"Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben"

 

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25.07.2020 08:33  Aktualisiert: 25.07.2020 08:33
DWN-Autor Moritz Enders hat den Biologen Harald Stephan zum Thema „Bienen“ interviewt. Warum die Tiere für uns so wichtig sind, wie die Welt ohne Bienen aussähe und wie wir die kleinen Honigproduzenten schützen können - diese und viele andere Fragen werden im Folgenden beantwortet.
Ganz schmerzfrei ist die Imkerei nicht. (Foto: dpa)

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Die industrielle Landwirtschaft setzt Bienen und anderen Insekten immer mehr zu. Die Folgen sind fatal – in letzter Instanz können sie für uns alle tödlich sein. Dabei wären eine ertragreiche Landwirtschaft und mehr Insektenschutz durchaus miteinander kompatibel, sagt der Biologe Dr. Harald Stephan im Gespräch mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was macht Bienen in Ihren Augen so faszinierend?

Dr. Harald Stephan: Die Faszination für diese wunderbaren Geschöpfe geht vor allem auf die botanischen und zoologischen Exkursionen meiner Studienzeit zurück. Sie machten mir erst richtig bewusst, was für eine Artenvielfalt uns umgibt. Die Dunkle Europäische Honigbiene Apis mellifera mellifera kennt jeder, aber wirklich interessant wird es außerhalb des Bienenstocks: Allein in Deutschland leben über 560 Arten wilder Bienen in den unterschiedlichsten Lebensräumen.

Normalerweise fallen uns bestenfalls die kleine Völker bildenden Hummeln auf. Solitär leben die übrigen 95 Prozent der Wildbienen, und da gibt es allesmögliche: Alleinerziehende Mütter, die Hausbesetzer in Spechthöhlen spielen – wie das bei der Honigbiene ursprünglich auch der Fall war. Ein Viertel der wilden Vertreter sind Kuckucksbienen, die ihre Eier anderen Arten während des Nestbaus unterschieben. Blattschneiderbienen schnipseln Blätter zurecht und tapezieren damit ihre Kinderzimmer. Käfergänge in Totholz, hohle Pflanzenstängel, Mauerspalten, Lehm- und Sandböden und selbst die Ritzen zwischen Pflastersteinen ziehen weitere Vertreter an.

Mindestens genauso faszinierend sind die Geschichten aus aller Welt rund um die Bienen. In Nepal geht das Volk der Gurung zweimal jährlich auf Honigjagd. Dazu legen sie sich an steilen Felsklippen mit riesigen Brummern an, mit denen überhaupt nicht gut Honig essen ist: Bei der Kliffhonigbiene Apis laboriosa werden die Arbeiterinnen mit beachtlichen drei Zentimetern größer als unsere einheimischen Hornissen. Ihre Waben sind so groß wie Couchtische, und der Grayanatoxin-haltige Rhododendron-Honig hat eine halluzinogene Wirkung, die man traditionell zu medizinischen Zwecken nutzt. Vergleichsweise harmlos sind die kleinen mittelamerikanischen Melipona-Arten, denen bereits die Maya ihren Honig streitig machten. Sie sind stachellos, aber keineswegs wehrlos - wenn man sie ärgert, beißen sie kräftig zu.

Die etwas einseitige Liebesbeziehung zwischen Zweibeinern und Bienen ist so alt wie die Menschheit. Unter den Felszeichnungen der Cuevas de la Araña nahe Valencia findet sich neben diversen Jagdszenen die eines Honigsammlers. Der Unerschrockene erklimmt trotz erbitterter Gegenwehr einen Baumstamm und macht sich an den Vorräten eines Bienenvolkes zu schaffen. Die Bilder aus der Jungsteinzeit sind Schätzungen zufolge mindestens 6.000 Jahre alt.

Die bunte Vielfalt von Honig fasziniert mich ebenso wie seine Produzenten. Er hat seit jeher die Begehrlichkeiten der Menschen geweckt. Bis in die frühe Neuzeit stand Süßes nur in Form von Früchten auf dem Speiseplan und Honig war das einzige Süßungsmittel. Das änderte sich erst im 16. Jahrhundert mit den ersten Zuckerrohrplantagen in der Karibik. Gesundheitlich war das nicht zu unserem Besten: Heute verbraucht jeder von uns jährlich im Schnitt 70 Kilo der Massenware Zucker.

