Deutschland

Corona-Insolvenzwelle: Massen-Schließungen bei Karstadt, schwere Einschnitte bei der Bahn

Die Situation beim Kaufhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof und der Deutschen Bahn spitzt sich zu. Zudem mussten in den vergangenen Wochen zahlreiche mittelständische Unternehmen Insolvenz anmelden.
18.05.2020 16:21
Aktualisiert: 18.05.2020 16:21
Lesezeit: 3 min
Corona-Insolvenzwelle: Massen-Schließungen bei Karstadt, schwere Einschnitte bei der Bahn
Die Fähre "Gardenia Seaways" läuft am 17.02.2017 in Flensburg bei der Flensburger Schiffbaugesellschaft (FSG) vom Stapel. (Foto: dpa) Foto: Carsten Rehder

Bei der angeschlagenen Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof droht der Kahlschlag: Bis zu 80 der derzeit noch gut 170 Filialen des Konzerns könnten bei der anstehenden Sanierung geschlossen werden. Das sieht der erste Entwurf eines Sanierungskonzeptes für den kränkelnden Handelsriesen vor, der am Freitag dem Gesamtbetriebsrat und Gläubigervertretern vorgelegt wurde, wie die Deutsche Presse-Agentur aus dem Unternehmensumfeld erfuhr. Nach Informationen der Wirtschaftwoche rechnen namentlich nicht genannte Insider mit dem Abbau von insgesamt rund 5.000 Vollzeitstellen bei dem Unternehmen. Aktuell beschäftigt Galeria Karstadt Kaufhof noch rund 28.000 Mitarbeiter. Ein Sprecher des Warenhauskonzerns betonte, das Unternehmen wolle Spekulationen nicht kommentieren.

Norbert Portz vom Deutschen Städte- und Gemeindebund warnte angesichts der Schließungspläne vor der Gefahr einer Verödung vieler Innenstädte. „Galeria Kaufhof Karstadt ist nicht irgendwer. Die Warenhäuser sind für viele Innenstädte systemrelevant“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Gerade für viele strukturschwächere Innenstädte wäre ein Verlust der Warenhäuser nach seiner Einschätzung kaum auszugleichen. Portz appellierte an den Warenhauskonzern, die Kommunen und die Vermieter, gemeinsame Lösungen zu suchen, um ein Überleben der Kaufhäuser zu sichern. Die Gewerkschaft Verdi warnte, eine solch dramatische Schließungswelle werde Auswirkungen weit über das Unternehmen hinaus haben. Mittelfristig seien dadurch auch Zehntausende von Arbeitsplätzen bei anderen Einzelhändlern und die Attraktivität ganzer Innenstädte bedroht. „Denn die Warenhäuser in den Städten sind Ankerstandorte. Sie sind der Schlüssel für Frequenz und für die Ansiedlung von weiteren Einzelhandelsbetrieben“, sagte Nutzenberger. Sie kündigte harten Widerstand gegen die Schließungspläne an und verlangte dabei Unterstützung von der Politik: „Hier sind alle gefordert, von den Bürgermeistern bis hin zur Bundespolitik.“

Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) sieht sich jeder zehnte Einzelhändler in Deutschland von Insolvenz bedroht. Von den Anfang Mai befragten 10.000 Firmen berichteten zudem knapp 40 Prozent davon, ihre Investitionen für das laufende Jahr kürzen zu wollen. Zugleich gab ein knappes Drittel der Händler an, so stark von der Krise betroffen zu sein, dass sie Personal abbauen müssten. Die Unternehmen leiden unter der eingebrochenen Nachfrage bei gleichbleibend hohen Kosten. 78 Prozent der Einzelhändler rechnen mit einem Umsatzrückgang.

Wegen der Corona-Krise sind bei der Deutschen Bahn nach Einschätzung der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) mehr als 10.000 Arbeitsplätze in Gefahr. „Die Deutsche Bahn AG will im Gegenzug für staatliche Hilfen etwa fünf Milliarden Euro, davon etwa 2,25 Milliarden beim Personal einsparen. Die Umsetzung dieser Vereinbarung zwischen dem Konzern und der Bundesregierung heißt im Klartext: Abbau von weit über 10.000 Stellen bei der Deutschen Bahn im gesamten Bundesgebiet.“ Der Konzern wollte die Äußerungen am Sonntag auf Anfrage der dpa nicht kommentieren. Nach eigenen Angaben beschäftigt er in Deutschland rund 211.000 Menschen. Der Bund will den Staatskonzern nun über eine weitere Kapitalerhöhung unterstützen. Dabei könnten 6,9 bis 8,4 Milliarden Euro fließen. Außerdem will der Bund eine Erhöhung der Neuverschuldungsgrenze von derzeit rund 25,4 Milliarden Euro.

