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Verliert Deutschland in der Corona-Krise seinen guten Ruf?

Lesezeit: 3 min
24.06.2020 11:58  Aktualisiert: 24.06.2020 11:58
In den Niederlanden hat man lange Zeit mit Neid auf Deutschland geblickt, wo alles besser zu sein schien. Doch nun hat das niederländische TV Bilder von den Stuttgarter Krawallen ausgestrahlt, von heruntergekommenen deutschen Städten und von wütenden Bürgern.
Verliert Deutschland in der Corona-Krise seinen guten Ruf?
Stuttgart: Fußgänger gehen an einem schwer beschädigten Schaufenster eines Geschäfts in der Königstraße vorbei. (Foto: dpa)
Foto: Christoph Schmidt

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Manchmal hilft der Blick von außen. Das «NOS Journaal», die «Tagesschau» der Niederlande, streifte den Wahlkampfauftritt von US-Präsident Donald Trump in Tulsa am Sonntagabend nur kurz. Der Schwerpunkt lag woanders: «Ein beispielloser Gewaltausbruch letzte Nacht im deutschen Stuttgart», kündigte Moderator Rob Trip an. Es folgte zunächst ein ausführlicher Bericht aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt, dann meldete sich «Duitsland»-Korrespondent Wouter Zwart aus Göttingen.

In den Niederlanden sind in den letzten Jahren Bücher erschienen mit Titeln wie «In Deutschland ist alles besser» und «Wir können nicht alle Deutsche sein». Die Bilder, die nun aus dem Nachbarland zu sehen waren, passten dazu allerdings gar nicht: Männer in weißen Schutzanzügen stehen vor einem Hochhaus, so heruntergekommen, wie man es in den Niederlanden kaum finden dürfte, dazu große Familien in engen Behausungen.

«Wir sind Menschen, aber die sollen uns nicht so behandeln wie Hunde», sagt eine Frau mit einem Kind auf dem Arm in die Kamera. «Die nehmen uns unsere Luft, unser Atmen.» Korrespondent Zwart zeigt den Zuschauern die hohen Gitterzäune, mit denen der «Bunker» rundum abgesperrt ist. Dahinter: traurige Kindergesichter.

Stuttgart, Göttingen und die Schlafhallen der Fleischarbeiter im Kreis Gütersloh - es sind tatsächlich Szenen, wie man sie so in Deutschland nicht unbedingt vermutet. Für den Kriminologen Christian Pfeiffer spiegelt sich in den Bildern eine wachsende soziale Spaltung der deutschen Gesellschaft. «Der Armutssektor scheint in besonderer Weise unter Corona zu leiden, und das zeigt sich nicht nur in Göttingen und anderen Orten, wo soziale Randgruppen in Quarantäne geraten, sondern eben auch in den Gewaltexzessen, die wir in Stuttgart beobachten konnten.»

Der Lockdown habe sozial Schwache weit härter getroffen. In bildungsorientierten Familien habe das Home-Schooling noch einigermaßen geklappt, nicht aber bei den sowieso schon Benachteiligten. Es gehe aber auch um die Bewältigung des Alltags: Ein Bildungsbürger, der gern lese, könne Phasen der Isolierung und Einsamkeit leichter überbrücken als jemand, der seine Freizeit am liebsten in der Disco oder im Sportverein verbringe.

Viele junge Männer hätten in den vergangenen Monaten auf den dringend benötigten Ausgleich verzichten müssen. «Mit vollem Einsatz dem anderen den Ball weggrätschen - so etwas ist eben schon lange nicht mehr möglich. Wir haben gerade denjenigen den Zugang zu Sportaktivitäten verbaut, die am stärksten davon abhängig sind. Da staut sich ungeheuer viel Frust auf.» Ähnliches gelte für die Disco und den Musikclub: «Ein ganz wichtiger Ort des Austobens, des Kennenlernens, der Interaktion, der Rollenübung und Gruppenbildung.»

Der wirtschaftliche Abschwung mache den Schwächeren ebenfalls mehr zu schaffen. «Ein Familienvater verliert plötzlich seinen Job als Lastwagenfahrer, das Geld wird knapp, die Wohnung ist eng, und die Kneipe ist auch noch geschlossen. Meine Sorge ist, dass die sozial Schwachen hier sehr viel stärker in Stress geraten sind als jene, die besser dastehen. In dieser Frust-Szene vermute ich ein Potenzial für Gewalt.»

