. 1: Auch das raffinierteste Finanzgebäude kann sich niemals ganz von der Realwirtschaft lösen. In den vergangenen Jahren schien es ja fast, als führe das Derivate-Casino ein Eigenleben und habe mit der Realwirtschaft nichts mehr zu tun. Das Lahmlegen von Produktionsstätten, Lieferketten und Absatzmärkten durch das Corona-Virus hat aber gezeigt: Wenn die Realwirtschaft in die Knie gezwungen wird, dann bricht – mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung – auch der Finanzsektor ein.

Wahrheit Nr. 2: Die einzige wirkliche Währung auf der Welt ist und bleibt Gold. Da Geld weltweit seit 1971 an keinen festen Wert mehr gebunden ist, handelt es sich bei allen Währungen der Welt – egal, ob in Form von Bargeld als bedrucktes Papier oder in Form von Buchgeld als Datensatz – um Fiat-Währungen, von denen sich die Menschen in Krisenzeiten abwenden, um zum realen Geld – also den Edelmetallen, in erster Linie dem Gold – zurückzukehren.

Natürlich versuchen diejenigen, die am meisten vom gegenwärtigen System profitieren, diese Wahrheiten auch weiterhin zu verschleiern und alles zu unternehmen, um das Casino in Gang zu halten. Ihr wichtigster Helfer sind dabei nach wie vor die Zentralbanken, die immer mehr Geld aus dem Nichts schaffen und es zu immer niedrigeren Zinsen vergeben.

Die Mittel der Zentralbanken wirken nicht mehr

Das aber dürfte in Zukunft nicht mehr funktionieren. Die Zinssenkung der FED um 0,5 Prozent ist nicht nur wirkungslos verpufft, sie hat als offensichtliche Panikreaktion Angst verbreitet und den Verfall an den Aktienmärkten und die Flucht in Staatsanleihen sogar beschleunigt. Damit hat sich gezeigt, dass wir im globalen Finanzsystem ein Stadium erreicht haben, in dem die bisher angewandten Mittel nicht mehr wirken.

Der große Gewinner dieser Entwicklung war das Gold, das seinen Ende 2018 begonnenen Siegeszug trotz mehrerer heftiger Attacken unbeirrt fortsetzte und das in der vor uns liegenden Periode mit großer Wahrscheinlichkeit weitere Triumphe feiern dürfte.

Warum? Weil den Zentralbanken momentan nur drei Möglichkeiten bleiben, sich gegen den Einbruch der Märkte zu wehren: Sie können noch mehr Geld als bisher drucken, sie können die Zinsen noch weiter senken und sie können Helikoptergeld einführen. Alle drei Varianten würden das Geld zusätzlich entwerten und Gold damit noch attraktiver machen.

Zudem gibt es weltweit diverse weitere Brandherde, die dem Gold nützen werden: Zum einen die riesige Derivate-Blase, die zu platzen und das gesamte globale Finanzgefüge zum Einsturz zu bringen droht. Da Derivate zur Absicherung von Risiken dienen, dürften die gewaltigen Einbrüche der vergangenen zehn Tage bereits enorme Einschläge bei Banken, Hedgefonds und Versicherungen verursacht haben.

Um die betroffenen Finanzinstitute zu stabilisieren, bleiben den Zentralbanken wiederum nur folgende Möglichkeiten: Entweder sie unterstützen sie durch – zum Teil verdeckte -Geldzahlungen (wie zurzeit in den USA auf dem Umweg über den Repo-Markt) oder sie greifen zum Mittel des Bail-in oder des Bail-out. Bei einem Bail-in werden Aktionäre, Anleihen-Besitzer und Sparer teilenteignet, beim Bail-out wird der Steuerzahler mit den Kosten der Rettung belastet.

Staatsanleihen werden als sicherer Hafen immer unattraktiver

Während die erste Möglichkeit direkt zur Geldentwertung beiträgt, dürfte der psychologische Effekt der beiden anderen Möglichkeiten das Vertrauen in das Banken- und Geldsystem weiter erschüttern. Alle drei Varianten deuten also ebenfalls in Richtung Flucht in sichere Häfen. Da der bisher vermeintlich sicherste Hafen - die Staatsanleihen - wegen der in den Negativbereich rutschenden Renditen immer unattraktiver wird, deutet auch hier alles aufs Gold.

Ein zusätzlicher Brandherd ist der Preiskampf, der um das Öl entbrannt ist, und mit dem Saudi-Arabien und Russland die US-amerikanische Fracking-Industrie und den Petrodollar in nie dagewesener Weise unter Druck gesetzt haben. Sollten beide tatsächlich ins Wanken geraten, könnte mit dem Zerfall des Petrodollars die große Stunde einer goldgedeckten Währung schlagen – möglicherweise des Yuan, möglicherweise aber auch einer zwischen mehreren Ländern abgesprochenen Währungsunion. Auch das würde dem Gold weltweit einen ungeheuren Schub geben.

