Politik

Corona-Vorschriften: Wird die Stimmung kippen?

In mehreren europäischen Hauptstädten ist es in den vergangenen Tagen und Wochen zu Unruhen gekommen. In Frankreich ist die Stimmung offenbar vollständig gekippt. Doch die Unruhen hängen nicht zwangsläufig mit den Corona-Vorschriften, sondern mit der jahrzehntelangen sozialen Benachteiligung von Menschen zusammen. Die Corona-Vorschriften sind lediglich der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
25.04.2020 21:31
Aktualisiert: 25.04.2020 21:31
Lesezeit: 3 min
Corona-Vorschriften: Wird die Stimmung kippen?
In den vergangenen Jahren kamen in Frankreich bei Protesten immer wieder Molotowcocktails zum Einsatz. (Foto: dpa) Foto: Etienne Laurent

In den vergangenen Tagen haben sich gewalttätige Zusammenstöße in den französischen Vororten ausgebreitet. Auslöser der Unruhen war das scheinbar brutale Vorgehen der Polizei bei der Durchsetzung der Corona-Maßnahmen. Marie, eine Bewohnerin von Villeneuve-la-Garenne, etwa zwölf Kilometer nördlich von Paris, sagte euronews, die Jugendlichen in ihrer Stadt seien “sehr wütend”.

Einwohner wollen "Gerechtigkeit" für einen 30-jährigen Motorradfahrer, der letzte Woche bei einem Vorfall mit der Polizei schwer verletzt wurde. Ein Video, das den Motorradfahrer kurz nach seinem Sturz zeigt, wurde mehrere Millionen Mal in den sozialen Medien angeklickt. Darin sind Anwohner zu sehen, die die Polizei beschuldigen, absichtlich die Tür ihres Fahrzeugs geöffnet zu haben, um den Motorradfahrer zu treffen.

Der Vorfall löste Spannungen in den Pariser Vororten Seine-Saint-Denis und Hauts-de-Seine aus. Seitdem haben sich die Zusammenstöße jedoch weiter auf Roubaix im Norden Frankreichs und Limoges im Zentrum des Landes ausgeweitet.

Im März 2020 teilten Human Rights Watch und weitere Menschenrechtsgruppen in einer Erklärung mit, dass das “inakzeptable und illegale Verhalten” der Polizei in den Pariser Vororten besonders problematisch sei. Sie meinen, dass die Corona-Krise “keinen Verstoß gegen die Rechtsstaatlichkeit nach sich ziehen darf und keine diskriminierenden Kontrollen oder ungerechtfertigte Anwendung von Gewalt rechtfertige.”

In ihrer gemeinsamen Erklärung wurde festgestellt, dass solche Missbräuche in Frankreich “häufig vorkommen und selten bestraft werden”. Der französischen Polizei werfen französische Menschenrechtsgruppen seit Jahren massive Menschenrechtsverletzungen vor. Hinzu kommt, dass in Frankreich, aber auch in den restlichen europäischen Ländern, die Rechte von Arbeitnehmern gezielt beschnitten wurden, was den Unmut in den unteren Schichten der Gesellschaften weiter steigerte. Warum prangert beispielsweise keine einzige einflussreiche Partei in Frankreich oder Europa die Leiharbeit an?

Doch nicht nur in Frankreich kippt die Stimmung. Der englischsprachige Dienst von Reuters teilt mit: “Rund 200 Menschen widersetzten sich am Freitag einem Polizeiverbot, sich in der Wiener Innenstadt zu versammeln, um gegen die Sperrung des österreichischen Coronavirus zu protestieren. Die Beschränkungen bestehen seit mehr als einem Monat und haben dazu beigetragen, die Infektionskurve zu glätten (...) Die Organisatoren des Protestes, die Initiative für evidenzbasierte Corona-Informationen (ICI), wollen, dass die Ausgangsbeschränkungen beendet werden. Sie argumentieren unter anderem, dass das Tragen von Gesichtsmasken und Stoffäquivalenten, die in Geschäften und im öffentlichen Verkehr obligatorisch sind, kontraproduktiv ist. Die Organisatoren des Protestes, die Initiative für evidenzbasierte Corona-Informationen (ICI), wollen, dass die Corona-Sperre beendet wird.”

Hunderte von Menschen, die in Polen leben und in Deutschland arbeiten, protestierten am Freitagabend in der südwestpolnischen Grenzstadt Zgorzelec gegen eine obligatorische Coronavirus-Quarantäne für diejenigen, die die Grenze überschreiten. Polen war einer der ersten Staaten der EU, der aufgrund des Ausbruchs des neuen Corona-Virus die Grenzen geschlossen hat. “Ich bin seit sechs Wochen zu Hause gefangen, kann die Grenze nicht überschreiten und zur Arbeit gehen. Ich kann nicht zu meinen Schülern zurückkehren”, zitiert die New York Times Mirella Binkiewicz, eine Lehrerin, die in Zgorzelec lebt und in Görlitz arbeitet.

Trotz eines Verbots von Demonstrationen haben sich am Samstag in Berlin etwa 1.000 Menschen versammelt, um gegen die Corona-Einschränkungen zu protestieren - zeitweise dicht an dicht beieinander stehend. Sie trafen sich am Nachmittag auf dem Rosa-Luxemburg-Platz vor der Volksbühne. Viele von ihnen standen vor Absperrgittern, die die Polizei rund um den Platz aufgestellt hatte, weil derartige Kundgebungen derzeit nicht erlaubt sind und die Polizei verhindern wollte, dass der Platz zu voll wird, so die dpa. Die Polizei forderte die Teilnehmer mehrfach über Lautsprecher auf, den Ort zu verlassen. Einzelne Menschen wurden festgenommen. Nach und nach zerstreute sich am Nachmittag die Menge. Die Polizei war mit knapp 200 Menschen im Einsatz. Schon an den vergangenen vier Samstagen hatten sich Demonstranten versammelt.