Ähnlich lang wie die als heißbegehrte Leckerei ist die Geschichte von Honig als Hausmittel – man denke an den bewährten Zwiebel-Honig-Saft gegen Husten. Als Mittel zur Wundheilung kannten ihn bereits die alten Sumerer und Ägypter. Dank Wasserstoffperoxid und wasserentziehendem Zucker hält er Bakterien fern. Mit dem Aufkommen der Antibiotika hat Honig viel von seiner medizinischen Bedeutung verloren, was sich aktuell wieder ändert. Denn er wirkt selbst bei multiresistenten Keimen wie MRSA, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft. Er heilt sogar chronische Wunden wie Unterschenkelgeschwüre, Dekubitus und diabetischen Fuß, die in der Klinik eine wachsende Rolle spielen.

Der auf Neuseeland beschränkte Manuka-Honig gilt als besonders heilkräftig. Seine antibakterielle Wirkung ist auf Methylglyoxal (MGO) zurückzuführen. Viele der ihm nachgesagten Effekte ließen sich mittlerweile in klinischen Studien bestätigen.

Manuka-Honig und konventionelle Sorten finden sich in zahlreichen Pflegeprodukten, oftmals zusammen mit anderen Mitteln aus der Bienenapotheke. Bienenwachs ist aus der Kosmetik nicht wegzudenken, und dem desinfizierenden Kittharz Propolis oder dem legendären Königinnenfutter Gelée royale sagt man zahlreiche positive Einflüsse auf die Gesundheit nach.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie ist es um das Wohl der Bienen in Deutschland bestellt?

Dr. Harald Stephan: Stichwort Bienensterben: Nicht nur unsere Honiglieferanten haben zu kämpfen, sondern alle Insekten. Die Biomasse an Fluginsekten ist in den vergangenen dreißig Jahren um bis zu achtzig Prozent zurückgegangen. Windschutzscheiben sind ein gutes Zählwerk für die Artbestände einer Region. Musste man bis in die 1980er Jahre nach einer sommerlichen Spritztour Unmengen Insektenleichen von der Scheibe kratzen, herrscht heutzutage vielerorts gähnende Leere. Nicht nur die Zahl der Individuen, sondern auch die der Insektenarten geht dramatisch zurück.

Die Honigbiene hat das Glück, dass sich ein Imker um sie kümmert. Mangelt es an Futter oder entsteht nebenan eine Chemiefabrik, packt er seine Bienenstöcke ein und sucht eine bessere Bleibe. Trotzdem leiden Honigbienen unter Umweltverschmutzung, Pestiziden und dem Rückgang natürlicher Futterflächen. In ihrer Gesamtheit schwächen zahlreiche kleine negative Faktoren die Völker zusehends.

Kommen Schädlinge wie die Varroa-Milbe oder Viruserkrankungen hinzu, schrumpft der Bestand im Winter unter die kritische Grenze von 8.000 Tieren. Können diese mit ausgekoppelter Flugmuskulatur und Honig-Treibstoff nicht genug Wärme erzeugen, haben sie keine Überlebenschance. Im englischen Sprachgebrauch bezeichnet man das als colony collapse disorder (CCD) – der Sonderfall Honigbiene beim Bienensterben.

Wildbienen steht der Imker-Service nicht zur Verfügung: Sie haben nur einen begrenzten Flugradius und müssen mit dem zurechtkommen, was sie ihn ihrer Umgebung antreffen. Kein Wunder, dass sie das vielzitierte Bienensterben besonders trifft. Obwohl § 1 Abs. 39 Bundesnaturschutzgesetz sie alle gesetzlich schützt, stehen regional bis zu 70 Prozent der Wildbienenarten auf der Roten Liste.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie sähe eine Welt ohne Bienen aus?

Dr. Harald Stephan: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, keine Menschen mehr.“ Dieses frei erfundene Zitat schob die deutsche Boulevardpresse 2006 Albert Einstein in den Mund. Dass die Hiobsbotschaft keineswegs abwegig ist zeigt sich in anderen Ländern.

In China nahm die Geschichte mit Spatzen ihren Lauf. Der Große Vorsitzende Mao Tse-tung erklärte sie zu Ernteschädlingen – mit dem Ergebnis, dass die Bauern sie vielerorts ausrotteten. In Ermangelung von Fressfeinden vermehrten sich Schadinsekten explosionsartig. Daraufhin eingesetzte Pestizide vernichteten zugleich Bienen und Wildbienen, die in weiten Regionen des Landes als ausgerottet gelten.