Es ist fast egal, auf welchen Krisenherd in der Welt man derzeit schaut – sämtliche Konflikte helfen mit, das gegenwärtige Geld- und Finanzsystem zu destabilisieren, das Vertrauen darin zu unterminieren und den Wert des Fiat-Geldes zu minimieren.

Das alles aber heißt noch lange nicht, dass wir es beim Goldpreis mit einem geraden Aufwärtstrend zu tun haben werden. Wie in den vergangenen Wochen, wird es immer wieder scharfe und von den Großbanken koordinierte Angriffe auf das Gold geben. Das verwundert nicht, dann der Preis des Edelmetalls ist in der Zeit von 1971 (der Abkoppelung vom US-Dollar) bis in die Gegenwart von 35 US-Dollar auf über 1.650 US-Dollar gestiegen, hat sich also alle 6,75 Jahre verdoppelt und seinen Besitzern auf das einzelne Jahr umgerechnet einen Gewinn von knapp 10,7 Prozent erbracht.

Dieser Trend ist natürlich auch den Großbanken nicht entgangen, und sie haben daran kräftig mitverdient. Wie? Indem sie Gold nicht in physischer Form, sondern in Papierform verkauft haben, und das in einem weit über ihren Goldbestand hinausgehenden Maß. Schätzungen zufolge ist zwischen zweihundert und fünfhundert Mal mehr Gold verkauft worden, als tatsächlich bei diesen Banken vorhanden ist.

Die Großbanken fürchten den Run auf das Gold

Wenn nun – wie in diesen Tagen – das gesamte globale Finanzgefüge ins Wanken gerät, müssen natürlich viele Großinvestoren auf ihre Reserven zurückgreifen – und die werden zu einem Teil in Gold gehalten. Tritt dieser Fall ein, geht der Preis natürlich in die Höhe und bringt noch mehr Goldeigner auf die Idee, ihren Besitz einzufordern.

Damit aber wäre schnell der Punkt erreicht, an dem die Banken ihren Betrug eingestehen und den Offenbarungseid leisten müssten. Deshalb müssen sie derzeit alle erdenklichen Maßnahmen ergreifen, um den Goldpreis so tief wie möglich zu halten. Aus genau diesem Grund werfen die Großbanken – vorzugsweise über Nacht - plötzlich und ohne Vorankündigung mengenweise Papierkontrakte auf den Markt, worauf der Goldpreis blitzschnell absinkt.

Doch auch hier haben die vergangenen vierzehn Tage ganz offensichtlich eine Wende eingeläutet: Trotz mehrerer solcher Großangriffe auf den Goldpreis, die ihn zum Teil in Minuten um mehrere Prozent haben fallen lassen, hat er sich in allen Fällen umgehend wieder erholt – ein eindeutiges Zeichen, dass die Manipulation nicht mehr automatisch das gewünschte Ergebnis für die Manipulateure bringt.

Wie wird es weitergehen?

Die Situation im globalen Finanzsystem könnte derzeit kaum schlechter aussehen. Die Welt rutscht nach einem 125-monatigen Daueraufschwung der Finanzmärkte in eine Rezession, zwischen den USA, China und der EU tobt weiterhin ein Handels- und Währungskrieg, im Nahen Osten brodelt es, die Neue Seidenstraße gefährdet den Petrodollar, Saudi-Arabien und Russland lassen den Ölpreis einbrechen, die US-Fracking-Industrie kämpft ums blanke Überleben und zu allem Überfluss tritt nun auch noch ein Virus auf, das ganze Volkswirtschaften lahmlegt.

Es erfordert schon einen ans Pathologische grenzenden Optimismus, um bei dieser geopolitischen und wirtschaftlichen Großwetterlage auf kurzfristige Besserung zu hoffen. Wahrscheinlicher ist, dass wir gerade am Anfang eines Abwärtsstrudels stehen, der Auswirkungen haben könnte, wie die Welt sie seit der Großen Depression nicht erlebt hat.

Der größte Gewinner könnte ein Edelmetall sein, das von vielen bereits als „archaisches Relikt“ bezeichnet, belächelt und über lange Zeiträume nicht ernstgenommen wurde. Wie es momentan aussieht, wird sein Aufstieg noch eine Zeitlang immer wieder ausgebremst werden. Irgendwann aber, in vermutlich nicht allzu ferner Zukunft, dürften die Mechanismen, mit denen sein Preis manipuliert wird, nicht mehr greifen – und dann könnte die Welt einen Goldrausch erleben, der alles, was wir bisher gesehen haben, in den Schatten stellt.

                                                                            ***

Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.


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