Finanzen

Kommt es zu einer Verstaatlichung der US-Notenbank?

Es ist durchaus möglich, dass die US-Notenbank Fed direkt oder indirekt verstaatlicht wird. Einige Ökonomen fordern bereits heute die Entmachtung der Fed.
31.03.2020 16:27
Aktualisiert: 31.03.2020 16:27
Lesezeit: 3 min
Kommt es zu einer Verstaatlichung der US-Notenbank?
Die US-Notenbank befindet sich in der Zwickmühle. (Foto: dpa) Foto: Arno Burgi

Larry Seidman, Professor an der University of Delaware, schlägt vor, dass die US-Notenbank Fed der US-Bundesregierung keinen Kredit gewährt, sondern einen Zuschuss gibt. “Der Federal Reserve sollte gestattet werden, einen riesigen Scheck an das Finanzministerium zu schreiben, keinen Kredit, sondern einen Zuschuss. Das Finanzministerium muss keine Kredite aufnehmen, und unsere Schulden der Bundesregierung würden sich nicht erhöhen”, zitiert Marketplace Seidman. In die Finanzmärkte hatte die Fed zuletzt 1,5 Billionen US-Dollar gepumpt.

Um dem US-Finanzministerium Geld zu leihen, erwirbt die Fed Staatsanleihen. Sie muss dafür kein Geld drucken. Sie vergibt einen Kredit an ihre Mitgliedsbanken, die die Staatsanleihen halten, und führt sie dann fügt sie dann ihrer eigenen Bilanz zu. Dies geschieht über ein Büro bei der Federal Reserve Bank von New York. Der Kredit wird wie Geld behandelt, obwohl die Fed kein Bargeld druckt.

Dieser Prozess wird als Offenmarktgeschäft bezeichnet, und die Fed nutzt ihn auch, um die Zinssätze zu erhöhen und zu senken. Die Fed vergibt Kredite an die Banken, so dass ihnen mehr Reserven zur Verfügung stehen, als sie zur Deckung des Mindestreservebedarfs der Fed benötigen. Die Banken werden diese überschüssigen Reserven, sogenannte Fed-Fonds, dann an andere Banken verleihen, damit diese ihre Reserveanforderungen erfüllen können. Die Banken bieten anderen Banken normalerweise einen niedrigeren Zinssatz an, der als Fed Funds Rate bezeichnet wird, damit sie ihre überschüssigen Reserven leichter entladen können.

Wenn die US-Regierung Staatsanleihen versteigert, leiht sie Kredite von allen Käufern von Staatsanleihen, einschließlich Einzelpersonen, Unternehmen und ausländischen Regierungen. Die Fed wandelt diese Schulden in Geld um, indem sie diese Staatsanleihen aus dem Verkehr zieht. Durch die Verringerung des Angebots an Staatsanleihen werden die verbleibenden Anleihen wertvoller.

Dieser Prozess mag den Anschein erwecken, als ob die von der Fed gekauften Staatsanleihen nicht existieren, aber sie existieren in der Bilanz der Fed, und technisch gesehen muss das Finanzministerium die Fed eines Tages auszahlen.

Zwischen November 2010 und Juni 2011 erwarb die Fed längerfristige Staatsanleihen im Wert von 600 Milliarden US-Dollar. Dies war die erste Phase der Ausweitung der Geschäftstätigkeit der Zentralbank oder der quantitativen Lockerung, bekannt als QE1. Es gab vier Phasen des QE-Programms, die bis Oktober 2014 dauerten. Die Fed hatte in ihrer Bilanz Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere in Höhe von 4,5 Billionen US-Dollar. Am 14. Juni 2017 kündigte die Fed an, ihre Bestände schrittweise reduzieren zu wollen, damit sie sie nicht verkaufen müssen. Der Prozess begann im Oktober 2017, und ab Januar 2019 tat die Fed dies immer noch, indem sie zuließ, dass Einnahmen in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar, hauptsächlich aus ihrem Anleihenportfolio, jeden Monat aus ihrer Bilanz gestrichen wurden.

Allerdings hat die Corona-Krise nun dazu geführt, dass sich die Fed dazu entschieden hat, unbegrenzt Staatsanleihen und bestimmte mit Hypotheken besicherte Wertpapiere zu kaufen, was diesen Prozess umgekehrt hat.

