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Zentralbanken fürchten um ihre Macht: Gehört die Zukunft einer goldgedeckten Digitalwährung?

 

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19.09.2020 12:00
DWN-Kolumnist Ernst Wolff analysiert den Kampf um die Währung der Zukunft.
Zentralbanken fürchten um ihre Macht: Gehört die Zukunft einer goldgedeckten Digitalwährung?
Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde: Sieht sie ihre Macht schwinden? (Foto: dpa)

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Der 3. Januar 2009 war das Datum, an dem für das globale Finanzsystem eine Art „Götterdämmerung“ einsetzte. An diesem Tag, einem Sonnabend, entstand mit der Schöpfung der ersten fünfzig Bitcoin und dem „Block 0“ das weltweite Bitcoin-Netzwerk. Wer dahinter stand, ist bis heute nicht bekannt. Zwar wurde als Gründer ein „Satoshi Nakamoto“ angegeben, doch ist niemals enthüllt worden, ob es sich dabei um eine Einzelperson oder eine Gruppe von mehreren Erfindern handelt.

Auf jeden Fall trat Bitcoin einen beispiellosen Siegeszug an. Am Tag der Ausgabe erhielt man für einen US-Dollar 1.310 Bitcoins. Am 17. Dezember 2017, dem Tag, an dem der Bitcoin sein Allzeithoch erreichte, hätte man diese 1.310 Geldeinheiten zu einem Preis von jeweils 20.000 Dollar verkaufen können – das heißt, man hätte aus einem Dollar 26,2 Millionen gemacht.

Zwar ist der Bitcoin-Wert inzwischen auf etwas weniger als die Hälfte des Rekordwertes von 2017 gesunken, aber die Währung hat sich durchgesetzt und erfreut sich derzeit wieder steigender Beliebtheit. Im August 2020 waren 18,48 Millionen Bitcoins mit einem Marktwert von über 200 Milliarden US-Dollar in Umlauf.

Allerdings ist der Bitcoin nicht von allen Seiten positiv aufgenommen worden. Im globalen Finanzsektor ist er sogar auf erheblichen Widerstand getroffen und wird bis heute von den Verantwortlichen als eine historische Bedrohung angesehen, der man sich mit allen Mitteln entgegenstemmt.

Um zu verstehen, woher diese Ablehnung rührt, muss man einen kurzen Blick auf die Geschichte der Währungen und die Entwicklung des modernen Bankwesens werfen.

Die Geschichte des Geldes ist eine Geschichte der Zentralisierung

Die ersten europäischen Banken entstanden am Ausgang des Mittelalters und handelten in ihrer Anfangszeit hauptsächlich mit Edelmetallen. Im Laufe der Zeit setzte sich das Geld in Form geprägter Münzen durch, ab dem siebzehnten Jahrhundert begann man mit der Ausgabe von Papiergeld.

Zunächst hatten die Banken das Recht, eigenes Geld herauszugeben. Da das Bankgewerbe auf Grund der Industrialisierung schnell wuchs und innerhalb weniger Jahrzehnte von Großbanken beherrscht wurde, versuchten diese, sich lästiger Konkurrenten zu erwehren. Sie förderten deshalb die Gründung von Nationalstaaten und schufen gemeinsame Interessenvertretungen, die nationale Währungen herausgaben – die Zentralbanken.

Dieses System ist in seinen Grundzügen bis in unsere Zeit erhalten geblieben. Allerdings hat die Bedeutung der Zentralbanken im Laufe der Zeit gewaltig zugenommen. Die sogenannte Finanzialisierung der Weltwirtschaft, also den immer stärker werdenden Einfluss der Finanzmärkte auf die Realökonomie, und die dadurch entstandenen systemischen Krisen haben die Zentralbanken gezwungen, immer stärker in das Geschehen einzugreifen und immer mehr Macht an sich zu reißen, insbesondere in unserem Jahrhundert.

Seit der Finanzkrise von 2007/08 haben die größten Zentralbanken Billionen in den verschiedensten Währungen ins System gepumpt und den von ihnen festgelegten Leitzins mehr als 700 Mal gesenkt. In anderen Worten: Das globale Finanzsystem unserer Zeit, das nach wie vor auf nationalen Währungen aufbaut, ist stärker zentralisiert als jemals zuvor.

