Deutschland

Corona-Krise beendet den Boom bei Gewerbeimmobilien

Die Corona-Krise bereitet dem Immobilienboom ein jähes Ende. Experten erwarten sinkende Preise für Gewerbeimmobilien
07.04.2020 14:54
Aktualisiert: 07.04.2020 14:54
Lesezeit: 3 min
Corona-Krise beendet den Boom bei Gewerbeimmobilien
Die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof hat die Mietzahlungen für alle Warenhäuser, Sporthäuser, Reisebüros und Logistikimmobilien gestoppt. In einem Brief an die Vermieter schrieb das Unternehmen, die wegen der Corona-Pandemie staatlich angeordnete Schließung der Geschäfte lasse dem Unternehmen «keine andere Wahl». (Foto: dpa) Foto: Fabian Strauch

Der Markt für gewerbliche Immobilien kennt seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. Im ersten Quartal gab es Studien zufolge in Deutschland so viele Immobilientransaktionen wie noch nie. Doch die Corona-Krise hat dem Höhenflug ein abruptes Ende bereitet. Experten erwarten sinkende Preise für Hotels, Einkaufszentren und Büros. Die Aktionäre von Immobilienfinanzierern fürchten steigende Kreditausfälle und werfen die Aktien aus ihren Depots: Die Papiere der Aareal Bank und der Deutschen Pfandbriefbank (pbb) haben seit Mitte Februar rund die Hälfte ihres Börsenwerts verloren.

"Die aktuelle Corona-Krise könnte weitreichende Folgen für die Immobilienwirtschaft haben", sagt Christian Schulz-Wulkow, Leiter des Immobiliensektors bei EY. Einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft zufolge hat sich der positive Ausblick für Büroimmobilien vom Jahresanfang umgekehrt: Knapp Dreiviertel der Befragten erwarteten sinkende Preise, Anfang 2020 seien gerade einmal zwei Prozent davon ausgegangen. Noch stärkere Auswirkungen befürchten die Experten für Einzelhandelsimmobilien und Hotels. Die Analysten des Immobilienvermittlers NAI Apollo prognostizieren steigende Leerstandsquoten. Anmietungen von neuen Büroflächen würden verschoben oder komplett abgesagt.

In Städten wie Frankfurt sei bereits ein Rückgang bei Bürovermietungen zu sehen, sagt Karsten Jungk, Geschäftsführer des Immobilienberaters Wüest Partner. "Infolge dessen ist mit stagnierenden Mieten in Top-Lagen und einem Rückgang in B-Lagen zu rechnen." Richtig durchschlagen auf dem Immobilienmarkt werde die Krise aber wohl erst in den kommenden Monaten, sagt Wolfgang Speer, Geschäftsführer bei der Immobilienberatung Colliers. Firmen verzögerten ihre Expansionspläne, Mietgesuche im kleinen bis mittleren Flächensegment seien stark zurückgegangen, Firmen würden statt Neuanmietungen vermehrt Mietverlängerungen anstreben, bei denen Mietsteigerungen in der Regel nicht so leicht umsetzbar seien.

Manche Experten rechnen gar mit einem Strukturwandel - auch weil durch die Corona-Krise von vielen Unternehmen das Arbeiten von zu Hause neu entdeckt wurde. "Die krisenbedingte Zunahme der Heimarbeit könnte die Nachfrage nach Büroraum strukturell reduzieren", schreibt Deutsche-Bank-Immobilienspezialist Marc Schattenberg in einer Studie. "In diesem Fall könnten Leerstände das Zyklusende einläuten." Vor allem in Ballungszentren könnten die Preise dann temporär fallen. LBBW-Analyst Martin Güth hält bei Büros Preisrückgänge im zweistelligen Prozentbereich für möglich.

SORGE VOR KREDITAUSFÄLLEN

Investoren von Immobilienfinanzierern brauche daher in den kommenden Monaten wohl starke Nerven. "Letztlich gibt es bei Anlegern die Sorge, dass vermehrt Immobilienkredite ausfallen", sagt Analyst Philipp Häßler vom Handelshaus Pareto Securities. Besonders die Kreditportfolien aus dem Büro-, Hotel und Einkaufszentren-Bereich würden kritisch gesehen. Bei der im Nebenwerteindex MDax gelisteten Aareal Bank kommt noch hinzu, dass sie stark Italien engagiert ist, wo das Coronavirus besonders stark grassiert und speziell Shoppingcenter, Hotels und Einzelhändler wegen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stillstands unter Druck stehen. Zu Gute kommt dem Wiesbadener Spezialfinanzierer jedoch, dass das Portfolio an notleidenden Krediten in Italien im vergangenen Jahr deutlich reduziert wurde.