Der Informationsdienstleister Crifbürgel rechnet in diesem Jahr mit mehr als 29.000 Firmeninsolvenzen in Deutschland. Das wären 10.000 oder rund 54 Prozent mehr als im vergangenen Jahr, teilte Crifbürgel am Montag in Hamburg mit. Dabei handele es sich um eine Szenarioanalyse, in die Liquiditätskredite und Hilfen der staatlichen Förderbank KfW nicht eingerechnet seien. Das seien Darlehen, die zurückgezahlt werden müssten. „Dabei stellt sich die Frage, wie selbst bislang erfolgreiche Firmen, die aufgrund ihres Geschäftsmodelles wenig Gewinn und eher geringe Rücklagen erwirtschafteten, zusätzliche Kredite abbezahlen sollen“, heißt es in der Mitteilung. Damit würde die Pleitewelle ähnlich hoch ausfallen wie in der Finanzkrise, als 2009 fast 34.000 Unternehmen in die Insolvenz gingen. Vor allem in der Tourismus-, Gastro- und Eventbranche sieht Crifbürgel einen hohen Anstieg an Insolvenzen. Zudem würden Messebauer, Automobilzulieferer, Kinos und auch der Einzelhandel sowie die exportabhängige Industrie die Folgen des Lockdowns zu spüren bekommen. Unternehmen aus diesen Bereichen mit geringen Liquiditätsreserven dürften kaum wieder auf die Beine kommen.

Derweil ereignen sich im Zuge des durch die Corona-Gegenmaßnahmen ausgelösten Wirtschaftsabschwungs derzeit zahlreiche Insolvenzen kleinerer Unternehmen, wie die folgende, nicht vollständige, Liste zeigt. Auffällig: Besonders viele Auto-Zulieferer sind betroffen:

Automobil-Zulieferer Finoba in Baunatal: Insolvenz angemeldet, Suche nach Investor, etwa 500 Arbeitsplätze betroffen

Maschinenbaufirma Emil Bucher in Eislingen: Ein Drittel der Arbeitsplätze werden abgebaut

Autozulieferer Flabeg in Nürnberg: Insolvenz angemeldet, weltweit 1.300 Mitarbeiter betroffen

Taschenhersteller Picard-Lederwaren in Obertshausen: Vorläufiges Schutzschirmverfahren beantragt, etwa 200 Mitarbeiter betroffen

Autozulieferer Veritas in Gelnhausen: Insolvenz angemeldet, 2.200 Mitarbeiter betroffen

Modeunternehmen Kemena Fashion in Bünde: Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt, Zahl der betroffenen Mitarbeiter unbekannt

Autozulieferer Hundhausen in Schwerte: Insolvenz beantragt, rund 480 Mitarbeiter betroffen

Werft der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG): Insolvenz angemeldet, Betrieb soll aufrecht erhalten werden, Zahl der betroffenen Angestellten liegt bei etwa 700

Autoteilehändler ATP in Pressath: Insolvenz im März beantragt, 104 Mitarbeiter im April entlassen, von einst 400 Mitarbeitern sollen mittelfristig 250 bleiben

Technologie-Spezialist Hittech Prontor GmbH in Calmbach: Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet, rund 300 Mitarbeiter betroffen

Express-Servicespezialist Mister Minit: Insolvenz in Eigenverantwortung angemeldet, rund 400 Mitarbeiter betroffen

Autozulieferer Weberit Dräbing in Bretzenheim: Insolvenz angemeldet, 150 Mitarbeiter betroffen

Küchenhersteller Poggenpohl: Insolvenz angemeldet, 270 Mitarbeiter betroffen

Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW): Insolvenz beantragt, etwa 350 Mitarbeiter betroffen

Zulieferer Microtherm in Pforzheim: Insolvenz angemeldet, rund 200 Mitarbeiter betroffen

Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU): Insolvenz angemeldet, Zahl der betroffenen Mitarbeiter nicht bekannt

Modehandelskette Sinn: Schutzschirmverfahren bei laufendem Betrieb angemeldet, etwa 1.400 Mitarbeiter betroffen

Gardinenwerk Gerhard Unland in Sedelsberg: Insolvenz beantragt, Zahl der betroffenen Mitarbeiter unbekannt

***

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten hatten in den vergangenen Wochen bereits zweimal über Insolvenzen berichtet. Die entsprechenden Artikel finden Sie hier und hier.

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