Deutschland

Bundesregierung will Gespräche mit Wirecard-Chef geheim halten

Vize-Finanzminister Jörg Kukies hatte im vergangenen Jahr mit dem Ex-Wirecard-Chef Markus Braun Gespräche geführt. Doch die Bundesregierung will den Inhalt der Gespräche nicht offenlegen. Es gebe „Geheimhaltungsinteressen“, so das Finanzministerium.
16.07.2020 22:56
Aktualisiert: 16.07.2020 22:56
Lesezeit: 1 min
Bundesregierung will Gespräche mit Wirecard-Chef geheim halten
17.10.2018, Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, vorne r) sitzt nach ihrer Regierungserklärung zum EU-Gipfel in Brüssel ab in der Plenarsitzung im Deutschen Bundestag auf der Regierungsbank neben Viezekanzler Olaf Scholz (SPD). (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Der Wirecard-Skandal hat mittlerweile das deutsche Establishment erfasst. Bundesfinanzminister Olaf Scholz weiß bereits seit anderthalb Jahren von einem Marktmanipulations-Verdacht gegen Wirecard, hat sich aber bedeckt gehalten.

Doch damit nicht genug. Die Bundesregierung steht unter dem Druck, die Einzelheiten der Gespräche zwischen dem stellvertretenden Finanzminister Jörg Kukies und dem ehemaligen Geschäftsführer von Wirecard, Markus Braun, offenzulegen. Denn das ist bisher nicht geschehen.

Ein Gespräch zwischen den beiden fand am Tag des 50. Geburtstages von Braun am 5. November 2019 statt. Kukies sprach auch mit Braun am Rande einer öffentlichen Konferenz, an der beide im vergangenen September teilnahmen. In einem Brief an den Finanzausschuss des Bundestages, der von der Financial Times eingesehen wurde, argumentiert Sarah Ryglewski, eine weitere der sechs stellvertretenden Finanzminister/innen, dass der Inhalt der Gespräche aufgrund von „Geheimhaltungsinteressen“ nicht offengelegt werden könne.

Dies bedeutet rechtlich, dass eine Offenlegung der Gespräche zwischen Kukies und Braun, „den Interessen der Bundesrepublik Deutschland schweren Schaden zufügen“ könnte.

Die Bundestags-Abgeordneten können auf eine Zusammenfassung der Gespräche im Geheimregister des Bundestages zugreifen, die Informationen jedoch nicht der Öffentlichkeit zugänglich machen. „Das ist einfach völlig inakzeptabel“, sagte Fabio De Masi, ein Bundestagsabgeordneter der Partei Die Linke, gegenüber der Financial Times. „Angesichts des Umfangs und des Ausmaßes des Wirecard-Skandals und des regulatorischen und politischen Versagens bei der Behandlung hat die breite Öffentlichkeit ein Grundrecht auf Wissen“, so De Masi.

Braun, der kurzzeitig festgenommen und gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro freigelassen wurde, ist einer von mehreren ehemaligen Managern von Wirecard, die im Mittelpunkt einer strafrechtlichen Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft in München stehen. Wirecards ehemaliger Stellvertreter Jan Marsalek ist auf der Flucht.

Auf die Frage von Bundestagsabgeordneten, was die BaFin hätte tun können, um den Wirecard-Skandal früher aufzudecken, verteidigte Ryglewski die Regulierungsbehörde mit den Worten: „Nach heutigem Kenntnisstand handelt es sich bei dem Wirecard-Fall im Kern um kriminelle Handlungen, zu denen Buchhaltungsbetrug, Fälschung von Bankkonten und [andere] vorsätzliche Täuschungshandlungen gehören. Straftaten können nur durch forensische und kriminologische Ermittlungsmethoden aufgedeckt werden.“

De Masi sagte der Financial Times, dass eine solche Argumentation einer „Insolvenzerklärung“ der Regulierungsbehörden nahekomme.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street beendet September uneinheitlich
30.09.2026

Ein turbulenter Monat geht zu Ende – erfahren Sie, welche Dynamiken jetzt die Kurse an der Wall Street bestimmen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Frankreich Staatsverschuldung: Die nächste Gefahr für die Eurozone
30.09.2026

Frankreich galt lange als einer der politischen und wirtschaftlichen Pfeiler der Eurozone. Doch an den Anleihemärkten wächst die...

DWN
Finanzen
Finanzen VW kündigt Tarifvertrag: Was jetzt auf 100.000 Beschäftigte zukommt – und auf die VW-Aktie
30.09.2026

Volkswagen verschärft seinen Sparkurs und kündigt einen Großteil seiner Haustarifverträge. Nach Angaben der IG Metall sind zehn...

DWN
Politik
Politik Innere Sicherheit: Innenministerkonferenz beschließt nicht mehr einstimmig
30.09.2026

Die Innenministerkonferenz verabschiedet sich vom Einstimmigkeitsprinzip, um zukünftig "Blockaden" zu verhindern. Künftig reichen 13...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Unternehmen, die in China tätig sind, stehen vor einer schwierigen Wahl
30.09.2026

Europäische Unternehmen mit Geschäften in China stehen vor einem Dilemma: gegen EU-Recht verstoßen oder gegen chinesisches Recht. Die...

DWN
Politik
Politik Vestager und Nobelpreisträger schlagen KI-Alarm: Kritisches Zeitfenster schließt sich Monat für Monat
30.09.2026

Europa läuft Gefahr, bei künstlicher Intelligenz dauerhaft von den USA und China abhängig zu werden. Margrethe Vestager, zwei...

DWN
Politik
Politik Teilzeitrepublik: Teilzeit boomt, Vollzeit schrumpft: Arbeiten die Deutschen zu wenig?
30.09.2026

Der Staat klagt über Personalmangel – hat aber selbst die höchste Teilzeitquote unter den Beschäftigten. Eine Studie schlägt nun die...

DWN
Politik
Politik Ende des Brexit? Britischer Premier schließt Wiedereintritt in EU nicht aus
30.09.2026

Der Brexit bleibt auch Jahre nach dem Austritt ein Dauerthema im Vereinigten Königreich. Mit seiner Haltung dazu sorgt der britische...