Politik

Geopolitischer Showdown in der Türkei: Selenskyj, Putin – und Trump im Anflug

Ein historisches Treffen bahnt sich an: Während Selenski den russischen Präsidenten zu direkten Friedensgesprächen nach Istanbul einlädt, signalisiert Donald Trump überraschend seine Teilnahme. Doch steckt hinter dem plötzlichen Verhandlungswille Moskaus ein echtes Friedensangebot – oder ein taktisches Manöver? Europas Druck wächst, das Zeitfenster für eine Lösung schließt sich.
13.05.2025 09:23
Lesezeit: 2 min
Geopolitischer Showdown in der Türkei: Selenskyj, Putin – und Trump im Anflug
Bundeskanzler Merz bespricht mit seinen europäischen Kollegen in Kiew einen möglichen Frieden in der Ukraine. (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Frieden in der Ukraine: Direkte Einladung an den Kreml

„Es ergibt keinen Sinn, das Töten weiter zu verlängern. Ich werde Putin am Donnerstag in der Türkei erwarten – persönlich“, erklärte Selenskyj am Montag über die Plattform X (ehemals Twitter). Diese Aussage erfolgte kurz nachdem Trump öffentlich gefordert hatte, dass die Ukraine einem Vorschlag Putins für direkte Gespräche zustimmen solle.

Der russische Präsident hatte am Sonntag angekündigt, am 15. Mai zu Gesprächen nach Istanbul kommen zu wollen. Thema der Unterredung: ein mögliches Waffenstillstandsabkommen. Während Russland auf die öffentliche Zustimmung Selenskyjs bislang nicht reagiert hat, äußerte Trump, dass er ernsthaft in Erwägung ziehe, sich den Gesprächen anzuschließen: „Ich denke darüber nach, wirklich dorthin zu fliegen. Ich glaube, es könnte eine Gelegenheit sein, wenn es aussichtsreich erscheint.“

Druck aus Europa auf Moskau

Unterdessen hat sich auch die europäische Diplomatie in Bewegung gesetzt. Spitzenpolitiker aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Polen forderten Moskau am Wochenende auf, einem bedingungslosen 30-tägigen Waffenstillstand zuzustimmen – als Voraussetzung für direkte Verhandlungen. Der neue deutsche Kanzler Friedrich Merz, der gemeinsam mit europäischen Kollegen Kiew besuchte, machte klar: „Selenskyj hat bedeutende Zugeständnisse gemacht. Jetzt ist Russland am Zug.“

Sollte Moskau nicht einlenken, stellte Berlin neue Sanktionen in Aussicht. Auch der britische Außenminister David Lammy rief Putin dazu auf, „den Ernst der Lage zu erkennen“ und eine Feuerpause zu akzeptieren. Die diplomatische Offensive wurde von der sogenannten „Weimar Plus“-Gruppe koordiniert, die im Februar als Reaktion auf die veränderte US-Politik unter Trump ins Leben gerufen wurde.

Türkei und China bieten Vermittlung an

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan äußerte nach einem Gespräch mit Selenskyj die Bereitschaft, sein Land erneut als Gastgeber und Vermittler anzubieten: „Ein neues Fenster der Gelegenheit hat sich geöffnet. Wir hoffen, es wird nicht verschwendet.“ Auch China signalisierte am Montag seine Unterstützung für einen verbindlichen Friedensprozess und rief die beteiligten Parteien zu Dialog und Verhandlungen auf.

Skepsis gegenüber Putins Absichten

Gleichzeitig bleibt die Skepsis gegenüber Putins Vorstoß groß. Der französische Präsident Emmanuel Macron warf Moskau vor, mit seinem Gesprächsangebot lediglich Zeit gewinnen zu wollen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnete das russische Vorgehen als „Spiel“, bei dem ohne vorherigen Waffenstillstand keine glaubhaften Verhandlungen möglich seien.