Der Tod eines 19-Jährigen bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei hatte in Belgien vor zwei Wochen trotz Corona-Ausgangsbeschränkungen Unruhen ausgelöst, berichtet die dpa. Die Polizei nahm bei den Vorfällen in der Gemeinde Anderlecht in der Region Brüssel-Hauptstadt übers Wochenende rund 100 Menschen fest, wie die belgische Nachrichtenagentur Belga berichtete. Der 19-Jährige war an einem Freitagabend mit einem Motorroller vor einer Polizeistreife geflohen und schließlich mit einem Polizeiwagen zusammengestoßen. Dabei kam er ums Leben.

Aufgrund der strengen Corona-Regeln werden in den europäischen Hauptstädten sicherlich keine Revolutionen ausbrechen. Allerdings sollten die europäischen Staats- und Regierungschefs eine neue Ära des Denkens und "Fühlens" einleiten, um die realen Probleme der Menschen - abseits der konstruierten Realität in den sozialen Medien - zu lösen.

Das geht aber nur dann, wenn sich der Staat als verlängerter Arm der Steuerzahler an maroden - aber strategisch wichtigen - Unternehmen beteiligt, um diese vor dem Ausverkauf zu schützen und gleichzeitig wichtige Arbeitsplätze zu sichern.

Wer sich der Sorgen und Ängste der Menschen nicht annimmt, überlässt sie den "Rattenfängern", die sich massenweise in den sozialen Medien tummeln. Diese professionellen "Seelen-Töter" missbrauchen den berechtigten Unmut der Bürger und formen daraus eine "Bazooka des Hasses", um sie gegen alle tragenden Säulen der Gesellschaft einzusetzen.

Anvisiert wird der innere Frieden, betrogen werden die Bürger und zerstört wird das Vertrauen in die Institutionen.

Anstelle der Werte, die von den Eliten - unter anderem vom "Sozialdemokraten" Gerhard Schröder - weggeworfen wurden, ist eine Lücke entstanden. In diese Lücke versammeln sich jetzt die chancenlosen Jugendlichen und alle Bürger mit Existenzängsten. Und was sie brauchen ist nicht nur Arbeit, sondern vor allem Sicherheit.

Doch was sie empfinden, ist Hass. Hass gegen die Republik, Hass gegen die Eliten und Hass gegen sich selbst. Man kann den Hass funkeln sehen in ihren Augen.

Und genau dieser Hass wird nun von allen maskierten "Rattenfängern" schändlich missbraucht, um Unheil über Deutschland zu bringen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Cüneyt Yilmaz

                                                                                ***

Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.

DWN
Finanzen
Finanzen In Luxusuhren investieren: „Ziemlich furchtbar, wenn unter dem Anzug eines Mannes eine riesige Garmin hervorschaut“
11.07.2026

Eine Luxusuhr verbindet Status, Leidenschaft für Uhren und in manchen Fällen auch die Hoffnung, Geld zu vermehren. Erfahrene...

DWN
Unternehmen
Unternehmen BMW iX3 im Test: Elektrischer SUV mit erstaunlicher Reichweite
11.07.2026

Der neue BMW iX3 50 xDrive verbindet kräftige Fahrleistungen mit einer Reichweite, die im Alltag wirklich überzeugt. Zwei Elektromotoren,...

DWN
Politik
Politik Politik und Gesellschaft: Warum die Geburtenrate in Deutschland weiter sinkt
11.07.2026

Die durchschnittliche Zahl der Kinder, die eine Frau in Deutschland zur Welt bringt, ist auf den niedrigsten Wert seit rund 30 Jahren...

DWN
Panorama
Panorama Trump verdiente im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde, den größten Teil davon mit Kryptowährungen
11.07.2026

Der Vermögensbericht des US-Präsidenten und des Vizepräsidenten wurde veröffentlicht.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Was passiert, wenn eine Kuh eine Smartwatch bekommt?
11.07.2026

HeroLabs, das slowenische Start-up des Jahres, hat fast sechstausend Kühe mit den MooHero-Smart-Halsbändern ausgestattet; nun...

DWN
Finanzen
Finanzen Schuldenweltmeister Deutschland: Regierung plant noch mehr Schulden - wird die Defizitgrenze gekillt?
10.07.2026

Die Staatsverschuldung wächst unter Bundesfinanzminister Klingbeil rasant und die Regierung hat bisher keinen Plan gegen steigende...

DWN
Politik
Politik Mammutsitzung vor der Sommerpause: Bundesrat beschließt zahlreiche Gesetze nach turbulenten Debatten
10.07.2026

Die Länderkammer hat sich mit einer außergewöhnlich dynamischen und dicht gedrängten Sitzung in die parlamentarische Sommerpause...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt 22 Euro pro Kasten: Wie eine Allgäuer Familienbrauerei die Branche aufmischt
10.07.2026

Der Bierabsatz in Deutschland stürzt auf ein historisches Rekordtief. Doch statt die Preise zu senken, verlangt die Meckatzer Löwenbräu...