Hedgefonds machen Milliarden-Gewinn mit Wirecard-Pleite

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 4 min
26.06.2020 10:54  Aktualisiert: 26.06.2020 10:54
Acht Hedgefonds haben mit Leerverkäufen von Wirecard-Aktien mehr als eine Milliarde Euro verdient. Die Finanzaufsicht BaFin hat nicht nur versagt, sondern den Wirecard-Skandal mit skandalösen Entscheidungen offenbar noch befeuert.
Hedgefonds machen Milliarden-Gewinn mit Wirecard-Pleite
Aktienhändler auf dem Parkett der Frankfurter Wertpapierbörse. (Foto: dpa)
Foto: Arne Dedert

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die Aktien von Wirecard gehörten in diesem Jahr zu den am meisten geshorteten Aktien in Europa. Und nun haben britische und amerikanische Hedgefonds mit ihren Wetten gegen das deutsche Zahlungsunternehmen tatsächlich mehr als 1 Milliarde Euro Gewinn gemacht, nachdem Wirecard in dieser Woche zusammengebrochen ist.

Schon im letzten Jahr hatten Whistleblower Wirecard Bilanzbetrug vorgeworfen. In der Folge wurde an den Finanzmärkten im großen Stil mit sogenannten "Shorts" oder Leerverkäufen gegen das deutsche Unternehmen gewettet. Dabei leihen Anleger Aktien und verkaufen sie umgehend wieder, um sie später zu einem billigeren Kurs zurückzukaufen.

Wegen der massiven Leerverkäufe von Wirecard-Aktien verhängte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) im vergangenen Jahr sogar ein beispielloses zweimonatiges Verbot solcher Wetten gegen das Unternehmen. Doch in diesem Jahr wurde kein anderes europäisches Unternehmen so stark geshortet wie Wirecard - was Hedgefonds nun einen Milliardengewinn gebracht hat.

Große Gewinne verbuchten unter anderem Chris Johns TCI Fund Management und Paul Marshalls Marshall Wace, die beide ihren Sitz in London haben, nachdem in der Bilanz von Wirecard diese Woche plötzlich ein Loch von 1,9 Milliarden Euro auftauchte, ihr ehemaliger Geschäftsführer verhaftet wurde und das Unternehmen Insolvenz schließlich anmelden musste - ein Novum in der Geschichte des Dax.

TCI erhöhte im April seine Wette gegen Wirecard von 1,04 Prozent der Aktien auf 1,53 Prozent. Nach Angaben der Düsseldorfer Datengruppe Breakout Point erzielte der Fonds innerhalb einer Woche einen Gewinn von bis zu 193 Millionen Euro. Im letzten Monat reichte TCI bei der Staatsanwaltschaft München Beschwerde ein und forderte eine strafrechtliche Untersuchung wegen angeblichen Bilanzbetrugs.

Der in New York ansässige Hedgefonds Slate Path Capital von David Greenspan, der diese Woche seine Wette gegen Wirecard auf 1,75 Prozent des Unternehmens erhöhte, hat einen geschätzten Gewinn von 220 Millionen Euro erzielt. Die besten acht Leerverkäufer haben laut Breakout Point in der vergangenen Woche mindestens 1,1 Milliarden Euro verdient.

"Insolvenz ist das vorhersehbare Ergebnis von Betrug mit Schulden", sagte Carson Block, Gründer der Leerverkaufsfirma Muddy Waters, gegenüber der Financial Times. Allerdings sagte Block, er selbst habe keine Short-Positionen bei Wirecard gehabt, da keine Aktien zum Ausleihen mehr verfügbar gewesen seien. Tatsächlich war die Aktie laut IHS Markit zuletzt eine der teuersten zur Leihe in Europa.

Marshall Wace gab schon vor mehr als zwei Jahren seine erste Wette gegen Wirecard bekannt. Er habe in den vergangenen Wochen einen Gewinn von rund 150 Millionen Euro erzielt, sagte eine mit der Positionierung des Unternehmens vertraute Person. Auch der von Philippe Laffont gegründete New Yorker Hedgefonds Coatue Management hielt eine große Short-Wette.