Für die Ernte sorgen nun „menschliche Bienen“, welche die Blüten der Obstbäume einzeln von Hand bestäuben. Die tierischen Spezialistinnen könnten das eindeutig besser – eine einzige besucht rund 2.000 Blüten am Tag. Ein ganzes Volk erledigt täglich so viele wie 1.500 zweibeinige Kollegen. Jeder noch so fleißige Mensch schafft höchstens dreißig Bäume, und das längst nicht so effektiv wie Wild- und Honigbienen zusammen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Drohen ähnliche Zustände auch bei uns?

Dr. Harald Stephan: Laut NABU hat in den vergangenen Jahren die Zahl der Bienen in Europa um etwa zehn Prozent abgenommen, in den USA um 30 und im Nahen Osten um 85. Die Amerikaner betreiben inzwischen bees to rent: Gegen Bezahlung stellen professionelle Imker ihre Völker in den riesigen Obstplantagen auf, wo die normalen Bienenbestände nicht mehr ausreichen.

In Anbetracht der Zahl betroffener Kulturpflanzen ist der Rückgang fatal. Gerade mal 124 Spezies liefern dem Menschen Nahrung, und davon werden in Europa 84 Prozent vor allem von Wild- und Honigbienen bestäubt. Für reiche Ernten an

Obst und Gemüse benötigen wir ihre vereinten Bemühungen, da diese erst den optimalen Erfolg einer Bestäubung sicherstellen. Fallen durch den Raubbau an der Natur letztlich auch noch Schmetterlinge, Nachtfalter und Schwebfliegen weg, werden die Auslagen mit Obst und Gemüse ziemlich leer. Die Biene gilt aus gutem Grund als das wichtigste Nutztier gleich nach Rind und Schwein.

Nicht nur Supermärkte und Bienen sind von den verheerenden Folgen des Artensterbens betroffen. Insekten sind die Nahrungsgrundlage vieler Tiere, die somit ebenso in Gefahr sind. Das untergeschobene Einstein-Zitat ist also keineswegs aus der Luft gegriffen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Auswirkungen haben Pestizide und Düngemittel auf den Bienenbestand in Deutschland?

Dr. Harald Stephan: Gifte und Dünger sind nur zwei Negativaspekte der industriellen Landwirtschaft. Insektizide töten Schädlinge und schwächen Wild- und Honigbienen. Das gilt selbst bei Verwendung „bienenfreundlicher“ Varianten. Düngemittel bringen die Ökosysteme durcheinander. Artenvielfalt und Wildblumenbestand gehen infolge wachsender Monokulturen zurück. Landwirtschaft und Urbanisierung verkleinern die natürlichen Flächen, die immer weiter voneinander entfernt liegen und immer weniger Lebensraum und Nahrung bieten. Umweltverschmutzung und Klimawandel kommen erschwerend hinzu.

Die Quittung lauert bereits auf dem Frühstückstisch: Das Deutsche Bienenmonitoring DeBiMo fand 2016 in sieben von 98 Honigen Glyphosat. Zweimal wurde der Grenzwert übertroffen, einer galt deswegen als nicht verkehrsfähig. Ebenso waren 96 Prozent der untersuchten Pollenproben mit Rückständen belastet. Mit Sicherheit nur die Spitze eines äußerst ungesunden Eisberges.

Die Schuld an der Misere schiebt man allzu gerne anderen in die Schuhe. Dabei kämpfen viele Landwirte am existenziellen Limit, um den preislichen Anforderungen des Marktes gerecht zu werden. Der wird von Großindustrie und Discountern bestimmt – und damit von uns. Freie Marktwirtschaft bedeutet, dass das Kaufverhalten der Verbraucher entscheidet. Letzten Endes sind wir es, die mit unserer Geiz ist geil-Mentalität für die Auswüchse der Agrarindustrie verantwortlich sind. Das Ergebnis: Gemessen an den Lebenshaltungskosten bekommt man nirgendwo sonst in Europa neben teuren und qualitativ hochwertigen auch derart billige und schlechte Lebensmittel wie in Deutschland.

