Finanzen

Wenn der Staat zum Raubritter wird: Die Großen haben Offshore-Konten, die Kleinen haben nur ihr Bargeld

Lesezeit: 5 min
22.08.2020 14:05  Aktualisiert: 22.08.2020 14:05
Bargeld ist eine spezielle Geldform. In der Literatur werden ihm zwei hauptsächliche Verwendungszwecke zugeschrieben: Es dient als Zahlungsmittel für tägliche Transaktionszwecke wie Einkäufe, und es ist eine spezifische Form von Wertaufbewahrung.
Wenn der Staat zum Raubritter wird: Die Großen haben Offshore-Konten, die Kleinen haben nur ihr Bargeld
Keine andere Branche ist so von Schwarzarbeit betroffen wie der Bausektor. (Foto: dpa)
Foto: Robert Michael

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Über die Zeit hinweg haben sich diese beiden Funktionen geändert. Bis zum Aufkommen von Bank- und Kreditkarten für private Personen und Haushalte waren Noten und Münzen in vielen Ländern für Transaktionszwecke praktisch alternativlos. In einigen Ländern wie den USA oder in Frankreich gab es als Alternative standardisierte Schecks, mit denen Einkäufe bezahlt werden konnten. Mit der raschen Ausbreitung von Plastikgeld ist die Verwendung von Noten im Verlauf der letzten 50 Jahre für normale Einkäufe drastisch zurückgegangen. In vielen Schwellenländern allerdings ist die Verwendung von Bargeld für alltägliche Zwecke immer noch alternativlos.

Was sich hingegen in vielen Industrieländern ausgebreitet hat, ist die Verwendung von Banknoten für Schwarzgeld-Transaktionen. Die starke Zunahme der steuerlichen Belastung, die Explosion der Immobilienpreise und parallel das Absinken des Lebensstandards der Mittelklasse haben dies für kostspielige Transaktionen vorteilhaft gemacht.

In vielen Ländern mit hoher Wohneigentumsquote und gleichzeitig starker Besteuerung von Immobilien-Transaktionen oder Immobilien-Besitz wird ein Teil der Kaufsumme legal und ein Teil schwarz unter dem Tisch bezahlt. Dann wechselt ein Bündel Banknoten den Besitzer. Für die Käufer sehr teurer, luxuriöser Immobilien gibt es häufig die Möglichkeit von offshore-Konten, für normale Bürger normalerweise nicht. Die Transaktion unter dem Tisch offeriert beiden Parteien erhebliche Vorteile: Der Verkäufer kann einen Teil Einnahmen erzielen, die er in der Steuererklärung nicht aufführen muss. Der Käufer spart Kosten wie Mehrwertsteuer, Immobilien-Transaktionssteuer und später jährliche Immobilien- oder Vermögenssteuer. Bargeld offeriert in diesem Zusammenhang also den Vorteil, dass die Transaktion nicht registriert ist und überprüft werden kann. In Deutschland werden Immobilien auf allen Stufen gering besteuert, zudem ist die Wohneigentums-Quote im internationalen Vergleich gering. Darum ist dieses Phänomen hierzulande weniger verbreitet. In den Peripherieländern der Eurozone wie Italien, Spanien, Portugal, Griechenland hingegen ist das ein weit verbreitetes Vorgehen.

Wenn die End-Transaktion wie ein Immobilien-Verkauf zu einem erheblichen Teil schwarz abgewickelt wird, dann müssen, um in der Steuererklärung keine Verdachtsmomente aufkommen zu lassen, auch die vorgelagerten Transaktionen teilweise schwarz stattfinden. Sonst weist der Immobilien-Entwickler in seiner Steuererklärung aus, dass er Wohnungen oder Häuser permanent mit Verlust verkauft. Deshalb ist der Bausektor, der zur Erstellung einer Immobilie führt, notorisch von Schwarzarbeit durchseucht. Nicht selten wird ‚mezzo-mezzo‘ gemacht. Die Hälfte legal, die Hälfte unter dem Tisch, auf allen Stufen der Wertschöpfung. Kein anderer Sektor der Wirtschaft wird global gesehen derart von Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft geprägt wie der Bau- und Immobiliensektor. In Schwellenländern erfolgen bis zu 90 Prozent aller Transaktion schwarz.

Eine zweite Form von Schattenwirtschaft, ganz ähnlich der Bau- und Immobilien-Wirtschaft, findet bei teuren Dienstleistungen statt. Der Doktor, Zahnarzt oder Anwalt, aber auch der Architekt oder für Reparaturen an bereits erstellten Wohnungen der Bauunternehmer (Elektriker, Maurer, Schlosser, Sanitär) fragt den Kunden, ob er legal oder schwarz zahlen will. Mit Einkommenssteuer, Mehrwertsteuer und spezifischen Abgaben erreicht der Preis-Unterschied schnell einmal das Doppelte. Die Familie kann sich die Zahnspange für das Kind, eine Operation oder die Behebung des Wasserschadens nur leisten, wenn die billigere Lösung gewählt wird. Oder der Arzt, der im staatlichen Gesundheitswesen arbeitet und dort wenig verdient, bietet die Behandlung nur auf privater Basis und schwarz an, weil er nur dann sein Einkommen erreicht. Wiederum ist dies in den Peripherieländern und erst recht in Schwellenländer häufig der Fall.

