Deutschland

Corona: Ehemaliger ifo-Chef Hans-Werner Sinn rät zu Kurzarbeitergeld, lehnt Hilfszahlungen für Unternehmen ab

Hans-Werner Sinn warnt davor, Unternehmen in der Corona-Krise zu bezuschussen, weil eh schon viel zu viel Geld auf dem Markt sei. Auch die Ausgabe von Helikopter-Geld lehnt der ehemalige Leiter des ifo Instituts kategorisch ab. Stattdessen spricht er sich für die Zahlung von Kurzarbeitergeld, für Steuererleichterungen sowie für staatliche Bürgschaften aus, um Unternehmen Bankkredite zu sichern.
25.03.2020 11:00
Aktualisiert: 25.03.2020 11:06
Lesezeit: 2 min

Eine heftige Rezession ist nicht mehr zu vermeiden. Manche Ökonomen schlossen daraus, dass man dagegen nun mit nachfragestimulierenden Maßnahmen angehen solle. Diese Position überzeugt nicht wirklich, denn die Weltwirtschaft leidet nicht unter einem Nachfrage-, sondern unter einem Angebotsmangel. Es fehlt an Menschen auf den Arbeitsplätzen, weil sie krank sind oder sich richtigerweise in Quarantäne befinden. In einer solchen Situation würden Maßnahmen zur Belebung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage allenfalls einen Inflationsschub auslösen. Es käme zu einer Stagflation wie schon in den 1970er Jahren während der Ölkrise, als ein anderer wichtiger Produktionsfaktor fehlte.

Aber nicht nur das, nachfragestimulierende Maßnahmen könnten sogar kontraproduktiv sein, denn sie würden dem gesundheitspolitisch Gebotenen entgegenwirken, weil sie die Kontaktaufnahme der Menschen fördern. Was sollte zum Beispiel ein Land wie Italien davon haben, wenn man den Leuten mehr Geld in die Hand gibt, damit sie mehr einkaufen können, wenn die Epidemiologen sagen, dass die Läden geschlossen bleiben und die Menschen zuhause bleiben sollen?

Ähnliches gilt für Liquiditätshilfen. Die Welt schwimmt ohnehin schon in Liquidität, und bekanntlich sind die Zinsen überall in der Nähe von Null oder gar negativ. Noch mehr Zinssenkungen in den tiefroten Negativbereich würden vielleicht den Börsen helfen, doch zugleich würden sie einen Run auf das Bargeld erzeugen.

Der Börsencrash war unter diesen Umständen unvermeidbar. Die Zentralbanken haben ihr Pulver bereits zu Unzeit verbraucht und sind verantwortlich für die Blase, die Corona nun platzen ließ. Ihre Politik des leichten Geldes und der Vergemeinschaftung der Haftungsrisiken war leichtsinnig.

Was nun wirklich nottut, sind Maßnahmen, die die Unternehmen und Banken vor Insolvenzen retten, damit sie nach der Überwindung der Seuche wieder durchstarten können. Steuererleichterungen und staatliche Bürgschaften, die es den Firmen möglich machen, Überbrückungskredite von den Banken zu erhalten, gehören zu den Mitteln der Wahl. Als beste Maßnahme bietet sich das in Deutschland schon seit Langem bewährte Kurzarbeitergeld an, mit dem die Unterbeschäftigung der Belegschaft ähnlich wie die Arbeitslosigkeit kompensiert wird, und das kaum etwas kostet, weil es die echte Arbeitslosigkeit vermeidet. Das sollten die Länder dieser Welt kopieren.

Noch wichtiger ist es, direkt gegen die Seuche vorzugehen, wie China es tat. Dabei darf es an Geld nicht fehlen. Die Kapazität der Intensivstationen der Krankenhäuser muss dramatisch erweitert werden, neue Behelfs-Krankenhäuser müssen aus dem Boden gestampft werden, Beatmungsgeräte, Schutzanzüge und Masken müssen unter großem Einsatz sofort produziert werden. Die Betriebe und andere öffentliche Räume müssen ständig desinfiziert werden. Sauberkeit ist das Gebot der Stunde. Großflächige Virus-Tests sind einzuführen, die wesentliche Teile der Bevölkerung erfassen und noch möglichst viele der Infizierten identifizieren. Jede einzelne Identifikation kann viele Menschenleben retten. Die Kapitulation vor der Seuche ist keine Option. Dazu ist sie zu gefährlich für uns Menschen.

Hans-Werner Sinn ist emeritierter Professor für Volkswirtschaft an der Universität München und war von 1999 bis 2016 Präsident des ifo-Instituts.

Copyright: Project Syndicate, 2020.



www.project-syndicate.org

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Hans-Werner Sinn

Hans-Werner Sinn war von 1999 bis 2016 Präsident des Münchener "ifo Instituts für Wirtschaftsforschung" sowie Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 

 

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