Die Forderung von Seidman erfüllt vor allem einen Zweck. Sie erlaubt der Bundesregierung expansive Finanzpolitik, ohne dass es einer Erhöhung der gesetzlichen Staatverschuldungs-Grenze bedarf. In den USA bewilligt der Kongress die Obergrenze der Staatsverschuldung. Diese Limite stellt für die Administration eine feste Obergrenze dar. Um die Staatsverschuldung weiter auszudehnen, muss sie eine Veränderung der Limite im Kongress durchsetzen.

Normalerweise ist dies kein Problem. Doch im Gefolge der “Großen Finanzkrise” - nach den Kongresswahlen von 2010 - blockierten die Republikaner erfolgreich eine weitere Expansion der Staatsverschuldung. Dadurch wurde statt der Fiskalpolitik die Geldpolitik mit Nullzinsen und Anleihen-Kaufprogrammen zum wichtigsten Instrument, um die lahmende Wirtschaft anzukurbeln. In der gegenwärtigen politischen Situation ist dies kein Problem.

Mittel- und längerfristig führt die Forderung von Seidman in eine scheinbar gefährliche Logik. Sie verspricht Fiskalexpansion ohne Kosten und ohne Ende. Doch dieser Ansatz richtet sich auf die Zukunft der US-Finanzpolitik aus. Sollte es eine Fiskalexpansion ohne Kosten und Ende geben, würde die Fed ihre "Krone" als geldpolitische Autorität absetzen müssen.

Wenn es dem US-Finanzministerium gelingen sollte, die Fed “zu schlucken”, oder aber unter staatliche Kontrolle zu bringen, könnte am Ende dieses Prozesses die US-Regierung als Sieger hervorgehen, um sich wiederum die geldpolitische "Krone" aufzusetzen. Eine bisher nie dagewesene neue Wirtschafts- und Finanzordnung wäre die Folge. Doch nicht nur die Fed würde sich gegen diesen Ansatz wehren, sondern vor allem auch diejenigen, die über Jahre hinweg von der lockeren Geldpolitik der Fed massiv profitiert haben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

avtor1
Cüneyt Yilmaz

                                                                                ***

Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Landgericht Frankfurt entscheidet: Meta muss für betrügerische Social-Media-Anzeigen haften
17.09.2026

Fake-Werbung auf Plattformen wie Facebook und Instagram bleibt für Meta nicht länger ohne rechtliche Folgen. Nach einer Entscheidung des...

DWN
Politik
Politik Unerwartete Wende: Russland behält Kontrolle über wichtige Basen am Mittelmeer
17.09.2026

Nach dem Sturz von Bashar al-Assad schien Russlands militärische Präsenz in Syrien infrage zu stehen. Doch nun zeigt sich eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Anleger plötzlich profitieren können
17.09.2026

Die Ruhe an Europas Energiemärkten war offenbar nur geliehen. Öl und Gas verteuern sich wieder, die Inflation bleibt hartnäckig und die...

DWN
Panorama
Panorama Zuwanderung bremst Trend: Immer mehr Menschen in Deutschland leben wieder in Familien
17.09.2026

Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland wohnt zusammen mit Eltern oder Kindern in einem Haushalt. Nach einer langen Phase des...

DWN
Politik
Politik Überwachung und Chat-Weitergabe: BGH lässt EuGH-Datenschutzregeln im Privatleben klären
17.09.2026

Darf man Angehörige heimlich filmen oder private WhatsApp-Nachrichten an Dritte weiterleiten? Zwei verfahrene Alltagsstreitigkeiten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Comeback mit Verbrennungsmotoren: Volvo schaltet auf gemischten Antrieb um
17.09.2026

Volvo will den Weg aus der Krise schaffen und setzt dabei wieder verstärkt auf Verbrenner. Neue Fahrzeugmodelle sollen dem schwedischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gewerkschaftsstudie: Gesenkte Gastronomie-Mehrwertsteuer bringt Gästen keine Preisvorteile
17.09.2026

Seit Jahresbeginn gilt für Restaurantspeisen der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Trotzdem verzeichnen Verbraucher...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Industrie: Fertigungssektor verzeichnet historischen Höchststand bei Auftragsreserven
17.09.2026

Der krisenerschütterte Industriesektor blickt dank prall gefüllter Orderbücher optimistischer auf eine mögliche Überwindung der...