Politik

DWN-Spezial: Corona-Krise in Schweden geht auch ohne Lockdown zu Ende

In Schweden geht die Anzahl der täglichen Corona-Toten drastisch zurück. Das Land wird es offenbar schaffen, auch ohne Lockdown die Corona-Krise zu überstehen. Doch ist das Land wirklich ein Vorbild für Deutschland?
28.04.2020 00:00
Lesezeit: 4 min
DWN-Spezial: Corona-Krise in Schweden geht auch ohne Lockdown zu Ende
Die Corona-Epidemie in Schweden geht ohne Lockdown zu Ende. (Quelle: Schwedische Volksgesundheitsbehörde - Grafik erstellt von den DWN)

Die Anzahl der Corona-Todesfälle geht in Schweden seit ihrem Höhepunkt in der zweiten April-Woche drastisch zurück. Die Daten der obigen DWN-Grafik wurden von der schwedischen Volksgesundheitsbehörde (Folkhälsomyndigheten) zur Verfügung gestellt.

Schwedens führender Epidemiologe Dr. Anders Tegnell sagte Mitte April 2020, dass in Schweden trotz der umstrittenen Entscheidung der Regierung, von einer landesweiten Sperrung abzusehen, die Anzahl der Corona-Infektionen und Corona-Toten drastisch zurückgeht. Obwohl die Zahl der Fälle in Schweden zum 15. April auf fast 12.000 Infizierte und rund 1.200 Todesfälle gestiegen war, sahen schwedische Beamte von einem vollständigen landesweiten Lockdown ab, sodass Restaurants und Unternehmen für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben konnten, solange die Gruppen auf jeweils nur wenige Personen beschränkt sind. Stockholms Anti-Corona-Strategie ist offenbar aufgegangen.

Dr. Tegnell sagte, er glaube, dass bestimmte Regionen in Schweden bereits sehr nahe daran sind, eine “Herdenimmunität” zu erreichen. “Wir glauben, dass der Hauptunterschied zwischen unserer Politik und der Politik vieler anderer Länder darin besteht, dass wir diese Politik problemlos über Monate, vielleicht sogar Jahre hinweg beibehalten können, ohne dass die Gesellschaft oder unsere Wirtschaft wirklich geschädigt werden”, zitiert die Washington Times Dr. Tegnell. Obwohl die Regierung keine Anordnung erlassen hat, zu Hause zu bleiben, hatten viele Schweden beschlossen, sich selbstständig in Quarantäne zu begeben. Der Mediziner meint, dass die Corona-Sterberate vor allem auf Tote in den Altersheimen des Landes zurückzuführen ist.

Johan Giesecke, ein schwedischer Epidemiologe und Berater der Regierung in Stockholm und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sagt in einem Interview mit Addendum: "Viele Maßnahmen, die von den Regierungen in Europa ergriffen wurden, haben keine wissenschaftliche Grundlage. Grenzen zu schließen ist zum Beispiel sinnlos und hilft nicht. Menschen kommen durch jede Grenze, mit Grenzschließungen können Sie den Ausbruch nur um zwei oder drei Tage verschieben. Auch die Schließung von Schulen hat sich nie als wirksam erwiesen."

Auf Nachfrage, ob das Lockdown in Österreich falsch gewesen sei, sagt Giesecke: "Ja, und er wird der Wirtschaft sehr lange wehtun. Die Menschen verstehen nicht, dass sich diese Krankheit hauptsächlich symptomlos von Mensch zu Mensch ausbreitet. Zwischen 75 und 90 Prozent der Ausbreitung sehen wir nicht, weil die Betroffenen keine Symptome haben. Was wir sehen, ist die Spitze der Pyramide. Wir sehen einige Fälle, die krank sind, und noch weniger Fälle, die schwer krank sind. Aber die wahre Epidemie bleibt uns verborgen (...) Die Menschen realisieren nicht, wie viele jedes Jahr an der Influenza sterben. In Österreich sind es etwa 1.500 pro Jahr, und viele werden gar nicht gezählt. An die Influenza-Saison hat man sich gewöhnt."

Im Zusammenhang mit den hohen Sterberaten in den USA und Italien sagt er: "Italien und die USA waren sehr schlecht auf das Virus vorbereitet und sie haben ihre Risikogruppen nicht geschützt. Addendum fragt: “Sie sagen, das Virus wird von den Regierungen in Europa gefährlicher eingeschätzt, als es ist. Warum tun dann die Regierungschefs, was sie tun?”

Giesecke antwortet: “Es geht um Politik. Politiker wollen Handlungsfähigkeit, Entscheidungskraft und vor allem Stärke demonstrieren. Mein bestes Beispiel dafür ist, dass in asiatischen Ländern Gehsteige mit Chlorin besprüht werden. Das ist völlig nutzlos, aber es zeigt, dass die Behörden und der Staat etwas tun, und das ist für Politiker sehr wichtig.”

Schwedens Außenministerin Ann Linde hatte zuvor gesagt, es sei ein Mythos, dass in Schweden alles normal weitergehe. "Es gibt keinen vollständigen Lockdown in Schweden. Aber viele Teile der schwedischen Gesellschaft sind eingestellt", so Linde. "Viele Menschen bleiben zuhause und haben aufgehört zu reisen. Viele Unternehmen brechen zusammen. Die Arbeitslosigkeit wird voraussichtlich dramatisch steigen."

Es ist fraglich, ob Schweden als Vorbild für Deutschland dienen kann. Die Bevölkerungsdichte in Schweden liegt bei 25 Einwohner pro Quadratkilometer. Das Land hat dem schwedischen Statistikamt zufolge insgesamt 10,23 Millionen Einwohner. Doch in Deutschland liegt die Bevölkerungsdichte bei 237 Einwohner pro Quadratkilometer. Deutschland hat insgesamt 83,02 Millionen Einwohner. Je höher die Bevölkerungsdichte ist, desto höher ist auch das Ansteckungsrisiko. Mehr als die Hälfte der Corona-Toten sind in oder rund um die Hauptstadt Stockholm zu verzeichnen. Dort liegt die Bevölkerungsdichte ‎bei 5.079 (!) Einwohner pro Quadratkilometer.

Das Argument mit der "Herdenimmunität" ist zwar logisch, doch zu welchen menschlichen Kosten? Ist das Leben eines Menschen im Altersheim wertloser als das Leben anderer Menschen?

Knapp 2.000 Wissenschaftler hatten die schwedische Regierung zuvor in einem Brief zum Umdenken aufgefordert. Unter ihnen ist Bo Lundbäck, Professor für klinische Epidemiologie von Lungenerkrankungen in Göteborg. Er hält die hohen Todeszahlen für inakzeptabel und den Preis, den Schweden im Corona-Kampf bezahlt, für zu hoch. “Ich sehe nicht, dass Schweden eine konkrete Strategie verfolgt und ich sehe auch keinen Trend”, sagt er im Gespräch mit der Deutsche Presse-Agentur. “Die Richtlinien sind viel zu vage und die Menschen sind verwirrt.”

Der Folkhälsomyndigheten zufolge sind in Schweden bisher 2.274 Menschen (Frauen: 991, Männer: 1.283) am Corona-Virus verstorben (Stand: 27. April 2020). Die Anzahl der Corona-Infizierten liegt bei 18.926.

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