Politik

Großbritannien geht auf Konfrontationskurs mit China

Der britische Premier Boris Johnson macht Front gegen China. Sein Vorstoß zielt nicht nur auf das aktuelle Vorgehen der chinesischen Regierung in Hongkong, sondern auch auf den Einfluss von Huawei.
07.06.2020 18:57
Lesezeit: 3 min
Großbritannien geht auf Konfrontationskurs mit China
Boris Johnson schaut Künstlern zu, die anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes als Löwen verkleidet vor der Downing Street 10 auftreten. (Archivbild: dpa) Foto: Stefan Rousseau

Großbritannien hat die geplante Verhängung eines Sicherheitsgesetzes durch Peking auf dem ehemaligen britischen Territorium Hongkong kritisiert. Zudem will die Regierung von Premierminister Boris Johnson Chinas Technologieriesen Huawei von seinen 5G-Mobilfunknetzen auszuschließen und bringt auch bereits potenzielle Ersatzunternehmen in Stellung.

In einer am Mittwoch in der Times of London und der South China Morning Post veröffentlichten Erklärung hat Premier Johnson die Spannungen mit Peking weiter eskaliert. Er bot bis zu 3 Millionen Einwohnern Hongkongs einen Zufluchtsort an, falls China das Sicherheitsgesetz durchsetzt. "Wir werden unseren Verpflichtungen nachkommen und eine Alternative bieten", sagte er.

Chinas Vertretung in Hongkong überbrachte Großbritannien am Mittwochabend die klare Botschaft, das Land solle sich nicht einmischen. Großbritannien habe keine Souveränitätsmacht, noch hat es die Macht, Hongkong zu regieren oder zu "überwachen", nachdem der Stadtstaat im Jahr 1997 an China zurück gegangen sei, sagte das Büro des Kommissars des chinesischen Außenministeriums in einer Erklärung.

Chinas Botschafter in Großbritannien, Liu Xiaoming, sagte auf Twitter im Hinblick auf Sanktionsdrohungen aus den USA, aber wohl auch als Warnung an Politiker der gesamten westlichen Welt: "Die Angelegenheiten Hongkongs sind rein innere Angelegenheiten Chinas, die keine Einmischung von außen dulden."

Mit seinem Konfrontationskurs gegen China nähert sich Großbritannien der Position der USA an. Die Regierung von Präsident Donald Trump hat die Verbündeten zu einer kritischen Haltung gegenüber China gedrängt. Sie sollten chinesische Technologien, darunter vor allem die 5G-Technologie von Huawei meiden, die von Washington als Gefährdung der nationalen Sicherheit eingestuft wird.

Boris Johnson hatte dem chinesischen Unternehmen im Januar zunächst grünes Licht für die Lieferung von Teilen für das britische 5G-Netz gegeben und damit die Trump-Regierung verärgert. Doch seit der Corona-Pandemie hat sich in Großbritannien das Misstrauen gegenüber China verstärkt, da dem Land Versäumnisse bei der Weitergabe von wichtigen Informationen zu dem von dort stammenden Virus vorgeworfen wurde.

Angesichts der wachsenden Kritik an China innerhalb seiner Konservativen Partei und bei Großbritanniens Verbündeten versucht Johnson nun, die Rolle Huaweis einzuschränken. Der Premier bemüht sich, die Zulieferfirmen für das britische 5G-Netz zu diversifizieren, wie Bloomberg am Mittwoch mit Bezug auf einen anonymen Insider berichtete.

So hat die Regierung von Boris Johnson dem Insider zufolge bereits im vergangenen Monat entsprechende Gespräche mit dem japanischen Technologieunternehmen NEC geführt. Auch das südkoreanische Elektronikunternehmen Samsung werde als ein möglicher Partner beim Aufbau der 5G-Netze geprüft.

Die Neubewertung durch Großbritannien wird nun wahrscheinlich auch in anderen Ländern die Entscheidungen über die Rolle von Huawei beeinflussen, wo es in der Vergangenheit bereits Anzeichen für einen wachsenden Widerstand gegen das in Shenzhen ansässige Unternehmen gegeben hat.

Die kanadischen Betreiber Bell und Telus entschieden sich diese Woche im Hinblick auf den Aufbau ihrer 5G-Netze für den schwedischen Telekommunikationsausrüster Ericsson und für das finnische Unternehmen Nokia, während sich hierzulande Telefonica Deutschland für Ericsson entschieden hat.