Währenddessen berichtete der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha, dass Russland trotz der Friedensinitiativen unvermindert entlang der gesamten Frontlinie angreife. Der Kreml wiederum wies die westlichen Forderungen als „unzulässige Ultimaten“ zurück. „So spricht man nicht mit Russland“, erklärte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Montag. Auf die Einladung Selenskyjs zu einem persönlichen Treffen äußerte sich Moskau bislang nicht konkret.

Trump zwischen Annäherung und Distanz zu Moskau

Auch Trumps Haltung bleibt ambivalent. Während er in der Vergangenheit als Putin-freundlich galt und mit Selenskyj über Kreuz lag, hat er zuletzt vermehrt Kritik an Russland geäußert. Dennoch bleibt unklar, ob seine mögliche Teilnahme an den Gesprächen der Deeskalation dient – oder ein weiterer geopolitischer Schachzug in Richtung einer Neujustierung der US-Außenpolitik ist.

Fazit

Die diplomatische Bühne rund um den Ukraine-Krieg hat sich binnen weniger Tage deutlich verändert. Die überraschende Gesprächsbereitschaft Selenskyjs, Putins Einladung und Trumps potenzielle Teilnahme markieren eine neue Phase der geopolitischen Dynamik. Doch das Vertrauen in ehrbare Absichten behält ein „Geschmäckle“ – und der anhaltende Beschuss ukrainischer Städte untergräbt jede Hoffnung auf einen nachhaltigen Waffenstillstand. Ob der Gipfel in Istanbul tatsächlich den Wendepunkt bringt oder bloß eine weitere Episode in einem zermürbenden Stellungskrieg bleibt, ist ungewiss. Eines ist jedoch klar: Das Zeitfenster für eine diplomatische Lösung schließt sich rapide.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kingspan Group-Aktie unter Druck: EU greift nach geplatztem Deal durch
10.10.2026

Ein geplatzter Milliardendeal? Nein, ein gescheiterter Firmenkauf mit teuren Folgen. Weil der irische Baustoffkonzern Kingspan die...

DWN
Politik
Politik Marine Le Pen plant finanzpolitischen Kurs mit großen Einsparungen: Auf den Straßen wächst die Wut
10.10.2026

Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Während Zehntausende junge Menschen gegen marode Schulen und fehlende Investitionen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Generation Z trifft auf Generation X: Wie ein Eiskaffee zum Karrierekiller werden kann
10.10.2026

Ein Eiskaffee beim Bewerbungsgespräch sollte eigentlich keine große Sache sein. Doch für manche Personalverantwortliche verrät der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB-Leitzinsen: Die Zinswende kommt anders als erwartet
10.10.2026

Erst schien die nächste Zinserhöhung der EZB fast sicher, jetzt rudern die Finanzmärkte zurück. Trotz hartnäckiger Inflation und...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Anleger wägen SpaceX-Schritt ab, während die Wall Street boomt
09.10.2026

Wie ein überraschender Deal die Kräfteverhältnisse an der Börse nachhaltig verschiebt.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Finanz Informatik: Der unsichtbare Riese hinter der Sparkassen-Digitalisierung
09.10.2026

Vom Online-Banking bis zu Wertpapiergeschäften – die Finanz Informatik digitalisiert 338 Sparkassen und betreut rund 114 Millionen...

DWN
Politik
Politik Brüssel schlägt vor: weniger Kommissare, weniger Vetos, mehr Schutzklauseln und 15 Jahre Kontrolle neuer Mitglieder
09.10.2026

Die Europäische Kommission will in den bisherigen Mitgliedstaaten Unterstützung für die Erweiterung gewinnen, da dort Sorgen über die...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Sechs Gründe, warum die Micron-Aktie zum Kauf einlädt
09.10.2026

Das Problem besteht nicht darin, einen Grund für den Kauf zu finden, sondern sich zu vergewissern, dass man davon nicht bereits zu viel im...