Wirtschaft

Schweden meldet „überraschend langsame“ Ausbildung von Herdenimmunität

Schweden hat bei der Herdenimmunität gegen das Coronavirus weniger Fortschritte gemacht, als ursprünglich erwartet, sagt der führende Epidemiologe des Landes.
19.06.2020 09:00
Lesezeit: 2 min
Schweden meldet „überraschend langsame“ Ausbildung von Herdenimmunität
Anders Tegnell, Staatsepidemiologe der schwedischen Gesundheitsbehörde. (Foto: dpa) Foto: Fredrik Sandberg

In Schweden waren Schulen, Geschäfte und Restaurants während der gesamten Pandemie geöffnet. In der Folge sind dort nun offenbar deutlich mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert als in den Nachbarländern. Die Sterblichkeitsrate gehört zu den höchsten der Welt. Aufgrund der stärkeren Verbreitung des Virus sollte sich möglichst schnell eine Herdenimmunität ausbilden, die eine weitere Ausbreitung verhindert.

Doch laut Anders Tegnell, dem Chefepidemiologe der schwedischen Gesundheitsbehörde, "sind die Trends bei der Immunität überraschend langsam". Zudem sei "schwer zu erklären, warum das so ist", sagte er am Mittwoch in einem Interview mit dem Schwedischen Rundfunk. Man müsse jedoch beachten, "dass es bei all diesen Messungen eine Zeitverzögerung gibt".

Laut einer Analyse von 50.000 Tests des Privatunternehmens Werlabs AB haben etwa 14 Prozent der Personen, die in den letzten sechs Wochen in der Region Stockholm getestet wurden, Covid-19-Antikörper entwickelt haben. Dies steht im Vergleich zu einer in diesem Monat veröffentlichten Studie aus Bergamo, wonach in dem einstigen italienischen Corona-Epizentrum 57 Prozent Antikörper entwickelt hatten.

Allerdings ist die Zahl der immunen Menschen inzwischen auch in Schweden "viel näher an unseren Prognosen als früher", so Tegnell. "Die 14 Prozent der befragten Personen [in der Region Stockholm] stammen von vor zwei oder drei Wochen, was bedeutet, dass die Immunitätsniveaus heute höher sind."

Der schwedische Ansatz zur Bekämpfung von Covid-19 war entspannter als in den meisten anderen Teilen der Welt, weshalb das Land zuletzt viel beobachtet wurde. Anders als im übrigen Skandinavien, wo die Behörden schnell strenge Sperren verhängten, empfahl Schweden seinen Bürgern zwar, soziale Distanzierungsregeln zu beachten, setzte aber für den größten Teil der Gesellschaft keine Schließungen durch.

Der schwedische Epidemiologe Tegnell und Premier Stefan Lofven haben anfängliche Fehler eingeräumt. Insgesamt halten sie ihre Strategie aber weiterhin für richtig. Diese basiert auf der Annahme, dass es Covid-19 noch lange geben wird, sodass vorübergehende Lockdowns letztlich nicht hilfreich sind. Ihrer Ansicht nach müssen die Staaten nachhaltige Modelle für ein Leben mit dem Virus entwickeln.

Am Mittwoch überstieg die Zahl der Corona-Toten in Schweden die Marke von 5.000. Zu Ehren der Opfer legten die Abgeordneten im Parlament eine Schweigeminute ein. "Dieser Moment ist all jenen gewidmet, die ihre Arbeit, ihre Gesundheit, ihr Leben verloren haben", zitiert Bloomberg Parlamentssprecher Andreas Norlen. "Das Parlament trauert. Schweden trauert".

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 14: Die wichtigsten Analysen der Woche
02.04.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 14 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Politik
Politik Orbán oder von der Leyen: Wahlen in Ungarn werden Europa verändern - steht die EU vor einem Machtverlust?
02.04.2026

Die Parlamentswahl am 12. April in Ungarn rückt nicht nur die Zukunft von Viktor Orbáns politischem System sondern auch die Zukunft der...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street gibt nach
02.04.2026

Ein nervenaufreibender Handelstag an den Märkten: Erfahren Sie, welche überraschenden Faktoren die Kurse jetzt in Bewegung halten.

DWN
Politik
Politik BlackRock: Investmentpläne vor Iran-Angriff? Pete Hegseths BlackRock-Investition im Fokus
02.04.2026

Während des Iran-Krieges rücken mögliche frühere Verbindungen zwischen US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, BlackRock und den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland stoppt Benzinexporte: Angriffe auf Raffinerien führen zu Exportstopp
02.04.2026

Drohnenangriffe treffen Energiesektor: Das russische Gastankschiff "Arctic Mategaz" war Anfang März vor der Küste Libyens nach...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kfz-Steuer-Prämie aufs Konto geplant: Bundesregierung prüft Entlastung für Autofahrer
02.04.2026

Die Bundesregierung prüft neue Wege, um Bürger angesichts hoher Kraftstoffpreise schneller finanziell zu entlasten, und setzt dabei auf...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa vor neuer Belastungsprobe: Energiepreise steigen weiter
02.04.2026

Die globale Energiekrise verschärft sich durch geopolitische Spannungen im Nahen Osten und setzt die Energiemärkte zunehmend unter Druck....

DWN
Finanzen
Finanzen Neuer Ukraine-Kredit: EU-Kommission treibt Vorbereitungen voran - trotz ungarischen Vetos
02.04.2026

Die EU will der Ukraine bis Ende des Jahres insgesamt 45 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Doch es gibt weiter ein Hindernis.