Im Zentrum der britischen Kritik an China steht der Umgang des Landes mit Hongkong. Während die EU-Außenminister Sanktionsdrohung vermieden und stattdessen "ernste Besorgnis" über das Vorgehen Pekings zum Ausdruck brachten, trat das Vereinigte Königreich - das sich nicht an der Erklärung der EU beteiligte, da es kein Mitglied mehr ist - mit einer konkreten Reaktion hervor.

Ausgerechnet Großbritannien, das gerade die EU verlassen hat, spielt nun in Europa eine führende Rolle bei einem Thema, das in der EU weithin mit Sorge betrachtet wird. So schmieden Deutschland und Frankreich gerade Pläne für ein stärkeres Europa, um China besser abzuwehren, etwa mit stärkeren Beschränkungen für chinesische Investitionen.

Die beiden britischen Finanzinstitute, die das Bankensystem Hongkongs dominieren, stellten sich am Mittwoch demonstrativ hinter Peking, was Johnsons Position schwächen dürfte. HSBC Holdings, im 19. Jahrhundert als Hongkong and Shanghai Banking Corporation gegründet, und Standard Chartererd haben beide das von Peking vorgeschlagene neue Sicherheitsgesetz unterstützt.

Letztendlich ist Großbritannien mit seinen 65 Millionen Einwohnern doch nur ein kleines Land, wenn man es mit China und seinen 1,4 Milliarden Einwohnern vergleicht. Chinas Aufstieg zur führenden globalen Macht scheint mitunter unausweichlich, auch wenn sich die USA und die EU - und Großbritannien - noch mit aller Macht dagegenstemmen.

Nach Ansicht von Janka Oertel, der Direktorin des Asien-Programms beim Europäischen Rat für Auswärtige Beziehungen in Berlin, könnte China einfach das chinesisch-britische Abkommen zu Hongkong aus dem Jahr 1984 brechen und würde damit wahrscheinlich durchkommen. Tatsächlich betrachtet Peking die Vereinbarung schon seit einigen Jahren als nicht mehr relevant.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Technologie
Technologie KI-Agenten außer Kontrolle: Wenn der Assistent plötzlich zum Hacker wird
29.08.2026

Ein KI-Agent sollte lediglich einen Platz im Fitnesskurs sichern und entfernte dafür eigenmächtig einen anderen Nutzer von der...

DWN
Politik
Politik Arbeitslosenversicherung: Milliardenloch und immer mehr Arbeitslose: Kommen höhere Beiträge?
29.08.2026

Im Juli gab es über drei Millionen Menschen, die arbeitslos gemeldet sind. Damit liegt die Arbeitslosenquote bei 6,4 Prozent. Tendenz...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kleine Warensendungen aus China vor Strukturbruch: Im Juli 98 Prozent Rückgang
29.08.2026

Die Zahl der Sendungen aus Asien sinkt. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass auch der Konsum entsprechend zurückgeht. Beispielhafte...

DWN
Finanzen
Finanzen Kapitalrente 2028: Was Sie erwarten dürfen, wenn Sie mit 30, 40 oder erst 50 beginnen
29.08.2026

Die aktuelle Rentenreform sieht ab 2028 auch eine Kapitalrente vor, bei der Anteile der Rentenbeiträge am Kapitalmarkt angelegt werden....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ford E-Transit Courier im Test: Der Elektro-Spezialist für die Stadt
29.08.2026

Der Ford E-Transit Courier ist konsequent auf städtische Lieferdienste zugeschnitten. Er bietet ausreichend Reichweite für den...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volkswagen unter Druck: Wie umfangreich muss der Konzern sparen?
29.08.2026

Hohe Kosten, Überkapazitäten und ein unerbittlicher Wettbewerb setzen Volkswagen massiv unter Druck. Mehrere Werke fürchten um ihre...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Engpass bei Diesel: Warum Autofahrer einen teuren Winter fürchten müssen
29.08.2026

Die Straße von Hormus bleibt ein Nadelöhr für den weltweiten Ölhandel. Trumps neue Sanktionen sollen den Iran wirtschaftlich treffen,...

DWN
Technologie
Technologie Neue KI-Offensive könnte Bäckereien Millionen sparen
29.08.2026

Die Bäckereikette Bodenhoff will mit einem neuen KI-Werkzeug Abfall reduzieren und Mehrverkäufe sichern. Es soll die Planung der...