Dunkelziffern im Steuerparadies: Der Westen hat viel mehr Geld in Schwellenländern im Feuer, als bekannt ist

 

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06.04.2020 16:46
Finanz-Aufsichtsbehörden auf der ganzen Welt kalkulieren mit falschem Risiko, weil sie mit mangelhaften Daten zu den weltweiten Kapitalströmen arbeiten.
Dunkelziffern im Steuerparadies: Der Westen hat viel mehr Geld in Schwellenländern im Feuer, als bekannt ist
Blick auf die Steueroase Cook-Insel. (Foto: dpa)
Foto: DB Ehlers

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Weltweit hat eine starke Kapitalflucht aus Anleihen, Aktien und sonstigen Wertpapieren der sogenannten Schwellenländer eingesetzt. Das Institute of International Finance schätzt, dass allein seit Ende Januar etwa 95 Milliarden Dollar aus den ärmeren Staaten Südamerikas, Afrikas und Asiens abgezogen wurden – so viel wie noch nie zuvor und deutlich mehr als die Abflüsse im selben Zeitraum nach September 2008, als die Finanzkrise für eine breite Öffentlichkeit sichtbar wurde.

Dass das Institute of International Finance solche Zahlen schätzt, ist allerdings kein Zufall. Denn keine Aufsichtsbehörde der Welt weiß heute genau, wer wem wieviel Kapital als Kredit überlassen hat oder in Wertpapiere wie Aktien und Anleihen investiert hat, wie aus einer wissenschaftlichen Studie von vier amerikanischen Universitäten und Business Schools hervorgeht, von der die Financial Times berichtet.

Demnach sind manche Risiken um ein Vielfaches größer als angenommen – und können Aufsichtsbehörden zu falschen Entscheidungen verleiten, weil sie auf Basis falscher Datengrundlagen arbeiten. Dem Bericht zufolge betrug das Ende 2017 von US-Amerikanern in brasilianische Staats- und Unternehmensanleihen investierte Kapital beispielsweise nicht 8 Milliarden Dollar, sondern in Wahrheit etwa 68 Milliarden Dollar. Und chinesische Unternehmen und der Staat arbeiteten damals nicht wie angenommen mit rund 3 Milliarden Dollar aus den USA, sondern mit etwa 55 Milliarden Dollar – was fast einer Verzwanzigfachung des finanziellen Risikos gleichkommt.

„Dem Bericht zufolge ist auch der Besitz amerikanischer Investoren an chinesischen Aktien um ein Vielfaches höher als die etwa 160 Milliarden Dollar, die in US-Datenbanken ausgewiesen sind. Sollten die Beziehungen zwischen beiden Staaten nach der Corona-Krise weiter abkühlen, dann werden diese gigantischen Ansprüche zur Quelle neuer Risiken. (…) Eine veränderte Zählweise weg vom Sitz einer Gesellschaft hin zu dessen Nationalität zeigt, dass Amerikaner Ende 2017 nicht 160 Milliarden an chinesischen Aktien hielten, sondern etwa 700 Milliarden investiert hatten“, schreibt die FT.

Die Bedeutung, welche solchen "blinden Flecken" in den Statistiken zukommt, darf nicht unterschätzt werden. So ist es für den Erfolg der US-Regierung und ihrer chinesischen Widersacher im hybrid geführten Wettkampf um Einflußsphären - welcher derzeit in erster Linie in der Form eines Handelskriegs Schlagzeilen macht - durchaus kriegsentscheidend, ob eine Abhängigkeit zwischen beiden Staaten auf dem Anleihemarkt im Umfang von rund 1,1 Billionen Dollar besteht (der Wert der von den Chinesen gehaltenen US-Staatsanleihen) - der Umfang der Abhängigkeiten auf dem Aktienmarkt aber statt 700 Milliarden Dollar nur mit etwa 160 Milliarden Dollar taxiert wird.

Der Grund für die schiefe Datengrundlage liegt in der Art und Weise, wie Aufsichtsbehörden wie beispielsweise das US-Finanzministerium oder der Internationale Währungsfonds die internationalen Kapitalströme messen. In den meisten Fällen werden die Daten in den nationalen Statistiken anhand des Sitzes einer auf dem Finanzmarkt aktiven Gesellschaft geordnet, und nicht nach der Nationalität beispielsweise eines Anleihe-Emittenten.

In manchen Fällen macht dies durchaus Sinn. Wenn etwa eine Tochtergesellschaft eines deutschen Unternehmens in Vietnam Anleihen emittiert um Geld aufzunehmen, dann ist relativ wahrscheinlich, dass dieses Geld auch in die Operationen in Vietnam investiert werden wird. Die deutsche „Nationalität“ der Tochter in Vietnam und damit eine Berechnung des Kapitalflusses nach Deutschland und nicht nach Vietnam, macht unter diesen Umständen keinen Sinn.

Doch weil viele Staaten und Unternehmen ihre Finanzgeschäfte aus reinen Steueroasen wie den Cayman Islands, Delaware, Luxemburg oder den britischen Kanalinseln abwickeln – dann aber die Gewinne und Mittelzuflüsse im eigenen Land beziehungsweise für die eigenen Zwecke nutzen – werden riesige Kapitalströme nicht korrekt deklariert. So arbeitet der Bericht der US-Forscher beispielhaft heraus, dass von den 59 Milliarden Dollar, welche brasilianische Firmen oder der Staat aufgenommen hatten, 42 Milliarden in Steueroasen emittiert wurden. Im Falle Chinas und seiner Unternehmen waren es 44 Milliarden der 52 Milliarden Dollar - diese tauchen aber schließlich nicht als chinesische Investitionen in den Datenbanken auf.

Verschärft wird das Problem durch windige Finanzvehikel wie die sogenannten „Variable Interest Equity Structures“ (VIES), mit deren Hilfe Geldgeber aus dem Westen beispielsweise chinesische Aktien kaufen und die Eigentümergesetze des Landes umgehen können. Bei den VIESs handelt es sich um Holdinggesellschaften in Steueroasen wie den Cayman Islands, in die sich Investoren einkaufen und welche wiederum in chinesische Wertpapiere investieren. Einem Investoren – beispielsweise aus Spanien – werden über den Umweg Karibik dann Dividenden aus China ausgezahlt, obwohl er formell in chinesischen Datenbanken nicht als Aktionär auftaucht.

Die Studienergebnisse verstärken den Eindruck, dass sich im Weltfinanzsystem in den vergangenen Jahren hohe Risiken aufgebaut haben, welche in ihrem wahren Ausmaß nicht erfasst werden können. So meldete der Ökonom Michael Bernegger in den DWN vor einigen Monaten ernsthafte Zweifel an der Berechnung der Inflation in Europa und weltweit an – einer Kennzahl, welcher eine große Relevanz bei Entscheidungen von Investoren, Spekulanten und Zentralbanken zukommt.


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