Politik

China löst die USA als Weltmacht ab - Deutschland muss sich für eine Seite entscheiden

Der außenpolitische Chef der Europäischen Union, Josep Borrell, sagt, dass China die USA als weltpolitisches Machtzentrum ablösen wird. Außenminister Heiko Maaß ist sich da nicht so sicher.
27.05.2020 16:34
Aktualisiert: 27.05.2020 16:34
Lesezeit: 2 min
China löst die USA als Weltmacht ab - Deutschland muss sich für eine Seite entscheiden
US-Präsident Donald Trump (l) triff China Vizepremier trifft Liu He (r) zu Gesprächen anlässlich des Handelsstreits im Weißen Haus. (Foto: dpa) Foto: Susan Walsh

Laut dem außenpolitische Chef der Europäischen Union, Josep Borrell, ist es wahrscheinlich, dass China die USA als weltpolitisches Machtzentrum ablösen wird. „Analysten haben lange über das Ende eines von Amerika geführten Systems und die Ankunft eines asiatischen Jahrhunderts gesprochen. Dies spielt sich jetzt vor unseren Augen ab“, zitiert die L.A. Times den Spanier, der seine Aussagen auf einem Treffen mit deutschen Diplomaten tätigte. Auf der EU wachse nun der Druck, sich für eine Seite zu entscheiden, so der "Hohe Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik" - eine vielsagende Aussage, vor allem im Hinblick darauf, dass seine Zuhörer ausschließlich Deutsche waren.

Über das Reich der Mitte sagte Borrell: „Chinas Aufstieg ist beeindruckend. Wir haben nur eine Chance, wenn wir mit kollektiver Disziplin mit China umgehen. Wir brauchen eine robustere Strategie für den Umgang mit China, die auch bessere Beziehungen zum Rest des demokratischen Asiens erfordert.“

Im Diskurs mit Peking müsse die EU ihren „eigenen Interessen und Werten folgen“ - dabei dürfe man sich nicht von dem „einen oder anderen“ instrumentalisieren lassen. Diese Aussage des Top-Diplomaten ist eindeutig als Seitenhieb gegen die USA einzustufen.

Es scheint also, als ob Borrell annimmt, dass China in Zukunft wichtiger für die EU sein werde als die USA - dass die Gemeinschaft sich allerdings Peking gegenüber selbstbewusst zeigen sollte. Ein wichtiger, ein richtiger Gedanke: Und wie gesagt - Borrell tätigte seine Aussage bei einem Treffen mit deutschen (!) Diplomaten.

Unterdessen schreibt Andrew Small, Associate Senior Policy Fellow beim Think Tank des Europäischen Rates für Auswärtige Beziehungen, dass China sich bisher hinter dem europäisch-russischen Antagonismus verstecken konnte. Small wörtlich: „China profitierte von dem Kontrast, den viele Europäer zwischen China und Russland gezogen hatten. Während Russland der EU aktiv feindlich gegenüberstand, versuchte China nur, die europäische Einheit (…) zu behindern. Während Russland vom Chaos lebte, konnte China in Krisenzeiten als Status-Quo-Akteur herangezogen werden. Während Russland Desinformation herauspumpte, europäische Bürger ins Visier nahm und Populisten an die Macht bringen wollte, konzentrierte sich China auf positives Image-Management und die Eroberung der Elite hinter den Kulissen.“

Es bleibt zum aktuellen Zeitpunkt unklar, ob die EU und China ihren bilateralen Handel auf das Niveau vor der Corona-Krise bringen werden. China war 2019 der drittgrößte Partner für EU-Warenexporte (neun Prozent) und der größte Partner für EU-Warenimporte (19 Prozent). Unter den EU-Mitgliedstaaten waren die Niederlande der größte Importeur von Waren aus China und Deutschland der größte Exporteur von Waren nach China. Die EU exportierte Waren im Wert von 198 Milliarden Euro und importierte chinesische Waren im Wert von 362 Milliarden Euro. Damit belief sich das EU-Handelsdefizit mit China auf 164 Milliarden Euro. Das geht aus Daten des EU-Statistikamtes Eurostat hervor.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) zweifelt an, dass China bereits als Nachfolger der USA angesehen werden kann. „Die meisten Wetten lauten auf China. Aber ist es so einfach?“, fragte Maas. „Und werden internationale Unternehmen weiter ,just in time‘ in China produzieren, wenn die Ursachen einer solchen Krise nicht nachprüfbar aufgearbeitet werden?“, meint er. Auch beim Blick über den Atlantik sei ein „Zerrbild“ entstanden. „Es zeigt die USA in völliger Überforderung - irgendwo zwischen kollabierendem Gesundheitssystem und galoppierenden Arbeitslosenzahlen“. Dabei seien sich fast alle Experten einig, dass vor allem die Digitalwirtschaft mächtiger aus der Krise hervorgehen werde - und damit viele große US-Unternehmen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bewerbungsverfahren: Künstliche Intelligenz verändert die Auswahlkriterien
18.10.2026

Bewerber verfassen Bewerbungsunterlagen mit KI, Betriebe lassen die Maschine zumindest einen Teil der Vorauswahl machen. Das ändert die...

DWN
Finanzen
Finanzen Aktien kaufen: Der größte Fehler passiert lange vor dem ersten Aktienkauf
18.10.2026

Welche Aktie soll ich kaufen? Für viele Börsenanfänger ist das die wichtigste Frage überhaupt. Dabei entscheidet sich oft schon viel...

DWN
Technologie
Technologie Musks Flugauto: Tesla zeigt Sportwagen mit Raketendüsen
18.10.2026

Seit Jahren stellte Elon Musk ein Raketen-Auto in Aussicht - und der nun gezeigte Tesla Roadster kann dank Kaltgas-Düsen ein wenig...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zeekr greift BMW und Mercedes an: Ex-BMW-Manager rechnet mit Europas Autobauern ab
18.10.2026

In chinesischen Autofabriken verschwinden die Menschen, Roboter übernehmen ihre Arbeit. Während BMW, Mercedes und Audi unter Kostendruck...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entsorgungswirtschaft warnt: mehr Brände durch Batterien
18.10.2026

Immer mehr Alltagsgegenstände enthalten fest verbaute Batterien, die nicht jeder überhaupt erkennt. Im Müllauto oder der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bald treffen die Giganten aufeinander: Die Wette auf Indien könnte lukrativer sein als die auf China
18.10.2026

Wenn nur zehn Prozent der Inder, die heute kein Auto besitzen, in den kommenden Jahrzehnten Eigentümer eines Neuwagens würden, sprächen...

DWN
Politik
Politik Regierungsbildung in Berlin: Das planen Linke, Grüne und SPD für die Hauptstadt
17.10.2026

"Mehr gemeinsam, mehr Berlin": Das Sondierungspapier von Linke, Grünen und SPD umfasst inklusive Anlagen etwa 30 Seiten. So wollen die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deal mit Nvidia: Bundesregierung plant Kooperation mit US-Chiphersteller
17.10.2026

Deutschland will die Lücke beim Einsatz künstlicher Intelligenz in der Industrie schließen. Viele deutsche KMU hinken bei der digitalen...