Trump und Xi Jinping verstehen das nationale Interesse nicht - und schaden ihren Völkern schwer

 

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17.05.2020 13:31
Sowohl US-Päsident Donald Trump als auch sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping sehen Politik als ein Nullsummenspiel, in dem es nur einen Gewinner und einen Verlierer geben kann. Doch so, wie sie in der Corona-Krise agieren, stehen ihre Länder am Ende beide als Verlierer da, wie Harvard-Politikwissenschaftler Joseph S. Nye analysiert.
Trump und Xi Jinping verstehen das nationale Interesse nicht - und schaden ihren Völkern schwer
Beide haben sie in der Corona-Krise versagt: Die USA und China. (Foto: dpa)
Foto: Feng Li / Pool

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Alle Staatenlenker müssen die Interessen ihres jeweiligen Landes an erste Stelle setzen. Die entscheidende Frage dabei ist, bis zu welchem Grad sie bereit sind, Kompromisse einzugehen. Sowohl China als auch die USA tun das in der Corona-Krise nicht – sie suchen lediglich den kurzfristigen absoluten Erfolg, ohne jedwede Kooperation und unter völliger Missachtung internationaler Organisationen und Bündnisse.

Führungsfähigkeit – also die Fähigkeit, anderen zu helfen, ihre Ziele abzustecken und umzusetzen – ist in einer Krise absolut unverzichtbar. Der britische Premier Winston Churchill stellte dies 1940 unter Beweis, und Nelson Mandela tat es während des Übergangs Südafrikas hin zur Demokratie, weg von der Apartheid.

Legt man diese historischen Maßstäbe an, so sind die Führer der beiden weltgrößten Volkswirtschaften unserer Tage katastrophal gescheitert. Die unmittelbare Reaktion von US-Präsident Donald Trump und seinem chinesischen Amtskollegen Xi Jinping auf den Ausbruch des Coronavirus bestand nicht etwa darin, ihre Bevölkerungen zu informieren und anzuleiten, sondern das Problem zu verleugnen, was vielen Menschen das Leben kostete. Anschließend richteten beide ihre Energie auf Schuldzuweisungen, statt auf die Suche nach Lösungen. Aufgrund ihrer Versäumnisse hat die Welt das Zeitfenster, um auf die Krise mit einem „Sputnik-Moment“ oder einem „COVID-19-Marshallplan“ zu reagieren, womöglich bereits verpasst.

Theoretiker, die sich mit „Führung“ befassen, unterscheiden zwischen eher aktiv ausgerichteten „transformationalen“ und eher passiv ausgerichteten „transaktionalen“ Führern. Erstere bemühen sich, die schwierigen Situationen, mit denen sie sich konfrontiert sehen, zu verändern, während letztere versuchen, schwierige Situationen durch „business as usual“ zu bewältigen.

Natürlich haben transformationale Führer nicht immer Erfolg. US-Präsident George W. Bush versuchte, den Nahen Osten durch den Einmarsch im Irak umzugestalten, was katastrophale Folgen nach sich zog. Im Gegensatz hierzu verfolgte sein Vater, Präsident George H.W. Bush, einen eher transaktionalen Stil; er verfügte freilich auch über die Fähigkeiten zur Steuerung der unbeständigen, von großen Umbrüchen geprägten Situation, in der sich die Welt nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa befand. Der Kalte Krieg endete, und Deutschland wurde wiedervereinigt und fest im Westen verankert, ohne dass ein einziger Schuss fiel.

Unabhängig von ihrem jeweiligen Führungsstil können Führer einen starken Einfluss auf die Gruppenidentität ausüben: Sie können die Kraft mobilisieren, die „ich“ und „du“ in „wir“ verwandelt. Wobei phlegmatisch-bequeme transaktionale Führer dazu neigen, den Status quo zu verstärken, indem sie bestehende Uneinigkeiten ausnutzen, um für sich selbst Unterstützung zu mobilisieren, so wie Trump das tut. Effektive transformationale Führer dagegen streben danach, weitreichenden Einfluss auf den moralischen Charakter einer Gesellschaft zu nehmen. Mandela etwa hätte die schwarzen Südafrikaner problemlos zu seinen Gefolgsleuten erklären und versuchen können, Rache für Jahrzehnte der Ungerechtigkeit zu nehmen. Stattdessen arbeitete er unermüdlich daran, die Gruppen-Identität seiner Anhänger in ein „wir“ zu verwandeln.

In ähnlicher Weise zog der französische Diplomat Jean Monnet nach dem Zweiten Weltkrieg – in dem Deutschland zum dritten Mal in 70 Jahren in Frankreich einmarschiert war – den Schluss, dass Rache die Tragödie nur reproduzieren würde. Um die Situation zu verändern, entwickelte er einen Plan zur gemeinsamen europäischen Kohle- und Stahlproduktion – ein Arrangement, aus dem letztlich die Europäische Union hervorgehen sollte.

Diese Erfolge waren nicht zwangsläufig. Außerhalb unserer Familien und engsten Freundeskreises sind es diejenigen Menschen, die der gleichen Nation angehören wie wir, denen unsere Loyalität am stärksten gilt. Die Nation ist das, wofür Menschen zu sterben bereit sind.