Bitcoin ist dem Wesen nach dezentral – und deshalb fürs System gefährlich

Mit den Kryptowährungen wie Bitcoin sind nun Währungen entstanden, die sich nicht um nationale Grenzen scheren und die dazu weder Zentralbanken noch Geschäftsbanken brauchen, das bisherige Finanzsystem also komplett umgehen.

Das liegt an der ihnen zugrunde liegenden Blockchain-Technologie, die sich folgendermaßen erklären lässt: Wer das Internet zur Kommunikation nutzt, also Emails, Fotos oder sonstige Dateien verschickt, der sendet dem Empfänger immer eine Kopie, nie aber das Original. Der Absender kann seine Datei daher auch unzählig vielen Empfängern übermitteln, und der Empfänger ist sich immer darüber im Klaren, dass er nicht als einziger im Besitz der empfangenen Datei sein muss.

Die Blockchain dagegen schafft Datensätze, die einmalig sind und nicht kopiert werden können. Sie nutzt hierzu eine unbegrenzte Anzahl von Rechnern, die alle miteinander vernetzt sind. Generiert jemand einen Datensatz (Block genannt), dann wird dieser kryptografisch verschlüsselt an eine Kette bereits vorhandener Datensätze angehängt, in der ihm wenig später weitere Datensätze folgen. Auf diese Weise entstehen lauter in Ketten einbettete Datensätze mit einer eigenen, nachvollziehbaren Entstehungsgeschichte.

Die Blockchain schafft also einzigartige und vor allem fälschungssichere Datensätze, die direkt zwischen Absender und Empfänger ausgetauscht werden können, gleichzeitig aber durch das gesamte Netzwerk abgesichert und dennoch auf Grund ihrer kryptografischen Verschlüsselung für Außenstehende nicht einzusehen sind.

Wird die Blockchain also wie beim Bitcoin als Grundlage für digitales Geld genutzt, so ermöglicht sie – ebenso wie das Bargeld - die direkte und unmittelbare Abwicklung von Zahlungsvorgängen zwischen zwei Parteien, ohne dass ein Intermediär wie zum Beispiel eine Bank oder ein Zahlungsdienstleister notwendig wäre.

Damit aber bedeuten sowohl Bitcoin als auch die übrigen wie Pilze aus dem Boden geschossenen Kryptowährungen für die bestehende Ordnung eine doppelte Gefahr: Zum einen machen sie eine ganze Branche, die an der Zahlungsübermittlung mitverdient, überflüssig, zum anderen entziehen sie sich der Überwachung und damit der Kontrolle durch behördliche Instanzen.

Kein Wunder also, dass sowohl der Finanzsektor als auch staatliche Instanzen wie Finanzministerien und Steuerbehörden schwer aufgeschreckt sind. Erst vor zwei Wochen haben Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande in einer gemeinsamen Erklärung gefordert, Kryptowährungen notfalls zu verbieten.

Das Gegenmittel heißt: halb-private digitale Zentralbank-Währungen

Solche Verbote wären allerdings kaum durchzusetzen und würden die staatliche Autorität vermutlich nur noch weiter untergraben. Drohungen dieser Art dürften daher eher politisch motiviert und kaum ernst zu nehmen sein.

Ernster dagegen sind die Strategien, mit denen sich einerseits der private Sektor und andererseits die Zentralbanken gegen Bitcoin und Co. zur Wehr setzen. Die bisher wohl größte Anstrengung hat Facebook unternommen, das über eine Stiftung mit Libra eine eigene Währung in Umlauf bringen will. Diese ist allerdings an Bankkonten gebunden und damit ein Versuch, das Bankensystem im Zeitalter der Kryptowährungen mit in das neue Geschäft einzubeziehen.

Da zu den Gründungsmitgliedern der Libra-Stiftung unter anderen PayPal, Visa, Mastercard, eBay und Spotify zählen, würde die Einführung eine gewaltige Machtverschiebung zugunsten dieser ohnehin monopolartigen Konzerne bedeuten. Das wiederum gefällt den Staaten nicht, die daher mit einer eigenen Strategie aufwarten.

