Politik

Putsch in Mali: Die eigentlichen Herrscher sitzen in Paris

Unabhängig davon, wer in Mali an der Macht ist: Was Frankreich will, wird gemacht
20.08.2020 14:00
Lesezeit: 3 min
Putsch in Mali: Die eigentlichen Herrscher sitzen in Paris
17.08.2020, Frankreich, Bormes-les-Mimosas: Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, spricht im Rahmen der Feierlichkeiten anlässlich der Befreiung von Bormes-les-Mimosas vor 76 Jahren nach der Landung in der Provence. (Foto: dpa) Foto: Eric Gaillard

Nach dem erzwungenen Rücktritt des Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta soll der westafrikanische Krisenstaat Mali nach dem Willen der Putschisten von einem Übergangskomitee regiert werden. „Ich will nicht, dass Blut vergossen wird, damit ich an der Macht bleiben kann“, sagte der seit 2013 amtierende, zuletzt zunehmend unbeliebte Präsident im Staatsfernsehen.

Die EU und die USA verurteilten den Militärputsch. Die Afrikanische Union setzte die Mitgliedschaft Malis aus bis zur „Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung“, wie es in einer Erklärung des AU-Friedens- und Sicherheitsrates. Der UN-Sicherheitsrat forderte die Meuterer auf, „alle inhaftierten Staatsbediensteten sicher und unverzüglich freizulassen und unverzüglich in ihre Kasernen zurückzukehren“.

Ein Sprecher der Putschisten, Ismael Wagué, der bisherige stellvertretende Leiter des Generalstabs der Luftwaffe, warf der Regierung vor, das Land in „Chaos, in die Anarchie und in die Unsicherheit“ gestürzt zu haben. Wagué verkündete die Schließung aller Grenzen und die Einstellung des internationalen Flugverkehrs.

In den vergangenen Monaten fanden in Mali Massenproteste gegen den pro-französischen Präsidenten Keïta statt, berichtet France 24. Im Februar 2020 forderten Demonstranten den Abzug französischer Soldaten aus dem Land, so der Guardian. Sie verbrannten währen ihrer Kundgebungen die Flagge der ehemaligen Kolonialmacht. In den kommenden Monaten spitzte sich die Situation zu, so dass die politische Zukunft von Keïta fraglich wurde.

Zehntausende demonstrierten Ende Juni 2020 auf dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum von Bamako, um den sofortigen Rücktritt des von Frankreich unterstützten Präsidenten Keïta zu fordern. Zu erwähnen ist, dass Frankreich Mali auf einer bilateralen Ebene mit französischen Verbindungsoffizieren versorgt, weshalb die militärischen Verbindungen zwischen Paris und Bamako sehr eng sind.

Doch Frankreich hat nach wie vor erhebliche wirtschaftliche und politische Interessen in der Region. Das staatliche Energieunternehmen Orano bezieht einen großen Teil seines Urans aus dem Niger. Total hat Ölfelder in Mali. Die Franzosen haben eine Militärbasis im Tschad (als Macron 2018 besuchte, brachte er genug Champagner für 1.300 Soldaten mit).

Frankreich „unterstützt die Friedenssicherungsschule (EMP) in Bamako und die Militärverwaltungsschule (Ecole Militaire d'Administration, EMA) in Koulikoro“, berichtet das französische Außenministerium.

Der öffentliche Widerstand in der Sahelzone gegen die französische Militärpräsenz wurde in den vergangenen Monaten zu einem Problem für Macrons Regierung.

Die Annahme, dass sich der Putsch gegen den pro-französischen Präsidenten richtet, ist nicht richtig. Vielmehr ging es offenbar darum, einen Putsch zu organisieren, der eine Machtkonsolidierung Frankreichs in Mali herbeiführt, bevor die wirklichen anti-französischen Kreise und Gruppen, die die Anti-Regierungs-Demonstrationen befeuert hatten, Keïta stürzen.

Keïta gab sich nach dem Putsch sehr kooperativ. In einer Fernsehansprache, die ungewöhnlich ist im Umfeld eines Putsches, sagte er: „Ich möchte genau in diesem Moment, während ich dem malischen Volk für seine Unterstützung in diesen langen Jahren und die Herzlichkeit seiner Zuneigung danke, Ihnen von meiner Entscheidung erzählen, meine Pflichten aufzugeben.“

Wenn es sich um einen anti-französischen Putsch gehandelt hätte, wäre das französische Militär sofort eingeschritten. Offenbar wurde den Politik-Planern in Paris bewusst, dass die Proteste in Mali ausufern würden, weshalb Keïta nicht mehr tragbar war.

Die neue Regierung in Mali könnte eine Art „Kompromissregierung“ werden, die aus einem pro-französischen und einem anderen Lager zusammensetzt. Es ist aber auch durchaus möglich, dass Frankreich den politischen Status quo beibehält, wobei das einige Risiken mit sich bringen würde, falls ein neuer französischer Präsident die sozialen Probleme im Land nicht lösen kann.

Malis Grenzen wurden 1960 aus der Teilung des kolonialen französischen Westafrikas geschaffen. Das Land umfasst zwei geografisch unterschiedliche Regionen. Diese beiden Regionen - definiert durch die fruchtbaren, dicht besiedelten südlichen Savannen und die trockene, spärliche nördliche Sahara - sind weitgehend durch den Niger getrennt, der auch als historische Lebensader des malischen Handels dient. Diese Regionen haben unabhängige geopolitische Kerne. Der südliche Kern ist das landwirtschaftliche Dreieck von Bambara, zu dem auch Bamako gehört - die Hauptstadt der Nation. Hier leben die Bambara, die ethnische Beziehungen zu den südlichen Nachbarn Malis haben: Burkina Faso, Elfenbeinküste, Guinea und Senegal. Der nördliche Kern befindet sich am südlichen Ende des Hoggar-Gebirges und beherbergt die nomadischen Tuareg - ein Berbervolk mit Verbindungen zur Bevölkerung in Niger, Mauretanien und Algerien.

Die Projektion politischer Autorität auf beide Regionen ist Malis primäre geografische Herausforderung. Die beiden größten Städte im Norden - Timbuktu und Gao - liegen am Niger und dienten einst als wichtige Außenposten zwischen den beiden Kernen. Im Laufe der Jahrhunderte verringerte die Einrichtung von Seewegen durch Europäer die Rolle der Tuareg und dieser Städte.

In der Folge hat sich der islamische Einflussbereich der Tuareg verringert, und die Handelswege in der Sahara, auf denen einst Salz, Gold, Elfenbein und Sklaven übertragen wurden, verschlechterten sich. Heute ist Mali eines der ärmsten Länder der Welt. Die Wirtschaft basiert auf der Landwirtschaft, insbesondere dem Baumwoll-, Vieh- und Goldabbau. Mali ist nach Ghana (im Süden Malis) und Südafrika der drittgrößte Goldproduzent Afrikas.

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