Finanzen

Spekulation auf Pump: Anleger nehmen Billionen auf, um in Aktien zu investieren

Jeden Monat nehmen Spekulanten hunderte Milliarden Dollar Schulden auf, um an den Aktienmärkten zu investieren. Die Party geht nach dem Einbruch vom März munter weiter.
20.06.2020 10:41
Lesezeit: 2 min

Spekulanten nehmen nach dem Einbruch des Marktes im März wieder in großem Umfang Schulden auf, um Aktien und andere Wertpapiere zu kaufen. Allein in den USA summierten sich derartige Kredite im April auf 525 Milliarden Dollar, nach 479 Milliarden Dollar im März, wie aus Daten der Financial Industry Regulatory Authority hervorgeht. Ersichtlich wird daraus allerdings auch, dass sich die aufgenommenen Schulden jeden Monat in diesen Größenordnungen bewegen.

Der praktisch weltweit verhängte Stillstand zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie hatte im März die Aktienmärkte extrem belastet, die Notierungen brachen auf breiter Front ein. Auf den Kollaps folgte die bislang schnellste Erholung der Kurse in der Geschichte – nicht zuletzt eben infolge der massiven Spekulation auf Pump. Inzwischen sind die Verluste weitgehend wieder wettgemacht; der Index der US-Technologiebörse Nasdaq markierte in der laufenden Woche sogar ein Rekordhoch, während der breit gefasste S&P 500 rund 40 Prozent höher liegt als beim Tiefpunkt im März.

Dabei hatten sich viele Investoren beim Börsencrash im März verspekuliert. Um ihre Verbindlichkeiten zu begleichen, mussten einige ihre Aktien mit Verlust verkaufen. Manche Investoren fanden sich plötzlich tief in den roten Zahlen wieder. „Viele Leute haben nicht verstanden, wie stark sie ihr Risiko in dem jahrelangen Bullenmarkt gesteigert haben“, wird ein deutscher Anwalt von Reuters zitiert.

Rick Ryder, Gründer des Securities Arbitration Commentator, rechnet mit Blick auf die schweren Kurseinbrüche im Februar und März mit einem deutlichen Anstieg der Kundenklagen und Schlichtungsfälle bei der Financial Industry Regulatory Authority.

Dem von CNBC befragten Analysten Jim Cramer zufolge hat der seit April zu beobachtende Aufschwung an den Aktienmärkten folglich auch nichts mit der Situation in der Realwirtschaft zu tun, sondern ist künstlicher Natur. „Es kam zu einem ‚happiness trade‘, der von allem anderen abgekoppelt war – seien es Corona-Hotspots in Arizona, die Entwicklung der Arbeitslosigkeit oder den gestiegenen Lebensmittelpreisen.“

Insgesamt haben seit März deutlich mehr als 40 Millionen Menschen einen Erstantrag auf Arbeitslosenhilfe gestellt, rund 20 Millionen davon sind noch immer auf der Suche nach Arbeit. Die offizielle Arbeitslosenquote, an der es seit Langem berechtigte Zweifel gibt, liegt inzwischen bei 14,4 Prozent.

Auch Cramer weist als Grund für die Rally nach März auf die Daytrader hin, welche mit Schulden Aktien in der Hoffnung auf Kursgewinne kaufen. „Wenn wir weiterhin glauben, dass dieser Markt von Leuten beeinflusst wird, welche über Goldman Sachs Aktien handeln, dann sind wir Dummköpfe.“

Wie stark das Interesse an risikoreichen Anlagen inzwischen ist, zeigt auch die Nachfrage nach Krediten zum Kauf einzelner Wertpapiere. Philipp Wehle, Chef der internationalen Vermögensverwaltung bei der Credit Suisse, zufolge sind derartige Angebote auch nach dem Börsencrash immer noch auf dem Markt. Erst kürzlich habe seine Abteilung ein größeres Geschäft mit einem langjährigen Kunden getätigt. Das wiedererwachte Interesse an den Krediten ist eine gute Nachricht für die Banken – schließlich verdienen sie üblicherweise sowohl an den Darlehen als auch an den Gebühren für die Aktiengeschäfte.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Die XRP-Preise stiegen, und XRP-Inhaber verdienten über 10.000 US-Dollar pro Tag durch FORT Miner Hashrate-Verträge.

Mit der jüngsten Erholung der XRP-Preise hat sich die Risikobereitschaft am Markt entsprechend verbessert. Kapital fließt wieder in...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik US-Geldpolitik unter Druck: Strafrechtliche Vorladungen gegen Jerome Powell
14.01.2026

Der Konflikt zwischen politischer Macht und institutioneller Unabhängigkeit in den USA erreicht eine neue Eskalationsstufe. Steht damit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft WEF-Jahrestreffen in Davos: Furcht vor geoökonomischer Konfrontation
14.01.2026

Welche Folgen hat es, wenn Staaten gezielt mit wirtschaftlichen Mitteln Macht ausüben? Im Bericht über globale Risiken der Stiftung World...

DWN
Politik
Politik Bekämpfung der Inflation: Österreich senkt Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel
14.01.2026

Die Inflation in Österreich ist im Vergleich zum EU-Durchschnitt hoch. Die Koalition aus ÖVP, SPÖ und Neos einigt sich auf eine...

DWN
Politik
Politik Ukraine verlängert Kriegsrecht: Neuer EU-Kredit soll vor allem Militär stärken
14.01.2026

Das neue riesige EU-Darlehen in Höhe von 90 Milliarden Euro soll nach dem Willen der Europäischen Kommission zu einem großen Teil den...

DWN
Immobilien
Immobilien Pflegeimmobilie als Geldanlage: Finanzbranche entdeckt das Pflegeheim
14.01.2026

Die deutsche Bevölkerung altert, und damit steigt der Bedarf an Betreuung. Banken und private Kapitalgeber suchen nach...

DWN
Finanzen
Finanzen Handschriftliches Testament: Wenn eine einfache Quittung über Millionen entscheidet
14.01.2026

Handschriftliches Testament: Wie sicher ist Ihr letzter Wille? Ein aktueller Prozess um eine Darlehensquittung hat die Tücken des...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Robotikmarkt: Bosch kooperiert mit Roboterhersteller Neura Robotics
14.01.2026

Zwei schwäbische Unternehmen kooperieren. Bosch sieht Potenzial bei humanoiden Robotern, dem Kerngeschäft von Neura Robotics. Was...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Steigende Arbeitslosigkeit: Kommt bald die eigene Kündigung?
14.01.2026

Angst vorm Jobverlust durch KI und Wirtschaftskrise: Immer mehr Deutsche sind vom Stellenabbau persönlich betroffen. Wer wird als...