Eine Reihe von Leerverkäufern haben die BaFin scharf kritisiert. Denn nachdem die Finanzaufsicht im vergangenen Jahr Leerverkäufe der Wirecard-Aktie untersagt hatte, reichte sie später auch noch Strafanzeige gegen zwei Journalisten der Financial Times und gegen eine Reihe von Leerverkäufern ein und verdächtigte sie der Marktmanipulation.

Die Leistung der BaFin in dieser Hinsicht "war nicht gut", zitiert die FT einen Hedgefonds-Manager. "Ihr Ausgangspunkt war ein Misstrauen gegenüber Aktionären im Allgemeinen, insbesondere gegenüber Leerverkäufern." Und Block von Muddy Waters ergänzt: "Wenn eine Aufsicht so inkompetent und feige ist wie die BaFin, wird der deutsche Markt zu einem Paradies für Finanzkriminelle."

EU-Kommssion knöpft sich BaFin wegen Wirecard-Pleite vor

Nach dem Zusammenbruch des Zahlungsanbieters Wirecard geht es nun den Aufsichtsbehörden an den Kragen. Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA soll nach dem Willen der EU-Kommission klären, ob die deutsche Finanzaufsicht BaFin bei der Kontrolle über Wirecard versagt hat, wie Kommissionsvize Valdis Dombrovskis am Freitag ankündigte. Bundesfinanzminister Olaf Scholz stellte eine Reform der Aufsicht in Deutschland in Aussicht. An der Börse wollten Anleger nur noch raus aus den Wirecard-Aktien - sie rauschten um weitere 34 Prozent in die Tiefe. Weil die Titel noch immer im Leitindex Dax gelistet sind, können unter anderem einige Anbieter von Indexfonds (ETFs) nicht aussteigen.

"Wir müssen klären, was schief gelaufen ist," sagte Dombrovskis in einem Interview mit der Financial Times. "Wir werden die ESMA bitten, zu prüfen, ob es aufsichtsrechtliche Versäumnisse gegeben hat, und wenn ja, eine mögliche Vorgehensweise festlegen." Bis Mitte Juli erwarte er eine Antwort von der ESMA. Dombrovskis könnte die Ergebnisse der Analyse nutzen, um eine formelle Untersuchung einzuleiten und die BaFin verpflichten, der ESMA Informationen zur Verfügung zu stellen. Wenn ein Verstoß festgestellt wird, könnte die BaFin von Brüssel angewiesen werden, ihre Praktiken zu ändern - eine höchst peinliche Situation für eine nationale Aufsichtsbehörde.

Scholz kündigte an, die Strukturen bei der Finanzaufsicht BaFin zu durchleuchten, um mögliche Fehler zu finden. Die aktuelle Arbeitsweise müsse überdacht werden. "Die BaFin muss künftig in der Lage sein, Sonderprüfungen möglichst kurzfristig, schnell und effizient durchführen zu können", sagte der SPD-Politiker am Donnerstagabend in Berlin. Wirecard sei ein Skandal, der seinesgleichen suche. Das müsse ein Weckruf sein. Kritische Fragen seien jetzt an das Wirecard-Management, aber auch die Wirtschaftsprüfer zu richten.

Der Insolvenzantrag habe dem Finanzplatz Deutschland schwer geschadet, sagte Katja Hessel (FDP) der Funke Mediengruppe. Benötigt werde eine schnelle und lückenlose Aufklärung. "Hierbei wird im Mittelpunkt stehen inwieweit die Aufsicht versagt hat und welche Konsequenzen dies für BaFin und BMF haben muss." Sie müssten rasch gezogen werden, um das Vertrauen in den Finanzplatz zurückgewinnen zu können. BaFin-Chef Felix Hufeld soll am Mittwoch im Finanzausschuss Rede und Antwort stehen.

Wirecard hat am Donnerstag Insolvenz angemeldet, weil in der Bilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und die Überschuldung droht. Es ist eine der größten Pleiten der Bundesrepublik, die das Vertrauen in den Finanzplatz Deutschland erschüttert. Erstmals in der mehr als 30-jährigen Geschichte des Dax kollabiert ein Mitglied des deutschen Leitindex. Die Wirtschaftsprüfer von EY, die die Zahlen des Finanzdienstleisters aus dem Münchener Vorort Aschheim seit Jahren testiert hatten, sprachen von einem ausgeklügelten, weltumspannenden Betrugssystem.