Die wohl aussichtsreichste dürfte die Einführung digitaler Zentralbankwährungen sein. Sie steckt zwar noch im Entwicklungsstadium, hat aber die größten Erfolgsauschancen, denn sie würde die großen Konzerne nicht von dem überaus lukrativen Geschäft ausschließen, sondern mit einbeziehen.

Wer wissen möchte, wie solche Zentralbankwährungen, auch CBDC’s (Central Banking Digital Currencies) genannt, aussehen würden, muss den Blick nach China richten. Dort läuft seit April dieses Jahres ein erster Großversuch, der im Juli auf etwa 40 Millionen Teilnehmer ausgeweitet wurde.

Unter dem Namen DCEP (Digital Currency Electronic Payment) wird dort ein digitaler Yuan im Rahmen eines Public-Private-Partnership-Modells, bestehend aus Zentralbank, Geschäftsbanken, Finanzorganisationen und Unternehmen, herausgegeben. Die Empfänger verfügen auf ihrem Handy über ein Wallet (ein virtuelles Portemonnaie), über das sie die neue Währung empfangen und weiterleiten können.

Besonders interessant an dem Pilotprojekt ist, dass zurzeit an einer kommunalen Variante gearbeitet wird, und dass an dieser Entwicklung das New Yorker Unternehmen „Cypheriumr beteiligt ist, ein Partner globaler Technologiekonzerne wie Microsoft und Google. Das zeigt: Wenn es um die Bedrohung der eigenen Macht geht, arbeiten China und die USA hinter den Kulissen auch gern einmal zusammen.

Die Sieger lauern möglicherweise im Hintergrund

Im Grunde handelt es sich bei der Umwandlung bestehender Währungen in digitale Währungen um den Versuch, die herausragende Eigenschaft der Blockchain-Technologie – nämlich die vollständige Dezentralisierung – in ihr Gegenteil zu verkehren, und das aus einem einfachen Grund: Sowohl die Staaten als auch die monopolartigen digitalen Großkonzerne, die heutzutage gemeinsam die Welt beherrschen, beziehen ihre Macht aus der Zentralisierung.

Ihr Problem besteht allerdings darin, dass sich die technische Entwicklung nicht aufhalten und sich Kryptowährungen nicht dauerhaft unterdrücken lassen. Da den meisten Menschen zudem nach der Einführung digitaler Zentralbankwährungen sehr schnell klar werden wird, dass diese nicht nur als Währung, sondern auch als Überwachungs- und Kontrollinstanz dienen, dürfte der Trend zu den Kryptowährungen sogar stark zunehmen.

Dem aber könnten sich die Staaten nur widersetzen, indem sie die demokratischen Rechte mit Unterstützung der großen Digitalkonzerne noch weiter einschränken als bisher. Das wiederum würde dazu führen, dass sich auch im Währungsbereich zunehmend sozialer Zündstoff entwickelt.

Gewinnen wird den Kampf zwischen Krypto- und Zentralbankwährungen schlussendlich mit großer Wahrscheinlichkeit keine von beiden. Zwar sind Kryptowährungen dem Wesen nach erheblich demokratischer und daher eine Gefahr für die bestehende Ordnung, doch auch sie haben ein Problem: Es handelt sich bei ihnen ebenso wie bei allen derzeitigen Weltwährungen um Fiat-Geld, das heißt: Sie sind nicht an einen realen Wert gebunden.

So lange das so bleibt, leben auch Kryptowährungen nur von dem Vertrauen der Menschen in ihre Funktionsfähigkeit – und dieses Vertrauen kann in Krisenzeiten sehr schnell schwinden und dem bisher in der Geschichte der Menschheit einzigen realen Geld Platz machen – dem Gold. Da die Digitalisierung nicht aufzuhalten, Gold aber aus der menschlichen Geldordnung nicht wegzudenken ist, könnte die Zukunft – vermutlich nach einem Crash des bestehenden Finanzsystems – möglicherweise einer an physisches Gold gebundenen Digitalwährung gehören.

                                                                            ***

Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.



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