Weltwirtschaft

Einbrüche im Welthandel: Corona-Schock ist nur der Funke für die Krise, die Fundamente wackelten schon lange

Lesezeit: 4 min
16.05.2020 08:45  Aktualisiert: 16.05.2020 08:45
Der Einbruch des Welthandels und der Beginn der Wirtschaftskrise sind zwar vom Coronavirus ausgelöst worden. Die Fundamente des seit Jahrzehnten herrschenden Systems wackelten aber schon lange bedenklich.
Einbrüche im Welthandel: Corona-Schock ist nur der Funke für die Krise, die Fundamente wackelten schon lange
Containerabfertigung im Hafen von Qingdao. (Foto: dpa)
Foto: Yufangping

Benachrichtigung über neue Artikel:  

Der weltgrößte Reedereikonzern Maersk gibt die Richtung vor, in die sich der Welthandel im laufenden Jahr bewegen dürfte. So rechnet der Konzern für das zweite Quartal des laufenden Jahres mit einem Rückgang des Geschäftsvolumens um bis zu einem Viertel. Sein Konzern gehe für das Quartal mit einem um möglicherweise 20 bis 25 Prozent niedrigeren Volumen in allen Geschäftsbereichen aus, erklärte Maersk-Chef Søren Skou. Trotz eines Rückgangs des globalen Containerhandels um 4,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal stieg der Umsatz minimal von 9,54 auf 9,57 Milliarden Dollar.

Maersk ist mit seiner düsteren Prognose nicht allein. Die Vereinten Nationen erwarten, dass die Warenströme im zweiten Quartal um bis zu 27 Prozent zurückgehen könnten, berichtet der Guardian.

Auch andere Indizien wiesen mit Blick auf die vergangenen Monate schon auf einen deutlichen Einbruch hin. Dem CPB World Trade Monitor zufolge ist das Volumen der weltweit bewegten Waren und Güter im April gegenüber dem Vormonat um 1,5 Prozent zurückgegangen. Der Umschlag in den vergangenen drei Monaten zum Vorquartal ging demnach um 1,4 Prozent zurück und im Vergleich von April 2020 zu April 2019 gab es einen Rückgang um 2,5 Prozent.

Der Containerumschlag-Index des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik zeigt für den März einen signifikanten Abschwung außerhalb Chinas an, wo sich die Lage langsam wieder zu normalisieren scheint: Der Index ist saisonbereinigt im März um 5,9 Punkte auf 111,2 gestiegen. Er liegt damit aber um 4 Prozent unter dem Vorjahreswert. Die chinesischen Häfen kehrten wieder zum Normalbetrieb zurück, weil die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zurückgefahren wurden. Sie schlugen nur gut 1 Prozent weniger um als im Vorjahr. In den Häfen der anderen Länder machten sich der geringere Containerversand aus China und die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie negativ bemerkbar. „Deshalb wurde in diesem Monat eine Sonderauswertung unter Ausschluss der chinesischen Häfen vorgenommen. Der so ermittelte Index sank im März saisonbereinigt um 3 Punkte gegenüber Februar und lag um 6,2 Prozent unter dem Vorjahreswert“, heißt es in einer Erklärung.

Welchen Nachfrageschock die gegen die Coronavirus-Pandemie gerichteten Notmaßnahmen ausgelöst haben, wird angesichts des Abschwungs der weltweit erhobenen Einkaufsmanager-Indizes deutlich, welche im April massiv auf 26.5 Punkte eingebrochen waren. Der Durchschnitt der vergangenen Jahre bis Januar 2020 lang bei über 50 Punkten, im Februar kam es dann zu einem Rückgang auf rund 46 Punkte und im März auf rund 39 Punkte.

Corona ist nur der aktuelle Auslöser, die Gründe liegen tiefer

Der infolge des Coronavirus verursachte Abschwung in der Weltwirtschaft und im Welthandel darf allerdings nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass das Welthandelssystem schon seit einigen Jahren unter enormen politischen Druck und den Einfluss struktureller Machtverschiebungen geraten war, die in ihrem Endeffekt zu einer De-Globalisierung nach Jahrzehnten der weltweiten Vereinheitlichung führen könnte.