Doch Bargeld-Transaktionen finden nicht nur für an sich legale Zwecke, und dort nur zur Steuervermeidung statt. Bargeld-Transaktionen sind auch besonders da gefragt, wo eine Aktivität oder Transaktion im Charakter illegal ist und deshalb eine Strafverfolgung auslösen kann. Das betrifft ganz besonders den Drogenhandel, die Vermittlung von Frauen für die Prostitution, das Verhökern von Diebesgut oder das Erpressen von Schutzgeld – die klassischen Aktivitäten der Mafia oder mafiaähnlicher Clans und Organisationen.

Doch Bargeld-Transaktionen können ganz legale Aktivitäten betreffen, die aber im engsten Umfeld nicht bekannt werden sollen. Der Geschäftsmann unterstützt seine Geliebte mit Scheinen, weil er nicht will, dass die Ehefrau auf dem Kreditkarten-Auszug davon erfährt. Die Ehefrau leistet sich von Zeit zu Zeit ein speziell teures Kleidungs- oder Schmuckstück, das sie aber bar aus dem Haushaltsgeld bezahlt, damit der Mann keinen Wutausbruch über den zu hohen Preis hat. Sie unterstützt eine Tante, die der Mann nicht ausstehen kann, oder sie spendet für Arme. Vieles andere mehr kommt hinzu.

Der zweite Verwendungszweck von Bargeld ist die Wertaufbewahrung. Für diesen Zweck sind besonders große Noten geeignet. Man wird aus Platz- und Sicherheitsgründen keine Münzen, oder kleinen Scheine stapeln. Naturgemäß ist die Wertaufbewahrung über Bargeld riskant. Zu Hause kann jemand bestohlen oder beim Transport überfallen werden. Typischerweise ist heute deshalb die Hortung in gemieteten Bank-Safes die häufigste Form der Wertaufbewahrung. Die Motive für die Haltung von Bargeld sind vielfältig. Steuervermeidung ist eines, aber in vielen Ländern kommt Weiteres hinzu: Die Angst vor der Konfiskation, weil keine Rechtssicherheit in einem Land herrscht, oder vor einer Bank-Insolvenz, bei der die Bankkunden Teile ihres Bankguthabens verlieren können.

Die großen Scheine machen heute den Großteil des Noten- und Bargeldumlaufs aus. Sie betragen bis zu 60 oder 80 Prozent des gesamten Bargeld-Umlaufs. In einigen Ländern wird der hauptsächliche Teil der großen Noten gar nicht von Inländern, sondern von Ausländern oder sogar effektiv im Ausland gehalten. Untersuchungen der amerikanischen Zentralbank zeigen, dass bis zu zwei Drittel der großen Dollar-Scheine im Ausland zirkulieren. Und zwar deshalb, weil der Dollar für viele Länder, vor allem für Schwellenländer, eine Referenz-Währung darstellt. Die größte und in diesem Sinn wertvollste Note, die es heute gibt, ist die schweizerische Tausend-Franken-Note. Sie landet häufig in Tresor-Fächern von Schweizer Banken, welche von In-, aber besonders auch von Ausländern gemietet sind.

Die Abschaffung von Bargeld als Ziel der Wirtschaftspolitik ist ein zweischneidiges Schwert. Natürlich sollen damit illegale Aktivitäten und Transaktionen unterbunden oder zumindest erschwert werden. Auch ist es legitim, die in vielen Ländern grassierende Steuerhinterziehung zu unterbinden oder einzudämmen. Doch das Ganze hat zwei absolut zentrale Gegenargumente: Die Abschaffung von Bargeld ist unsozial. Sie trifft ärmere Menschen und Haushalte weit überproportional. Eine arme Familie oder eine Mittelklasse-Familie in Spanien oder Italien kann ihren bescheidenen Lebensstandard nur halten, wenn sie die Möglichkeit von Schwarzgeld-Transaktionen hat. Der reiche Unternehmer oder Geschäftsmann hat die Möglichkeit von Offshore-Konten, die bei den Steuerbehörden nicht registriert sind. Und in vielen Ländern gibt es keine oder wenig Rechtssicherheit und erst recht große Bankenrisiken, so dass die Notenhaltung ein legitimes Verteidigungs-Mittel gegen staatlichen Raub oder gegen Misswirtschaft und Insolvenz-Risiken von Banken sind. Zu letzterem trägt insbesondere auch die Geldpolitik der Notenbanken bei, die heute praktisch weltweit eingeschlagen wird.


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