Alles in Bio-Qualität zu produzieren, wäre sicherlich die beste Lösung. Aber bereits konventionelle Landwirtschaft mit etwas mehr Maß beim Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden wäre ein Fortschritt für die Natur. Viele der ausgebrachten Chemikalien sind teuer und steigern nur noch minimal den Ertrag. Landwirte sind auf diese marginalen Gewinnspannen angewiesen, solange wir nicht zur finanziellen Unterstützung einer nachhaltigeren Bewirtschaftung bereit sind. Geringfügig höhere Lebensmittelpreise könnten die Lage der Bauern, aber auch der Bienen und anderer Lebewesen in Wald, Flur und Stall entspannen. Es liegt ganz in unserer Hand.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Eine bienenfreundliche und zugleich ertragreiche Landwirtschaft wäre also denkbar?

Dr. Harald Stephan: Rücksichtslose industrielle Landwirtschaft ist keine Dauerlösung, und es gibt vielversprechende Alternativen. Monokulturen lassen sich mit Blühstreifen auflockern, die man zwischen den Feldern, an Wegrändern, auf unrentablen oder schwer zugänglichen Flächen anlegt. Bienen- und insektenfreundliche Pflanzen sorgen hier für Unterschlupf und größeres Nahrungsangebot.

Herbizide, Insektizide und Fungizide sollten möglichst wenig mit Bienen in Kontakt kommen. Machbar ist das durch die Ausbringung zu Zeiten, in denen die Tiere seltener unterwegs sind: abends, bei nassem und kaltem Wetter. Optimal wäre, wenn diese Gifte im Rahmen ökologischer Landwirtschaft gar nicht erst zum Einsatz kämen. Für die Herstellung von Bio-Honig muss ein Imker strenge Anforderungen erfüllen, wozu das Aufstellen der Völker in Reichweite von ökologisch bestellten Flächen oder Wildpflanzen etwa in Wäldern zählt.

Bewährt hat sich eine planvolle Zusammenarbeit von Imker und Bauer: Der eine braucht Nahrung für Völker und Honigernte, der andere Bestäubung fürs Gemüse. Sprechen sie sich ab, kann der Bienenvater seine Schützlinge rechtzeitig aus einer Gefahrenzone oder hin zu ergiebigeren Futterquellen bringen. Eigens zu diesem Zweck gibt es mittlerweile Bestäubungs- und Trachtbörsen, bei denen Landwirte Bienenvölker anfordern können.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Beeinflussen elektromagnetische Schwingungen wie die von Mobilfunknetzen das Verhalten und das Wohlbefinden der Bienen?

Dr. Harald Stephan: Wir sind von natürlichen und künstlichen elektromagnetischen Feldern umgeben und erzeugen selbst jede Menge davon: Ionenflüsse an biologischen Membranen bauen Potentiale auf und sind die Grundlage von Muskelarbeit und Nervenleitung.

Lange vor den ersten Handys haben zwei meiner akademischen Lehrer in Saarbrücken den Einfluss elektromagnetischer Felder auf das Verhalten von Bienen untersucht. Sie wollten herausfinden, warum die Tiere vor einem Gewitter angriffslustiger werden und zu ihrem Stock zurückkehren. Auch unter experimentellen Bedingungen sorgen geladene Luft-Ionen für vermehrtes Umherlaufen und Flügelschlagen. Das ist nicht der Fall, wenn man die Versuchstiere in einem Faraday-Käfig abschirmt – ähnlich wie man in einem Auto vor Blitzen geschützt ist.

Besonders neu oder überraschend waren diese Befunde nicht. Erste Untersuchungen über elektrische Ladungen und Insekten wurden bereits 1926 veröffentlicht. Tiere wie Menschen verfügen über jede Menge Rezeptoren für elektromagnetische Schwingungen. Die bekanntesten sind Wärme und Licht. Alle stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit weiteren chemischen und physikalischen Einflüssen, etwa Schallwellen und Magnetfeldern.

Künstlich erzeugte magnetische oder elektrische Felder führen bei Honigbienen zu Stress und beeinträchtigen ihre Orientierung, sodass einige nicht in den Stock zurückfinden. Störungen beim Wabenbau und im Redox-System, das die Immunabwehr der Bienen steuert, wurden ebenfalls beobachtet.

Eine Schädigung des Erbgutes mit den beim Mobilfunk üblichen Frequenzen ist unwahrscheinlich. Dafür wäre deutlich mehr Energie notwendig wie bei Radioaktivität oder Röntgenstrahlung. Anders sieht das mit der Erwärmung des Gewebes aus, denn die Frequenzbereiche des Mobilfunks sind nicht allzu weit von Mikrowellen entfernt.