An der Börse geht es für die Aareal Bank seit einigen Wochen bergab. Seit Mitte Februar verloren die Aktien gut die Hälfte an Wert, die Marktkapitalisierung liegt nur noch bei rund 850 Millionen Euro. Auch die Titel der ebenfalls im MDax gelisteten Deutschen Pfandbriefbank haben rund die Hälfte ihres Werts eingebüßt.

Während die beiden Spezialfinanzierer bislang noch an ihrer Geschäftsprognose für dieses Jahr festhalten, ist der Shoppingcenter-Investor Deutsche Euroshop von seinen Zielen abgerückt. Wegen der Ladenschließungen in Folge der Corona-Krise hätten erste Ladenbetreiber in Shoppingmalls bereits Insolvenz angemeldet, andere hätten vor einem solchen Schritt gewarnt, teilte der Eigentümer von 21 Einkaufszentren in Deutschland mit. "Aus heutiger Sicht sind der weitere Verlauf und die wirtschaftlichen Auswirkungen für 2020 nicht abzuschätzen."

Auch der Bürovermieter Alstria Office berichtet bereits über Mietausfälle nach der Verabschiedung des Corona-Sondergesetzes, das es Mietern im Ergebnis erlaubt, ihre Zahlungen auszusetzen und erst mit Verspätung zu leisten. Bis zum vergangenen Freitag beliefen sich diese Mietausfälle auf 1,5 Millionen Euro pro Monat, gut zehn Prozent der Mieteinnahmen des Konzerns, wie Alstria-Office-Chef Olivier Elamine berichtet. Er setzt darauf, dass der Großteil dieser Mieten mit Verspätung gezahlt werden und betont, dass der Hamburger Konzern solide finanziert sei.

HOFFEN AUF ERHOLUNG

Experten setzen aber darauf, dass der Immobilienmarkt auch in Zukunft von den niedrigen Zinsen und den weit geöffneten Geldschleusen profitieren werden. Die erhöhte Liquidität, die die Zentralbanken im Kampf gegen die Krise in die Märkte pumpen, werde nach einer Phase des Innehaltens auch wieder ihren Weg in die Immobilienmärkte finden. "Das wird sich dann auch wieder in Nachfrage nach realen Assets niederschlagen", sagt Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Inflation und Deflation zugleich - Wohin steuert das Finanzsystem?

Die wirtschaftlichen Signale aus den USA, China und Europa werden widersprüchlicher. Während der Preisdruck nachlässt, verliert der...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Sandisk und SK Hynix unter den zulegenden Chip-Aktien, während S&P 500 Rekordhoch erreicht
13.08.2026

Spannung an den US-Börsen: Erfahren Sie, welche überraschenden Entwicklungen die Märkte am Donnerstag bewegten.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Wirtschaft vor der Wende: Warum ausgerechnet Saab neue Hoffnung macht
13.08.2026

Deutschlands Autobauer bauen Stellen ab, doch gleichzeitig wächst die Wirtschaft stärker als erwartet. Neue Startups, mehr Kapitalmarkt...

DWN
Technologie
Technologie Elon Musk und die KI: Wer regiert bald die Welt?
13.08.2026

Elon Musk warnt vor KI, Bürgerkrieg und dem Aufstieg neuer Supermächte – doch zugleich verkörpert er selbst die beispiellose Macht der...

DWN
Politik
Politik NATO-Reform: Saluschnyj erklärt das mächtigste Militärbündnis der Welt für überholt
13.08.2026

Die Ukraine wollte jahrelang von der NATO lernen. Nun erklärt ihr früherer Oberbefehlshaber das Bündnis für militärisch überholt und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Trockenheit kostet Landwirte 600 Millionen Euro
13.08.2026

Die Dürre hinterlässt auf deutschen Feldern deutliche Spuren: Millionen Tonnen Getreide und Raps sind bereits verloren. Für Verbraucher...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Aktien unter Druck: Milliardenverlust zeigt die verborgene Gefahr
13.08.2026

Ein gefeierter Tech-Investor setzte mit gewaltigem Hebel auf KI-Aktien und verlor innerhalb weniger Wochen rund 35 Milliarden US-Dollar....

DWN
Politik
Politik Rentensplitting statt Witwenrente: Steht die Hinterbliebenenrente vor dem Aus?
13.08.2026

Im Rahmen der Rentenreform steht plötzlich auch die Witwenrente zur Diskussion. Ein Expertenvorschlag: Ein verpflichtendes Rentensplitting...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo ES90 im Test: Ein guter Grund, den Deutschen Lebewohl zu sagen?
13.08.2026

Der Volvo ES90 ist kein Elektroauto für Käufer, die möglichst günstig in die Premiumklasse einsteigen wollen. Doch wer Komfort,...