Finanzen

Zentralbanken als Marionetten: Der Puppenspieler heißt BlackRock

BlackRock hat sich zur gewaltigsten Finanzmacht der Welt emporgeschwungen. Doch der Hedgefonds hat sich noch weitere Ziele gesetzt - welche das sind, zeigt DWN-Kolumnist Ernst Wolff auf. Eine erschreckende Lektüre.
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avtor
21.05.2020 16:56
Aktualisiert: 21.05.2020 16:56
Lesezeit: 5 min
Zentralbanken als Marionetten: Der Puppenspieler heißt BlackRock
Geballte Macht: BlackRock-Chef Larry Fink (l), der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und die damalige Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, auf dem Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos. (Foto: dpa) Foto: Laurent Gillieron

Wer nach einem schweren Unfall vom Notarzt reanimiert werden muss, kommt auf die Intensivstation, wo speziell geschultes Personal ihn an lebenserhaltende Geräte anschließt und mit Medikamenten versorgt.

Etwas Vergleichbares ist dem globalen Finanzsystem 2007/08 passiert. Der Unfall war die Subprime-Hypotheken-Krise, als Notarzt sprangen damals die Regierungen ein, in die Rolle der Intensivmediziner schlüpften die Zentralbanken und als Medikamente wurden Geldschöpfung und Zinssenkungen verordnet.

Leider waren die Unfallfolgen so schwer, dass die Maßnahmen zwölf Jahre lang fortgesetzt werden mussten. Im ersten Quartal 2020 traten dann zusätzliche Komplikationen ein, woraufhin sich der Zustand des Patienten dramatisch verschlechterte. Die Medikamentendosen mussten so stark erhöht werden, dass die Intensivmediziner sich gezwungen sahen, einen Spezialisten hinzuzuziehen, der ihre Verschreibungen aufeinander abstimmte, damit diese den Patienten nicht umbrachten.

An genau diesem Punkt ist das globale Finanzsystem durch den weltweiten Lockdown in der Corona-Krise angekommen: Es kann nur noch durch immer stärkeres Eingreifen der Zentralbanken am Leben erhalten werden, doch die Maßnahmen müssen immer enger aufeinander abgestimmt werden, um einen Crash zu verhindern. Zu diesem Zweck hat man einen Spezialisten hinzugezogen, der die Maßnahmen hinter den Kulissen koordiniert: den amerikanischen Hedgefonds BlackRock.

Die Zentralbanken bitten um Hilfe – BlackRock steht Gewehr bei Fuß

"Wir werden der FED und anderen Zentralbanken der entwickelten Märkte folgen, indem wir das kaufen, was sie kaufen, und solche Vermögenswerte (ins Visier nehmen), die mit ihnen in Einklang zu bringen sind." Diese Worte stammen von Rick Rieder, dem Leiter des Global Allocation Teams von BlackRock, dem größten unabhängigen Vermögensverwalter der Welt.

Rieders vor einem Monat veröffentlichte Ankündigung ist zwar nicht falsch, enthält aber nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit müsste folgendermaßen lauten: „Wir kaufen das, was die Zentralbanken kaufen, nachdem wir ihnen eine Kaufempfehlung gegeben, den Kauf selbst mit vorbereitet, organisiert und daran verdient haben – und zwar doppelt, weil wir auch am Gewinn des Verkäufers beteiligt sind.“

Wer meint, das höre sich nach Marktmanipulation und Selbstbereicherung an, der liegt genau richtig. Wer aber meint, das Ganze sei nicht rechtens, der irrt: All das, was Larry Finks Mega-Hedgefonds BlackRock zurzeit macht, geschieht vollständig im Einklang mit Recht und Gesetz und sogar auf Einladung der beteiligten Zentralbanken.

Die beiden bedeutendsten unter ihnen, die FED und die EZB, haben sich BlackRock nämlich als Berater und Organisator ins Haus geholt, nachdem die Politik ihnen nach dem Absturz des Ölpreises und dem Einbruch der Aktienmärkte im März grünes Licht für die Bereitstellung riesiger Summen zur Rettung des angeschlagenen Finanzsystems gegeben hat.

Für BlackRock ist das nicht der erste Einsatz dieser Art. Der Hedgefonds wurde bereits in der Krise von 2007/08 von der FED mit einer ähnlichen Mission betraut. Allerdings hat sich seine Marktmacht inzwischen geändert. Betrug das verwaltete Vermögen damals noch knapp 1,3 Billionen US-Dollar, so ist es bis Ende 2019 auf 7,43 Billionen Dollar angewachsen und beträgt zurzeit in etwa das Doppelte des deutschen Bruttoinlandsproduktes.

Die gewaltigste Finanzmacht der Welt

Bedenkt man, dass eines der bevorzugten Instrumente von Hedgefonds die Hebelung ist und dass diese den Einsatz bei der Spekulation an den Finanzmärkten oft um das Dreißig- oder Vierzigfache erhöht, kann man sich in etwa ausmalen, welch unvorstellbare Macht BlackRock heute genießt. Sieht man sich das vergangene Jahr an, dann bekommt man auch eine Ahnung davon, wie rasant der Hedgefonds wächst: Allein 2019 hat das verwaltete Vermögen um 24 Prozent zugenommen.

Dass dieser Trend sich fortsetzen und vermutlich sogar beschleunigen wird, scheint sicher: Erst in dieser Woche kündigte die FED den Kauf von börsengehandelten Fonds (ETFs) an – eine Aufgabe, die BlackRock sicherlich gern übernimmt, da die Tochterfirma des Hedgefonds namens IShares annähernd die Hälfte des globalen Marktes an ETFs kontrolliert.