Je höher die Frequenz, desto geringer die Eindringtiefe in den Körper. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung gelten als „elektrosensitiv“ – sie spüren elektrische Felder. Einige werden davon sogar krank, sie sind „elektrosensibel“ und leiden an einer elektromagnetischen Hypersensibilität. Man darf davon ausgehen, dass Ähnliches bei Bienen der Fall ist. Effekte durch elektromagnetische Felder sind unbestreitbar – nur über die Schädlichkeit des Elektrosmogs gibt es erbitterte Diskussionen. Eine Reihe von Untersuchungen befasst sich mit dem Einfluss von Mobilfunkfrequenzen und bescheinigt den Bienen gehäufte Krankheiten und vermindertes Rückfindeverhalten.

Auf der anderen Seite sieht das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nach umfangreicher Literaturrecherche „keine wissenschaftlich belastbaren Hinweise auf eine Gefährdung von Tieren und Pflanzen durch hochfrequente elektromagnetische sowie niederfrequente und statische elektrische und magnetische Felder unterhalb der Grenzwerte“. Wobei sich über deren Höhe wie immer trefflich streiten lässt.

Womit das BfS aber sicherlich Recht hat: Die Studienlage ist längst nicht eindeutig, und die bisherigen Untersuchungen halten strengen wissenschaftlichen Kriterien kaum stand. Weitere Forschungsarbeiten zu diesem Thema sind wünschenswert und dringend notwendig, nicht nur was den Einfluss von Strahlung auf Bienen angeht. In diesem Sinne ruft das EU-Netzwerk EKLIPSE zu internationaler, interdisziplinärer und vernetzter Forschung hoher Qualität auf.37 Auf die Resultate darf man gespannt sein.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Lässt sich abschätzen, ob der neue Mobilfunkstandard 5G Einfluss auf das Wohlbefinden der Bienen haben wird?

Dr. Harald Stephan: Der neue 5G-Standard verspricht schnelleres Internet als UMTS und LTE. Dabei kommen Frequenzen zum Einsatz, die weit über den bisher üblichen maximal 2,6 Gigahertz liegen – bis zu 60 Gigahertz sind angedacht. Die wesentlich kurzwelligere Strahlung hat eine geringere Reichweite als LTE, sodass man mehr Funkquellen benötigt und man diesen zwangsweise näher kommen wird als bisher. Zudem lenkt „Beamforming“ die Strahlung gezielt dorthin, wo sie gebraucht wird. Mit den alten Standards und zugehörigen Studien ist 5G daher in keiner Weise zu vergleichen.

Die Strahlung in diesem Frequenzbereich kann eine Erwärmung des Gewebes verursachen – daher ist die Energie, die ein Körper beim Telefonieren aufnimmt, auf zwei Watt pro Kilo beschränkt. Dieser Grenzwert soll verhindern, dass sich die lokale Temperatur um mehr als ein Grad erhöht. Wobei eine solche Erwärmung für uns mit unseren optimierten 37 Grad Celsius bedenklicher sein dürfte als für wechselwarme Bienen, die eher mit zu kalt als mit zu warm zu kämpfen haben.

Wie bei den anderen Strahlungsquellen sind hier weitere Forschungsarbeiten dringend nötig. Selbst wenn die Mobilfunkstrahlung Bienen und andere Insekten im Gegensatz zu Insektiziden nicht sofort tötet, ist eine Schädigung durch das Zusammentreffen mit Umweltverschmutzung, Pestiziden, Schädlingen wie der Varroa-Milbe und weiteren Faktoren nicht auszuschließen.

Trotz aller Bedenken muss man konstatieren, dass verglichen mit diesen unbestreitbaren Negativfaktoren eine mögliche Gefährdung durch Mobilfunk für Wild- und Honigbienen das weitaus geringere Problem darstellt. Das Insektensterben hat eingesetzt, lange bevor wir mit Smartphone in der Hand herumliefen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was könnte jeder einzelne zum Schutz der Bienen unternehmen?

Dr. Harald Stephan: Jeder schüttelt den Kopf, wenn er Bilder von zusammengepferchten Schweinen sieht oder Neues vom Bienensterben hört. Und ignoriert geflissentlich, dass das Hackfleisch in den mittäglichen Spaghetti Bolognese aus einer der vielgescholtenen Fleischfabriken kam. Das Flüssig-Ei der zugehörigen Nudeln wie auch anderer Industrieprodukte stammt fast immer aus Massentierhaltung im Baltikum, wo Tierschutz ein Fremdwort ist. Gegen das schlechte Gewissen helfen Bio-Eier und ein paar biologisch-dynamische Möhren.