Schon seit Jahren gab es verstärkt Anzeichen dafür, dass sich das Wirtschaftswachstum weltweit und infolge davon auch der Handel abschwächt. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten hatten darüber mehrfach berichtet – zu einer Zeit, als in den meisten Medien noch das Lied vom endlosen Wachstum gesungen wurde. Denn es war vielen Beobachtern immer klar, dass ein auf Geldschöpfung aus dem Nichts und stetigem Schuldenzufluss gründendes Weltwirtschaftssystem irgendwann an einen Punkt gelangen würde, an dem es instabil wird und den zyklisch bedingten Abschwung einleiten wird.

Zu diesen strukturellen, in der Beschaffenheit des modernen Weltfinanzsystems gründenden, Faktoren gesellten sich in den vergangenen Jahren geopolitische Hindernisse. Die treibende Kraft hinter der gegenwärtig zu beobachtenden Neuverhandlung beziehungsweise Blockade des Weltsystems ist die im Jahr 2016 an die Macht gewählte US-Regierung unter Präsident Donald Trump. Diese versucht seitdem, die aus amerikanischer Sicht als ungerecht empfundenen Regime der Globalisierung neu zu verhandeln beziehungsweise aktiv in Richtung einer an nationalen Interessen ausgerichteten Wirtschaftspolitik zu ändern. Es darf nicht vergessen werden, dass es die immensen Negativwirkungen der Globalisierung auf Millionen amerikanischer Familien (Auslagerung von Produktion und Arbeitsplätzen nach Übersee, steigende Arbeitslosigkeit, unkoordinierte Einwanderung etc.) waren, die Trump zum Präsidenten machten.

Die seit einigen Jahren sichtbar gewordene Politisierung – genauer gesagt: Geopolitisierung – von Welthandel und Weltwirtschaft stellt insbesondere auch die EU vor enorme Herausforderungen, weil sie im Gegensatz zu den großen Konkurrenten USA und China kein einheitliches Staatssystem mit durchgreifender Verfügungs- und Entscheidungsgewalt darstellt. Der Wirtschaftsblog Seed World kommentiert die Entwicklung deshalb wie folgt:

„Die Re-Politisierung der Weltwirtschaft und der Versuch der EU, sich zu positionieren, wird im Welthandel besonders deutlich. Das regelbasierte, multilaterale System – geformt und angeführt von den USA nach dem Zweiten Weltkrieg – welches den Handel von politischer Beeinflussung abschirmte, führte weltweit zu großen Vorteilen und es wird nun von seinem langjährigen Hegemon zunehmend paralysiert und auseinandergenommen. Die US-Regierung hat den Streitschlichtungsmechanismus der Welthandelsorganisation (WTO) lahmgelegt, droht mit dem Rückzug aus dem Government Procurement Agreement und der Blockade des WTO-Haushalts und träumt offen von der Rückkehr zu einer rein bilateralen Streitschlichtung. All diese Schritte beeinträchtigen die WTO in ihrer Essenz.

Es ist noch zu früh zu sagen, was das Endergebnis der Ringerparty der Giganten im Welthandel sein wird. Aber es ist ziemlich sicher, dass der Welthandel sich signifikant ändern wird infolge des Aufstiegs einer reinen Verhandlungsstrategie („deals based approach“), dem Zwang zur Kohlenstoffdioxidneutralität, Vorstößen zur Entkopplung von technologischen Abhängigkeiten, der Bedrohung durch Pandemien, der Forderungen nach mehr strategischer Autonomie und dem Widerstand der Völker gegen eine weitere Globalisierung. Die Ära des stabilen, multilateralen und regelbasierten Systems, das von einem unangefochtenen Hegemon garantiert wird, könnte vorbei sein. Unternehmen sollten sich aktiv darüber Gedanken machen, was die Konsequenzen sein könnten.“

Der WTO-Chef schmeißt hin

Am Freitag wurde schließlich bekannt, dass der Präsident der gelähmten Welthandelsorganisation, Roberto Azevêdo, vorzeitig und vollkommen überraschend von seinem Amt zurücktritt. Er stelle seinen Posten nach sieben Jahren im Amt am 31. August zur Verfügung, teilte Azevêdo den Vertretern der Mitgliedsländer am Donnerstag in Genf mit. Seine zweite Amtszeit wäre eigentlich noch ein Jahr länger gelaufen. Er habe sich aus „familiären“ Gründen zu diesem Schritt entschieden, sagte er, fügte aber hinzu: „Ich bin überzeugt, dass diese Entscheidung im besten Interesse der Organisation ist.“ Er habe keine Absicht, in die Politik zu gehen, sagte der Brasilianer.



DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Der grüne Eifer wird zum Bumerang: Wie die Begeisterung fürs Holz den Wald gefährdet

In seiner äußerst detaillierten und tiefschürfenden Analyse zeigt DWN-Kolumnist Ronald Barazon, warum deutscher und europäischer Wald...

DWN
Finanzen
Finanzen Spekulanten setzen auf Inflation und auf Joe Biden: Die eine Wette ist sicher - die andere hochriskant

Die großen Akteure im US-Anleihemarkt ändern zunehmend ihre Strategie: Sie wetten jetzt auf steigende Anleihe-Renditen. Die Märkte...

DWN
Politik
Politik Verzerrte Statistiken, verschleierte Tatsachen: Wie die deutschen Medien Schwedens Corona-Politik verunglimpfen

Die Berichterstattung vieler deutschen Medien über Schwedens Umgang mit der Corona-Pandemie ist unzureichend und fehlerhaft. Das findet...

DWN
Finanzen
Finanzen Serie „So werde ich zum Anleger“: Das Depot

Einsteiger verzweifeln oft, wenn sie in Fonds, ETFs oder Aktien investieren wollen. Wir erklären Ihnen Schritt für Schritt, auf welche...

DWN
Finanzen
Finanzen Gazprom: Steuer-Querelen ärgern die Aktionäre

Die russischen Börsen sind auch für die deutschen Anleger von besonderem Interesse, weil hier mit Gazprom, Lukoil und Rosneft Unternehmen...

DWN
Politik
Politik China dominiert, die Agenda lautet "grün": So sieht die Welt im Jahr 2030 aus

Harvard-Professor Joseph S. Nye entwirft fünf Szenarien, wie das internationale Staatensystem in zehn Jahren beschaffen sein könnte.

DWN
Unternehmen
Unternehmen "Spaßkäufe" für kleine Internet-Händler zunehmend existenzbedrohend

Eigentlich brummt während der Krise das Geschäft mit dem Verkauf von Waren über das Internet. Doch betrifft das nur die großen...

DWN
Finanzen
Finanzen Erstes Land der Welt führt eine Digitalwährung als legales Zahlungsmittel ein

Die Bahamas haben eine digitale Zentralbankwährung zum legalen Zahlungsmittel gemacht. Der sogenannte Sand-Dollar muss nun von allen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Dunkle Wolken am Konjunktur-Himmel: KfW-Studie deckt verheerende Folgen des Lockdowns auf

Eine aktuelle Studie der KfW zeichnet ein düsteres Bild der Lage, in der viele kleine und mittelgroße Unternehmen in Deutschland stecken....

DWN
Politik
Politik Lagebericht Syrien: Islamisten treffen sich an türkischer Grenze und werden von US-Drohnen liquidiert

Die amerikanische Armee hat im Nordwesten Syriens zahlreiche Islamisten-Söldner mithilfe von Drohnenangriffen liquidiert.

DWN
Politik
Politik Nach Mord in Dresden: „Abschiebepflichtige Gefährder und schwere Straftäter dürfen wir nicht nach Syrien abschieben“

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius beschwichtigt in der nach dem islamistischen Mord von Dresden aufgekommenen Debatte um eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Derivate - Finanzielle Massenvernichtungswaffe oder wichtige Stütze der Wirtschaft? Teil 2

Die Politik hat versagt: Der Spekulationskreislauf an den Märkten ist aus dem Ruder gelaufen. Die eigentlich nützlichen Derivate...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Renaissance der Kernkraft in Europa: Polen steigt in die Atomenergie ein, Deutschland mit „Energiewende“ isoliert

Während die Bundesregierung aus „klimapolitischen“ Gründen massiv in die Windkraft investiert, startet unser östlicher Nachbar eine...

DWN
Deutschland
Deutschland Neueste Zahlen zeigen extrem niedrige Sterblichkeitsrate bei Corona-Infektionen

Neueste Zahlen des Robert Koch-Instituts sowie der Weltgesundheitsorganisation zeigen eine extrem niedrige Wahrscheinlichkeit, dass...