Der von einigen Politikern und Medien verbreitete Rassismus-Vorwurf gegen die Polizei hat die Atmosphäre nach Pfeiffers Überzeugung zusätzlich vergiftet. «Das hat die Polizei in ein völlig falsches Licht gesetzt und den Corona-Verlierern eine Gruppe genannt, auf die man wütend sein darf.» Pfeiffer erinnert an den grünen Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir, der während eines Interviews in der Stuttgarter Fußgängerzone von einem Passanten mit den Worten «Polizeidiktatur ist schuld» rüde unterbrochen wurde. «Allein dass jemand sich erdreistet, auf diese Weise in ein Interview reinzugrätschen, ist typisch für die Stimmung, die wir in Deutschland haben.»

Auch Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, warnt vor sozialen Konflikten. Man müsse sich nur einmal vor Augen führen, wo die Infektionen verstärkt aufträten: «Das sind nicht die Villenvororte in Düsseldorf oder in Berlin, sondern das ist dort, wo Menschen in beengten Verhältnissen unter nicht besonders günstigen Umständen leben müssen.» Und dann würden sie obendrein auch noch als Schuldige abgestempelt.

«Wir müssen aufpassen, dass wir nicht damit anfangen, Sündenböcke zu suchen», mahnt Landsberg. «Stellen Sie sich vor, Sie sind jemand, der bei Tönnies arbeitet. Da werden Sie auf der Straße schief angeguckt. Oder Sie sind jemand aus dem falschen Häuserblock, dem falschen Kreis und demnächst vielleicht auch noch aus dem falschen Bundesland.» Bayern hat die Beherbergung von Menschen aus dem Kreis Gütersloh und anderen betroffenen Regionen untersagt. Auf der Urlaubsinsel Usedom wurden 14 Menschen, darunter ein Ehepaar aus Gütersloh, zur vorzeitigen Abreise aufgefordert. «Das birgt natürlich Riesensprengstoff», kritisiert Landsberg.

Grenzschließungen sind offenbar ein menschlicher Impuls. Das Schlechte kommt demnach immer von außen. So führte Deutschland auf dem Höhepunkt der Pandemie Kontrollen an der Grenze zum wohlorganisierten Musterländle Luxemburg ein - obwohl das Großherzogtum die Seuche sehr schnell im Griff hatte. Die deutsche Maßnahme löste bei den Nachbarn großes Unverständnis aus. Jetzt riegelt sich sogar die eine deutsche Region gegen die andere ab.

Wie geht es weiter? Viele Beschränkungen sind zurückgenommen worden, doch das muss nicht so bleiben. Man sehe, «wie zerbrechlich die neue Normalität ist», sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Dienstagabend in der ARD. Es kann immer wieder von vorne losgehen mit Kontakt-Beschränkungen und Lockdown - siehe Kreis Gütersloh. Der Landrat des ebenfalls betroffenen Kreises Warendorf, Olaf Gericke (CDU), sagte am Mittwoch im WDR-Rundfunk, er spüre bei den Bürgern «eine Wahnsinnsenttäuschung und Wut».

Corona und kein Ende - auch das verstärkt den Frust. Landsberg: «Erst hieß es: Nach den Osterferien wird alles gut. Jetzt heißt es: Nach den Sommerferien wird alles gut. Wenn wir es uns aber objektiv ansehen, dann wird auch nach den Sommerferien nicht alles gut werden. Im Gegenteil: Wenn der Herbst kommt und es kälter wird und die Leute nicht mehr so viel draußen sind, wird die Gefahr größer.»

Die Gesellschaft in einem solchen Zustand zusammenzuhalten, möglicherweise bis ins kommende Jahr, sei alles andere als einfach, zumal abzusehen sei, dass die wirtschaftlichen Probleme eher noch zunehmen würden. Irgendwann sei Schluss mit Kurzarbeitergeld. Landsberg appelliert: «Es sind da nicht nur die Politiker in der Pflicht. Wir alle sind gefordert.»


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