Technologie

Singapur baut den autonomen Schlepper - Experten sind skeptisch

Der Hafen von Singapur lässt einen autonomen Schlepper bauen. Die digitale Technik liefert der Schweizer Technologie-Konzern Asea Brown Boveri (ABB). Von den DWN befragte Experten glauben nicht an den Erfolg des Vorhabens.
28.03.2020 12:10
Lesezeit: 3 min
Singapur baut den autonomen Schlepper - Experten sind skeptisch
Schlepper helfen dem 399 Meter langen und 59 Meter breiten Containerschiff "Mayview Maersk" bei seiner Einfahrt in den Hamburger Hafen. (Foto: dpa) Foto: Christophe Gateau

Der Hafen von Singapur hat einen autonomen Schlepper in Auftrag gegeben. Gebaut wird das 32 Meter lange Schiff vom Schiffs- und Offshoretechnik-Unternehmen „Keppel Offshore & Marine“ (Singapur). Die Digital-Technik liefert das Schweizer Unternehmen Asea Brown Boveri (ABB). Die Abnahme des Schiffes soll das „American Bureau of Shipping“ (ABS) übernehmen. ABS ist eine der weltweit führenden Schiffs-Klassifikationsgesellschaften, also eine Art TÜV für Schiffe, ähnlich dem vor ein paar Jahren in DNV GL umfungierten Germanischen Lloyd mit Sitz in Hamburg.

Aus einer Antwort von Asea Brown Boveri auf eine Anfrage der Deutschen Wirtschaftsnachrichten geht hervor, dass der Schlepper nach erhaltener Genehmigung durch ABS nicht sofort Schlepper-typische Aufgaben aufnehmen soll, sondern zunächst einmal nur „Navigationsaufgaben in einem speziell dafür vorgesehenen Testgebiet im geschäftigen Hafen von Singapur“ (Singapur ist nach Schanghai der umschlagstärkste Hafen der Welt – Anm. d. Red.). Anschließend soll der Schlepper Versuchsfahrten zur Kollisionsvermeidung unternehmen. ABB: „Das Schiff wird dabei unter menschlicher Aufsicht stehen.“ Das heißt, es befindet sich weiterhin eine Besatzung an Bord.

Auf die Frage, ob es in Deutschland bald autonome Schlepper geben könnte, führt ABB aus: „Es wird erwartet, dass autonome Lösungen die internationale Schifffahrt in den kommenden Jahrzehnten verändern werden, da die Schiffe mehr denn je elektrisch, digital und vernetzt werden. Wir hoffen, dass mehr zukunftsorientierte Reeder in allen Teilen der Welt, einschließlich Deutschland, Spitzentechnologien einsetzen, die die Fähigkeiten der Seeleute erweitern und die Sicherheit, Nachhaltigkeit und Effizienz der Abläufe insgesamt verbessern.“

Dass in absehbarer Zukunft wirklich Hafenschlepper oder gar Container-Schiffe völlig autonom, also ohne Besatzung, unterwegs sein werden, mag ABB nicht bestätigen: „Wie die Erfahrungen (…) zeigen, müssen sich sowohl die Einstellungen als auch die Technologien weiterentwickeln, damit Vertrauen und Zuversicht zur Nutzung auf der ´nächsten Stufe´ gelangen können. (…) Und sie werden die Technologien sein, die die Besatzungen in ihrer Rolle als Wächter am besten unterstützen, wachsam genug, um einzugreifen, wenn Sicherheit, Effizienz oder Umweltverantwortung gefährdet sind.“

Tendenziell also doch noch kein autonomer Schlepper, kein autonomes Handelsschiff in den nächsten Jahren. Das sieht auch Prof. Stefan Krüger vom „Institut für Entwerfen von Schiffen und Schiffssicherheit“ der Technischen Universität Hamburg (TUHH) so, wie er den DWN mitteilte. Um das autonome Schiff sei ein „Hype“ entstanden, um den viel „Bohei“ gemacht werde, so der Wissenschaftler, der früher als Leiter Basiskonstruktion bei der Werft „Flensburger Schiffbau Gesellschaft“ tätig war. Die Zulieferer würden diesen Hype pushen, um Geld zu verdienen, aber keine Bau-Werft (im Unterschied zur Reparatur-Werft – Anm. d. Red.) werde bereit sein, dabei mitzumachen. Denn sie hafte, sollte etwas passieren – nur habe sie keinerlei Möglichkeit, von vornherein ein Unglück auszuschließen, würde sich durch den Bau eines autonomen Schiffes also einem gewaltigen Risiko aussetzen.