Tier- und Umweltschutz können nur dann funktionieren, wenn jeder Einzelne von uns mit gutem Beispiel vorangeht. Nachhaltig leben bedeutet sozial, ökologisch und ökonomisch Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört es, nach Möglichkeit saisonale Lebensmittel aus der Region und aus ökologischem Anbau zu kaufen. Ebenso sollte man öfter mal den Honig für morgendliche Frühstück beim Imker auf dem Wochenmarkt holen statt den aus Übersee beim Discounter.

Wer einen Garten hat, sollte auf naturnahe Gestaltung statt öde Schottergärten setzen. Ein vielfältiger wilder Urwald mit üppiger Blumenpracht, Mauern, Sandflächen und Totholz bietet nicht nur Wildbienen, sondern auch Insekten, Igeln und Vögeln genug Nahrung und Unterschlupf. Aber selbst auf Balkon und Terrasse hilft jeder Pflanzkübel und jeder Blumentopf, an dem es für Insekten etwas zu futtern gibt.

Die Möglichkeiten sind nicht zu unterschätzen – erstaunlich viele Wildbienen trauen sich in Anbetracht trostloser Monokulturen in die Städte und freuen sich dort über jedes Hilfsangebot. Dazu zählen auch Wildbienen-Hotels, die man immer häufiger in Baumärkten oder im Internet sieht. Hier sollte man sich vor dem Kauf gründlich informieren, denn viele der handelsüblichen Modelle treffen eher den Geschmack des menschlichen Käufers als der tierischen Untermieter. Marke Eigenbau ist nicht das Schlechteste und macht ebenso wie die Beobachtung der emsigen Untermieter vor allem Kindern großen Spaß.

Bei der Bepflanzung sind pollen- und nektarreiche Blumen gefragt. Im Onlinehandel bekommt man spezielle bienenfreundliche Saatmischungen. Gefüllte Blüten, Pelargonien und Petunien lassen die Tiere leer ausgehen, wohingegen Zauberglöckchen und Tagetes ein großzügiges Büffet bieten. Besonders beliebt sind einheimische Blühpflanzen – Korbblütler, Glockenblume und Natternkopf, aber auch Küchenkräuter wie Thymian, Lavendel und Salbei werden von vielen Pollen- und Nektarsammlern gerne besucht. Weiden und Krokusse blühen früh im Jahr und bieten aus der Winterruhe erwachten Tieren ein erstes Frühstück.

Wer sich näher mit Honigbienen befassen möchte, kann eine Bienenpatenschaft übernehmen oder selber als Hobbyimker tätig werden. Professionelle Imker kümmern sich um die Völker hinterm Haus, und vielerorts bieten sie Kurse zur Einführung in die Bienenhaltung an. Honig aus dem eigenen Garten ist sicherlich ein Anreiz fürs morgendliche Brötchen wie auch zum Verschenken. Sinnvoll sind diese Eigeninitiativen allerdings nur bei ausreichend großem Nahrungsangebot, da ansonsten die ansässigen Wildbienen Konkurrenz bekommen.

Solche kleinen Beiträge werden umso wertvoller, je mehr dabei mitmachen. Machen wir uns keine Illusionen: Was Bienen und Wildbienen schädigt, beeinträchtigt auch andere Insekten, Tiere, Pflanzen und letztlich uns selbst. Genau wie bei den Honigbienen haut uns ein einzelner Negativfaktor nicht um. Aber in ihrer Summe schwächen sie unsere Gesundheit, bis wir mit Konsequenzen rechnen müssen – eine hohes Sterbeaufkommen nicht ausgeschlossen. Tun wir unser Bestes, damit es gar nicht erst so weit kommt.

Info zur Person: Dr. rer. medic. Harald Stephan ist Biologe und promovierter Medizinwissenschaftler. Er arbeitet als freiberuflicher Publizist und Illustrator. Eine rege Zusammenarbeit besteht mit den Bienen-Experten von Bienen.info, wo David von Ostrowski mit seinem Autorenteam Interessantes aus der Welt der Bienen berichtet. Die Seite hat den besonderen Anspruch, nach streng wissenschaftlichen Standards zu arbeiten und ihre Aussagen mit anerkannten Quellen zu belegen.


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