Mehr zum Thema:  

DWN
Deutschland
Deutschland „Deutschland spürt das Ende der Behaglichkeit“ – Warum Sie jetzt die DWN zum Vorteilspreis abonnieren sollten

Unser Redaktion zeigt auf, warum Sie nicht auf ein DWN-Abonnement verzichten sollten. Für das erste Jahr wird Ihnen ein besonderes Paket...

DWN
Finanzen
Finanzen Was den Goldpreis über 1800 Dollar getrieben hat

Im ersten Halbjahr steckten Anleger so viel Geld in Gold-ETFs wie nie zuvor. Diese starke Nachfrage hat den Goldpreis auf den höchsten...

DWN
Politik
Politik Corona-Leaks: Mitarbeiter im Innenministerium fordert „gesonderte Untersuchung“ gegen Merkel

Der anonyme Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums, der in einem geleakten Dokument das Corona-Virus als „Fehlalarm“ einstuft, fordert...

DWN
Deutschland
Deutschland Handel und Gastgewerbe wollen Anspruch auf Corona-Mietreduzierung

Das Geschäft im Einzelhandel, in Hotels und Gaststätten ist auch nach den Corona-Lockerungen noch nicht wieder in Schwung gekommen. Hohe...

DWN
Politik
Politik Schwere Gefechte zwischen Aserbaidschan und Armenien

Zwischen den Militärs Armeniens und Aserbaidschans sind Gefechte ausgebrochen. Die Konflikt-Parteien werfen sich gegenseitig vor, die...

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreise geben nach: Spekulationen über Fördermenge der Opec+

Die Ölpreise sind am Montag gesunken. Marktbeobachter erklärten den Preisrückgang mit Spekulationen über die künftige Förderpolitik...

DWN
Technologie
Technologie Deutscher Auto-Analyst: "VW kann Tesla in jedem Fall überholen"

VW hat gerade damit begonnen, den Standort in Emden für die E-Produktion umzurüsten. Autoanalyst Frank Schwope von der Nord/LB erklärt...

DWN
Finanzen
Finanzen Commerzbank: US-Heuschrecke und Olaf Scholz bereiten Massenentlassungen vor

Dem US-Finanzinvestor "Cerberus" gehören nur wenige Prozent der Commerzbank. Dennoch will das für seine rüden Methoden bekannte New...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Fetisch CO2: Die EU zerstört die Wirtschaft - und hilft dem Klima damit kein bisschen

Sowohl in der Klima- als auch in der Wirtschaftskrise ergeht sich die EU in Aktionismus. Wie man beide Probleme im Gleichklang löst, zeigt...

DWN
Finanzen
Finanzen Bankenkrise vorerst abgewendet: Federal Reserve beendet Billionen-Interventionen im Repo-Markt

Die US-Zentralbank hat sich nach monatelangen aggressiven Interventionen aus dem Repo-Markt zurückgezogen. Ohne ihr Eingreifen wäre es...

DWN
Politik
Politik Corona-Nachwehen: Deutschland bereitet sich auf schwere Unruhen vor

Gewaltsame Unruhen in Deutschland und Europa werden Experten zufolge in den kommenden Monaten wegen sozialer und wirtschaftlicher Miseren...

DWN
Politik
Politik Spahn: Corona-Maskenpflicht „lieber drei Wochen zu spät“ aufheben

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat erneut vor zu frühen Lockerungen beim Tragen von Alltagsmasken in der Corona-Krise gewarnt....

DWN
Finanzen
Finanzen Wertvoller als Volkswagen und Co.: Wie kommt es zum absurden Aktienkurs von Tesla?

Tesla erwirtschaftet seit Jahren durchweg Verluste in Milliardenhöhe. Der Aktienkurs steigt trotzdem immer weiter an – wieso?

DWN
Politik
Politik Widerstand der erstarkten Niederlande gegen geplanten EU-Aufbaufonds ist Heuchelei

Der niederländische Premier Mark Rutte stellt sich derzeit quer und droht, das geplante 750 Milliarden Euro schwere Konjunkturprogramm...

DWN
Politik
Politik Staaten bilden gemeinsame Abwehrfront: Ist Corona der entscheidende Schritt zur europäischen Einigung?

DWN-Gastautor Daniel Gros stellt eine provokante These auf: Das Projekt "Europa" habe durch Corona an Fahrt gewonnen - schließlich habe...

celtra_fin_Interscroller