Der Geschäftsführer von Deutschlands größter Schlepper-Reederei, „Bugsier“ mit Sitz in Hamburg, glaubt nicht an die Praktikabilität von autonomen Schleppern. Walter Collet, von der Ausbildung her Kapitän auf großer Fahrt, betonte im Gespräch mit den DWN das Fingerspitzengefühl, über das ein Schlepper-Kapitän verfügen müsse: „Das erlangt er im Laufe seiner Berufspraxis. Der Mann spürt, wie ein Schiff sich bewegt, er verarbeitet darüber hinaus eine Vielzahl von visuellen Eindrücken. Wie soll ein autonom fahrendes Schiff das tun? Man darf nicht vergessen, dass das Schleppen von Schiffen eine sehr komplexe Angelegenheit mit sehr komplizierten Manövern darstellt.“

Weiterhin weist Collet darauf hin, dass auf einem autonomen Schiff „Redundanzen“ installiert werden müssten, weil niemand an Bord sei, der eine defekte Maschine reparieren könne. Wenn aber für jede reguläre Maschine eine Ersatz-Maschine eingebaut werden müsse, würden die Herstellungs-Kosten enorm steigen: „Und dann ist fraglich, ob sich ein solches Schiff finanziell überhaupt lohnt. Zumal es derzeit noch gar nicht möglich ist, ohne Besatzung auszukommen. Die Leute müssen ja an Bord bleiben, um die Sicherheit zu garantieren. Da kann man sich fragen, was das Ganze überhaupt soll – ein autonomer Schlepper, bei dem auf die Besatzung nicht verzichtet werden kann.“

Krüger sagt, dass in der autonomen Schifffahrt die falschen Leute forschen: „Die kommen beispielsweise vom DLR oder vom Fraunhofer Institut, die haben überhaupt keine Ahnung vom praktischen Schiffbau. Wie es auf einer Werft zugeht, wissen die nicht. Die forschen häufig nach dem Prinzip: ´Ich hab ´ne Lösung, wo ist das Problem dazu?´ Auf die Weise werden dann Dinge entwickelt wie autonome Schlepper, die kein Mensch braucht.“

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen KI bei Tech-Aktien: Wie massive Investitionen Wachstum fördern und Risiken für Anleger bergen
01.01.2026

Die Tech-Branche steht erneut im Fokus der Finanzmärkte. Mit Milliardeninvestitionen in künstliche Intelligenz setzen führende...

DWN
Immobilien
Immobilien Toyota Woven City: Japans Reallabor am Mount Fuji
01.01.2026

Unter dem Blick des Fuji baut Toyota eine Stadt als Reallabor: Woven City. Hier treffen Wasserstoff, Sensorik und autonome Mobilität auf...

DWN
Immobilien
Immobilien Sonne als Heizung: Wie Sie mit energieeffizienten Fenster Heizkosten sparen – Tipps und Tricks
01.01.2026

Fenster sind mehr als Lichtspender: Sie entscheiden über Wärme, Komfort und Energieverbrauch. Richtig platziert und gesteuert, werden sie...

DWN
Unternehmen
Unternehmen AWS treibt Ausbau der Dateninfrastruktur voran: Unterseekabel zwischen Irland und USA geplant
01.01.2026

Irland rückt zunehmend in den Fokus globaler Dateninfrastruktur, während Unternehmen ihre Cloud- und KI-Kapazitäten ausbauen. Welche...

DWN
Panorama
Panorama BiB-Studie: Städte wachsen, Land schrumpft – der Bevölkerungstrend bis 2070
01.01.2026

Wachsen die Städte weiter – und schrumpft das Land noch schneller? Eine neue Studie des BiB rechnet bis 2070 verschiedene Szenarien...

DWN
Technologie
Technologie Glasfaser-Betrug: So erkennen Sie Laufzeitfallen beim Glasfaservertrag
01.01.2026

Glasfaser klingt nach Zukunft – doch beim Vertragsabschluss lauern Fallen. Manche Anbieter verschieben Laufzeitbeginne, andere arbeiten...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnnebenkosten-Ranking: In diesen Städten wird Wohnen zur Kostenfalle
01.01.2026

Die Miete allein ist längst nicht mehr das Problem – die Nebenkosten treiben die Wohnkosten auf ein neues Niveau. Höhere Gebühren,...

DWN
Politik
Politik Merz wirbt für "Moment des Aufbruchs" 2026
01.01.2026

In seiner ersten Neujahrsansprache appelliert Kanzler Merz an Vertrauen und Tatkraft in Krisenzeiten – und stellt in Aussicht, dass die...