Globale Bedrohungen wie COVID-19 und der Klimawandel unterscheiden jedoch nicht zwischen Nationen, unterscheiden nicht nach Nationalität. In einer globalisierten Welt gehören die meisten Menschen einer Anzahl sich überschneidender – lokaler, regionaler, nationaler, ethnischer, religiöser und beruflicher – Gemeinschaften an, und die Politiker müssen nicht an das Nationalgefühl appellieren, um Unterstützung oder Solidarität zu mobilisieren.

Der Beginn der COVID-19-Pandemie stellte eine Gelegenheit zur transformationalen Führung dar. Ein transformationaler Führer hätte frühzeitig erklärt, dass die Krise aufgrund ihres globalen Charakters von einzelnen Ländern nicht im Alleingang zu bewältigen sei. Trump und Xi haben diese Gelegenheit jedoch vertan. Beide erkannten nicht, dass die Ausübung von Macht ein Positivsummenspiel hätte werden können. Statt Macht allein unter dem Aspekt der Macht über andere zu betrachten, hätten sie sie unter dem Aspekt der Macht zusammen mit anderen betrachten sollen.

In vielen transnationalen Fragen kann die Stärkung anderer einem Land wie beispielsweise den USA helfen, eigene Ziele zu erreichen. Wenn China sein Gesundheitswesen stärken oder seinen CO2-Fußabdruck verringern kann, profitieren davon auch die Amerikaner und alle anderen. In einer globalisierten Welt sind Netzwerke eine zentrale Quelle von Macht. Und in einer zunehmend komplexen Welt sind die am besten vernetzten Staaten – also diejenigen, die am besten imstande sind, Partner für gemeinschaftliche Anstrengungen zu gewinnen –, die mächtigsten.

Insoweit wie der Schlüssel zu Amerikas künftiger Sicherheit und Prosperität darin begründet liegt, zusätzlich zur Bedeutung der Macht über andere auch die Bedeutung der Macht zusammen mit anderen zu erkennen, war die Leistung der Trump-Regierung während der Pandemie entmutigend. Das Problem ist nicht der Slogan „America First“ (jedes Land stellt seine eigenen Interessen an erste Stelle). Das Problem besteht vielmehr darin, wie Trump amerikanische Interessen definiert. Er konzentriert sich allein auf die kurzfristigen Gewinne, die sich durch Nullsummen-Transaktionen erzielen lassen, und schenkt den durch Institutionen, Bündnisse und Gegenseitigkeit begünstigten längerfristigen Interessen kaum Beachtung.

Gegenwärtig haben die USA ihre Tradition, ein langfristiges aufgeklärtes Eigeninteresse zu verfolgen, aufgegeben. Doch könnte die Trump-Regierung die Lehren, die die Grundlagen vieler der Erfolge amerikanischer Präsidenten nach 1945 bildeten, noch immer beherzigen. Tatsächlich könnten die USA noch immer ein massives COVID-19-Hilfsprogramm nach dem Vorbild des Marshallplans auflegen.

Wie Henry Kissinger kürzlich argumentierte, sollten die heutigen politischen Führer einen Kurs der Zusammenarbeit einschlagen, der zu stärkerer internationaler Widerstandsfähigkeit führt. Statt auf anti-chinesische und anti-europäische Propaganda zu setzen, könnte sich Trump für einen G20-Notgipfel oder ein Treffen des US-Sicherheitsrates aussprechen, um bilaterale und multilaterale Rahmen für eine stärkere Zusammenarbeit zu schaffen.

Trump könnte zudem darauf verweisen, dass neue COVID-19-Wellen die ärmeren Länder besonders hart treffen werden und dass neue Ausbrüche im globalen Süden, wenn sie nach Norden zurückschwappen, allen schaden werden. Es lohnt, sich zu erinnern, dass bei der zweiten Welle der Spanischen Grippe von 1918 mehr Menschen starben als bei der ersten. Ein transformationaler Führer würde der amerikanischen Bevölkerung vermitteln, dass es in ihrem eigenen Interesse ist, großzügige Beiträge für einen neuen COVID-19-Fonds zu mobilisieren, der allen Entwicklungsländern offensteht.

Würde ein amerikanischer Churchill oder Mandela der Öffentlichkeit Derartiges vermitteln, könnte uns die Pandemie einen Weg in eine bessere Welt ebnen. Leider haben wir den Moment für eine transformationale Führung jedoch womöglich schon verpasst; möglicherweise wird das Virus den populistischen Nationalismus sowie den autoritären Missbrauch der Technologie lediglich beschleunigen. Führungsversagen ist immer zu bedauern, angesichts einer Krise wie der jetzigen jedoch umso mehr.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Copyright: Project Syndicate, 2020.

Joseph S. Nye ist Professor für Internationale Beziehungen in Harvard. Er vertritt einen aufgeklärten „realistischen“ Ansatz, nach dem jeder Staat seine eigenen nationalen Interessen verfolgen sollte – aber in Zusammenarbeit mit anderen Staaten und internationalen Organisationen sowie unter Berücksichtigung der (Wahrung der) Interessen anderer Staaten.


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