Es ist aber nicht nur die Finanzkraft des Konzerns, die ihn so übermächtig macht. Die Worte „Asset, Liability, and Debt and Derivative Investment Network“ („Netzwerk für Aktiv-, Passiv-, Schulden- und Derivat-Investitionen“) werden den meisten nicht viel sagen. Dahinter aber verbirgt sich das wichtigste Superhirn im globalen Finanzgeschäft - ALADDIN, das elektronische Datenanalyse-System der BlackRock-Tochter „Solutions“.

ALADDIN besteht aus 5000 Großrechnern, die an vier unbekannten Standorten pro Woche etwa zweihundert Millionen Kalkulationen durchführen. Das System überwacht nicht nur die konzerninternen Anlageprodukte im Wert von etwa 5,1 Billionen Dollar, sondern betreut auch circa 30.000 Investmentportfolios im Gesamtwert von 15 Billionen Dollar. Insgesamt verwaltet ALADDIN etwa acht Prozent aller globalen Vermögenswerte.

Keine Zentralbank der Welt kann BlackRock damit mehr das Wasser reichen. Selbst die größten von ihnen sind inzwischen darauf angewiesen sind, sich in Krisenzeiten mit BlackRock zusammenzutun – und sich von dem Vermögensverwalter führen zu lassen. Denn eines ist klar: Wer über solches Anlagevermögen und solche Rechnerkapazitäten verfügt, der hat nicht nur mehr Geld und mehr Macht, sondern auch mehr Insiderwissen als alle anderen zusammengenommen.

Das Netzwerk – ein „Who is Who“ aus Bankensektor und Politik

Das Salz in der Suppe des Erfolges sind Beziehungen - das gilt auch für BlackRock, wo man in dieser Hinsicht die Grundlagen für ein Imperium gelegt hat. Wer könnte in der Welt der Finanzen wohl bessere Kontakte besitzen als ein Fonds, der Miteigentümer von knapp 18.000 Unternehmen ist, zu denen 90 Prozent der 500 größten US-Konzerne zählen, darunter die Börsengiganten Amazon, Google, Facebook, Apple und Microsoft? Wer könnte besser vernetzt sein als ein Unternehmen, das Aktienpakete an den meisten Banken der Wall Street und Westeuropas wie auch an den wichtigsten Rüstungs-, Energie- und Chemiekonzernen, Fluglinien und Autokonzernen der Welt hält?

Und wer könnte wohl weltweit als Lobbyist mehr Einfluss nehmen als ein Unternehmen, das neben der FED und der EZB auch das britische Finanzministerium oder die Zentralbanken Kanadas, Irlands und Griechenlands berät und auf dessen Gehaltsliste illustre Namen wie Philipp Hildebrand, ehemaliger Chef der Schweizer Nationalbank, George Osborne, ehemaliger britischer Finanzminister und Stanley Fisher, Ex-Vize-Chef der FED, auftauchen?

Zusätzlich hat sich BlackRock in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch unter den „High Networth Individuals“ eine einmalige Position erarbeitet. Es gibt auf der Welt äußerst viele Multimillionäre oder Milliardäre, die sich von den Profis nicht nur bei der Geldvermehrung, sondern auch beim Verstecken ihrer Gewinne vor der Steuer helfen lassen. BlackRock gilt unter Insidern als größter Organisator von Briefkastenfirmen und hat diese von seinen Experten weltweit über mehr als ein Dutzend Steueroasen verstreuen lassen.

BlackRock und Microsoft - die stärkste Allianz der Welt

Dass ein Unternehmen wie BlackRock, das erst 1988 gegründet wurde, so unvorstellbar mächtig werden konnte, hat vor allem eine Ursache: die Deregulierung. Es war der ständig fortschreitende Abbau von rechtlichen Einschränkungen des Bankwesens, der Mitte der 1970er Jahre einsetzte und dazu führte, dass ab Mitte der 1980er Jahre immer mehr Hedgefonds entstanden, die wie Banken arbeiten durften, ohne deren Beschränkungen zu unterliegen.

Im Grunde war die Deregulierung ein Geschenk an die Banken, die ja fortan selbst Hedgefonds gründen und durch sie all die Geschäfte betreiben durften, die ihnen vorher verboten waren. Doch mit der Zeit wurden einzelne dieser Hedgefonds wie BlackRock immer größer und mächtiger und konnten über ihre Beteiligungen an den Banken deren Politik zunehmend beeinflussen.

Vor allem aber war es Larry Finks Entscheidung für das Informationssystem ALADDIN, das dafür sorgte, dass BlackRock seinen Konkurrenten davonzog. Dass Fink sich trotz seines Erfolges noch nicht zur Ruhe setzen möchte, zeigte sich erst im vergangenen Monat: Wie in der ersten Aprilwoche bekannt wurde, sind BlackRock und Microsoft im Zuge der Corona-Krise eine strategische Allianz eingegangen, die die Weltherrschaft der beiden Konzerne nicht nur festigen, sondern erheblich ausweiten dürfte.

Nach Aussage von Rob Goldstein, BlackRocks Chief Operating Officer, wird die Aladdin-Infrastruktur in Zukunft auf der Cloud-Plattform von Microsoft Azure bereitgestellt und mit erweiterten Funktionen ausgestattet, „um unseren Aladdin-Kunden die besten Ergebnisse zu liefern".

Sollte diese Allianz zwischen dem größten Vermögensverwalter und dem größten Software-Unternehmen der Welt noch nicht ausreichen, um die beiden endgültig unschlagbar zu machen, hegt Larry Fink noch einen weiteren Plan. Wie aus Washington verlautet, will er im Fall von Joe Bidens Wahlsieg ein Versprechen einlösen, das er bereits der gescheiterten Hillary Clinton gegeben hat, und US-Finanzminister werden.

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Ernst Wolff

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Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.

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