Panorama

Corona: Unsere Alten sterben im Stillen, doch uns ist es egal

Nicht wenige Menschen beruhigen sich damit, dass sich unter den Corona-Toten vor allem Senioren befinden. Doch genau diese Denkweise zeigt, wie kaputt unsere Gesellschaft ist. Noch schlimmer ist, dass unsere Senioren dem generellen Zwang zur Rechtfertigung ihres Daseins ausgesetzt werden - schon vor der Corona-Pandemie.
06.06.2020 17:20
Aktualisiert: 06.06.2020 17:20
Lesezeit: 2 min

Im Verlauf der Corona-Krise konnte man in Gesprächen mit nicht wenigen Bürgern immer wieder das Argument hören, dass das Corona-Virus „nicht wirklich so schlimm“ sei, zumal sich unter den Corona-Toten vor allem Senioren befänden. Dann wird das Argument gebracht, dass der betroffene Senior nicht an, sondern „mit“ Corona verstorben sei, um anzudeuten, dass der Betroffene „ohnehin“ verstorben wäre.

Zum 2. Juni 2020 stieg die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Corona-Virus in Deutschland auf 8.522. 1.553 der Verstorbenen waren zwischen 90 und 99 Jahre alt, 3.813 waren zwischen 8o und 89 Jahre alt, 1.910 waren zwischen 70 und 79 Jahre alt, 802 waren zwischen 60 und 69 Jahre alt und die restlichen 444 waren jünger, wie aus Berechnungen von Statista hervorgeht.

Die Aussage, dass es sich bei den Corona-Toten mehrheitlich um Menschen im hohen Alter handelt, ist richtig. Das Argument, dass die Corona-Pandemie deshalb „nicht wirklich so schlimm“ sei, ist hingegen nicht nur ein menschenverachtender Ansatz, sondern führt uns vor Augen, dass unsere Gesellschaft von Grund auf kaputt ist. Das Fundament ist nicht in etwa morsch, sondern schlichtweg nicht vorhanden.

Wir erleben derzeit schwere Zeiten. Es ist unklar, wie sich die Corona-Krise langfristig auf unseren Wohlstand auswirken wird. Wir wissen auch nicht, ob - vielleicht massive - Steuererhöhungen drohen.

Aber nicht soziale Armut oder wirtschaftliche Schwäche ist unser Problem, sondern Gleichgültigkeit. Das ist das Problem unserer Tage. Wie ausgeprägt diese Gleichgültigkeit ist, lässt sich an den Ansichten im Zusammenhang mit den schrecklichen Schicksalen unserer Alten und Schwachen sehen. Doch auch diejenigen, die Mitleid empfinden, tun dies mit einer gewissen Distanz – als ob irgendwo in einem fernen Land etwas Gruseliges stattfindet. Dabei sterben jene Menschen in unserer direkten Nachbarschaft weg, denen wir all unseren Wohlstand und unsere Sicherheit zu verdanken haben.

In einer Gesellschaft, in der aufgrund der Zerstörung der familiären Strukturen alte Menschen nicht selten weggesperrt werden, kann es keine Verbindung zwischen Alt und Jung geben. Und von diesem Trend ist nicht nur Deutschland betroffen. Wir sprechen hier über ein weltweites Phänomen, das überall auftritt.

Ich weiß nicht, ob es jedem bewusst ist, aber wir reißen als Gesellschaft jene wertvollen Brücken ab, die unsere Gegenwart mit unserer Vergangenheit verbinden. Diese Misere bestand auch vor der Corona-Krise. Doch ihren Höhepunkt erreichte sie während der Corona-Krise.

Das grundsätzliche Problem unserer Gesellschaft ist, dass wir unseren Alten das Gefühl geben, sie seien wirtschaftlich wertlos. Dieses Gefühl wird nicht artikuliert, doch wir zeigen es ihnen mit unseren Handlungen. Die Senioren werden nicht selten dem Zwang zur Rechtfertigung ihres Daseins ausgesetzt.

Dabei sollte es unsere Aufgabe sein, sehr viel Geduld aufzubringen, um die Vermittlung dieses Gefühls zu verhindern. Es sollte mindestens dieselbe Geduld sein, mit der sie uns aufgezogen haben.

Unsere Alten sind kein Kostenfaktor, sondern der kostbarste Faktor unseres Daseins!

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Unternehmen
Unternehmen Tesla-Aktie unter Druck: Warum KI-Investitionen das Kerngeschäft belasten
24.04.2026

Teslas Quartalszahlen fallen solide aus, doch die hohen Investitionen in KI, Robotik und autonomes Fahren verschärfen den Druck auf das...

DWN
Politik
Politik FCAS-Gipfel in Zypern: Merz und Macron verordnen neue Verhandlungsrunde
24.04.2026

Trotz festgefahrener Gespräche halten Deutschland und Frankreich am milliardenschweren Luftkampfsystem der Zukunft fest. Bei einem Treffen...

DWN
Finanzen
Finanzen Strom- und Gaskunden: Verivox-Chef warnt vor deutlich steigenden Gaspreisen
24.04.2026

Wer Auto fährt, wird entlastet - doch auch für die Strom- und Gaskunden kennen die Preise derzeit nur eine Richtung: nach oben.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ritter Sport streicht Stellen: Schokoladenhersteller erstmals von Stellenabbau betroffen
24.04.2026

2025 war kein einfaches Jahr für den Schokoladenhersteller Ritter Sport. Hohe Kosten für Kakao, Energie und Logistik drückten die Firma...

DWN
Finanzen
Finanzen Dividendenaktien mit Potenzial: Drei Aktien mit verlässlichen Ausschüttungen
24.04.2026

Dividendenaktien rücken in einem unsicheren Marktumfeld wieder stärker in den Vordergrund, da viele Anleger auf verlässliche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Das Ende vom kostenlosen Handgepäck? Lufthansa streicht freien Handgepäckkoffer
24.04.2026

Neuer Spartarif bei Lufthansa: Nur noch ein kleiner Rucksack oder eine Laptop-Tasche gratis – wer mehr will, zahlt drauf. Die Regelung...

DWN
Politik
Politik Angriffe auf Frachter nehmen zu: Konflikt in der Straße von Hormus weitet sich aus
24.04.2026

Die militärischen Spannungen zwischen Iran und den USA verlagern sich zunehmend auf zentrale Seewege und gefährden damit zunehmend den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiepreisschock: Ifo-Index sackt ab – Iran-Krieg bremst deutsche Wirtschaft
24.04.2026

Der Iran-Krieg drückt die Stimmung: Das Ifo-Geschäftsklima fällt stärker als gedacht, deutsche Unternehmen erwarten wenig Besserung.