Wirtschaft

Muss Gazprom um seine Anteile auf dem europäischen Gasmarkt bangen?

Nur 32 Prozent der langfristigen Verträge von Gazprom mit europäischen Kunden sind an den Ölpreis gebunden. Trotzdem muss der russische Gas-Riese mit Einnahme-Einbußen rechnen.
28.03.2020 12:10
Lesezeit: 2 min
Muss Gazprom um seine Anteile auf dem europäischen Gasmarkt bangen?
Was kommt nun auf Gazprom zu? (Foto: dpa) Foto: Roman Pilipey

Der russische Gas-Riese Gazprom, der größte Erdgaslieferant Europas, beobachtet mit Besorgnis die wachsenden Mengen an Flüssigerdgas (LNG) aus den USA, die seit zwei Jahren nach Europa exportiert werden.

Die Coronavirus-Pandemie und der Ölpreisverfall - obwohl sie für alle Gasverkäufer auf der ganzen Welt negative Folgen haben - dürften die LNG-Exporteure jedoch mehr treffen als Gazprom, argumentiert der russische Energieanalyst Alexander Sobko. Während die Mehrheit der langfristigen LNG-Verträge an den Ölpreis gebunden sind, sind lediglich 32 Prozent der langfristigen Verträge von Gazprom an den Ölpreis gebunden.

Die Ölpreise werden die Einnahmen und Gewinne der LNG-Exporteure senken, deren Verträge an den Ölpreis gebunden sind. Die LNG-Flut angesichts der gedrückten Nachfrage und der wirtschaftlichen Abkühlung (und der völligen Rezession in vielen reifen Märkten) dürfte die LNG-Spotpreise länger niedriger halten, die Gewinne der LNG-Produzenten beeinträchtigen und sie möglicherweise dazu zwingen, endgültige Investitionsentscheidungen bei LNG-Projekten aufzuschieben.

Gleichzeitig beeinträchtigen niedrige Erdgaspreise in Europa auch die Umsatzerlöse von Gazprom. Russland war sowohl 2018 als auch im ersten Halbjahr 2019 der größte Erdgaslieferant für die Europäische Union (EU), vor Norwegen, wie EU-Daten zeigen, so Eurostat.

Elena Burmistrova, Generaldirektorin bei Gazprom Export, sagte am Investorentag von Gazprom im vergangenen Monat, dass der Anteil des Unternehmens am Gasverbrauch in Europa und der Türkei im Jahr 2019 35,6 Prozent betrug.

Auf der Europäischen Gaskonferenz in Wien im Januar gab Burmistrova zu, dass das Exportvolumen von Gazprom nach Europa im Jahr 2019 im Vergleich zu 2018 zurückgegangen war, spielte jedoch den „Rückgang von weniger als 1,5 Prozent gegenüber dem Rekordvolumen von 2018“ herunter.

Ein perfekter Sturm milderen Winterwetters und eine neue LNG-Versorgung aus den USA und Australien führten Ende im vergangenen Jahr zu einer globalen LNG-Flut und sinkenden LNG-Spotpreisen. Im März 2020 sind die europäischen LNG-Gasspeicher voller als sonst. Europa wird wahrscheinlich nicht in der Lage sein, die LNG-Mengen, die Asien nicht aufnehmen konnte, zu absorbieren.

In Italien, dem Land, das neben China am schlimmsten von der Pandemie betroffen ist, ist der Strombedarf nach dem Stillstand in der vergangenen Woche zurückgegangen, sagte Peter Osbaldstone von Wood Mackenzie. Die Stromerzeugung ging in der ersten Woche der landesweiten Quarantäne im Vergleich zur Vorwoche um 8,8 Prozent zurück, wobei die gasbefeuerte Produktion, die über 40 Prozent des Gesamtangebots auf dem Markt ausmacht, laut WoodMac um fünf Prozent zurückging.

“Weitere Nachfrage-Reduzierungen werden in ganz Europa erwartet, da Ausgangssperren sich immer weiter verbreiten werden. Die industrielle und kommerzielle Nachfrage dürfte besonders schwach sein, da sich die Wirtschaftstätigkeit verlangsamt”, so Osbaldstone.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die LNG-Importe nach Europa sinken werden, doch auch die Exporte und Einnahmen von Gazprom und die Einnahmen für den russischen Staat werden zurückgehen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Sozialleistungen und Personal: Kommunen mit Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro
01.04.2026

Trotz steigender Steuereinnahmen wachsen die Ausgaben der Gemeinden noch schneller. Wofür besonders viel Geld ausgegeben wurde und wie die...

DWN
Technologie
Technologie LNG: Rekordimport an Flüssigerdgas über deutsche Terminals
01.04.2026

Trotz globaler Krisen laufen die deutschen Importterminals für Flüssigerdgas auf Hochtouren. Der Großteil der deutschen LNG-Importe...

DWN
Politik
Politik Trump ändert Strategie im Iran-Krieg: Wird Ghalibaf zum Schlüsselakteur?
01.04.2026

Ein umstrittener Machtpolitiker aus Teheran rückt plötzlich in den Fokus der US-Strategie im Iran-Konflikt. Wird Mohammad Bagher Ghalibaf...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BASF China: Warum der Konzern alles auf China setzt
01.04.2026

BASF investiert Milliarden in China und macht den Standort zum Schlüssel seiner Zukunft. Während dort Gewinne entstehen sollen, kämpft...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preissturz an Polens Tankstellen vor Ostern: Ansturm auf Tankstellen läuft bereits
31.03.2026

In Polen gelten wegen der gestiegenen Spritpreise ab sofort gedeckelte Preise für Benzin und Diesel. Während polnische Haushalte...

DWN
Politik
Politik Zukunft Deutschland: Jugendliche immer pessimistischer - Zuversicht sinkt drastisch
31.03.2026

Junge Menschen blicken zunehmend skeptisch auf ihre Heimat. Das zeigt eine aktuelle Sinus-Jugendstudie im Auftrag der Barmer Krankenkasse....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Iran-Krieg setzt Märkte unter Druck: Warum Ölpreise steigen und Aktien fallen
31.03.2026

Ein Monat nach Beginn des Iran-Kriegs geraten Finanzmärkte, Aktien und Energiepreise weltweit unter spürbaren Druck. Welche konkreten...