Deutschland

„Photovoltaik-Sozialismus“: Ausbau der Erneuerbaren Energien geht am Verbraucher vorbei

Ein Änderungsantrag zum EEG-Gesetzt verspricht Großes für die Zukunft, macht die Eigenversorgung mit Solarstrom aber unattraktiv. Aus der Industrie hagelt es Kritik.
25.09.2020 12:33
Lesezeit: 3 min
„Photovoltaik-Sozialismus“: Ausbau der Erneuerbaren Energien geht am Verbraucher vorbei
Bei der Energiewende wird der einfache Bürger oft vergessen. (Foto: dpa) Foto: Jens B

Die Bundesregierung will den Ausbau von Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen wieder in Schwung bringen. Das geht aus dem Gesetzentwurf zur „Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und weiterer energierechtlicher Vorschriften“ hervor.

Die "Treibhausgasneutralität" für in Deutschland erzeugte und verbrauchte Elektrizität soll damit schon bis 2050 Realität sein. Netto soll bis dahin in der gesamten Energie-Kette kein Kohlendioxid mehr ausgestoßen werden.

Die Kapazitäten für Onshore-Windanlagen sollen von 54 Gigawatt (GW) bis 2030 auf 71 GW bis 2050 steigen. Kapazitäten für Solaranlagen sollen sich im selben Zeitraum von 52 auf 100 GW fast verdoppeln. Bis 2030 soll der Anteil an der Energieerzeugung durch die beiden wichtigsten Energieträger unter den Erneuerbaren 65 Prozent betragen.

Große Ziele, aber wie steht es mit der Umsetzung?

Im Detail hören sich das dann so an: „Der Ausbau der erneuerbaren Energien kann auch mittel- und langfristig nur weiter erfolgreich sein, wenn auch das energiewirtschaftliche Zieldreieck weiterhin eingehalten wird. Neben dem Umwelt- und Klimaschutz gehört hierzu auch, dass die Kosten im Interesse einer preisgünstigen Energieversorgung und bezahlbarer Strompreise begrenzt bleiben.“

Es ist sehr zweifelhaft, wie die Energieversorgung preisgünstig bleiben soll. Die Förderkosten für die Erneuerbaren Energien sollen mithilfe von Einzelmaßnahmen reduziert werden: Vorgeschlagen werden unter anderem eine Verringerung der Höchstgebote bei Ausschreibungen und längere Förderungen von innovativen Anlagen.

Das klingt alles nicht so wirklich überzeugend. Große Ziele zu formulieren ist das eine. Etwas anderes ist es, sinnvolle und effiziente Maßnahmen für die Erreichung dieser Ziele festzulegen. In dieser Hinsicht entpuppt sich der Entwurf als erstaunlich dünn.

Weiter im Text: „Mit Blick auf eine sichere und kosteneffiziente Stromversorgung müssen die erneuerbaren Energien außerdem stärker in den Strommarkt und das Stromversorgungssystem integriert werden […]“

Das ist etwas seltsam formuliert. Mit der Einführung der EEG-Umlage sind die Strompreise in die Höhe geschossen. Die Deutschen zahlen mit 32,10 Cent pro Kilowattstunde weltweit die höchsten Strompreise unter allen Industrie- und Schwellenländern.

Eine einfache Möglichkeit, die Strompreise zu verringern, nämlich die Senkung der EEG-Umlage wird immerhin angepeilt: Sie soll bis 2022 auf 6,0 Cent/kWh gedeckelt werden. Finanziert wird das allerdings über Zuschüsse im Rahmen des Konjunkturpakets in Höhe von 11 Milliarden Euro. Ein klassischer Fall von rechte Tasche – linke Tasche.

Man könnte auch die Stromsteuer oder eine andere der diversen Abgaben und Umlagen senken, die zusammen 53 % der Strompreise ausmachen (Strombeschaffung und Netzentgelte jeweils nur rund ein Viertel). Davon ist im 178-seitigen Änderungsantrag leider nicht die Rede. Auch das chronische Speicherproblem der Erneuerbaren kommt viel zu kurz.

Hürden für dezentrale Energie

Die Rede ist aber von einer „besseren Erschließung des Potenzials für große PV-Dachanlagen“. Das zeigt sich dann darin, dass die Eigennutzung von Strom aus großen Solaranlagen (100 „Kilowatt peak“) oder mehr nicht mehr erlaubt ist und der so produzierte Strom stattdessen ins Netz eingespeist werden muss. Offensichtlich antizipiert die Bundesregierung Probleme mit der Versorgungssicherheit in naher Zukunft (Zur Erinnerung: Der vollständige Ausstieg aus Atomkraft und Kohlekraft soll bis 2022 respektive 2038 beendet sein). Die Eigenversorgung mit Photovoltaik wird laut dem Fachmagazin „pv magazine“ auch durch Pauschalabgaben und übertriebene Mess- und Regelungsanforderungen behindert.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sprach trotzdem von einem "klaren Zukunftssignal für mehr Klimaschutz und mehr Erneuerbare Energien".

Der Bundesverband Solarwirtschaft e. V. (BSW) zeigte sich dagegen kritisch. Alte Solarstromanlagen, die nach 20 Jahren Betriebsdauer aus der EEG-Förderung fallen, würden nicht genug gefördert, womit die Aufrüstung meistens nicht rentabel sein würde. Außerdem sieht der Verband eine geringere Attraktivität von Photovoltaik-Anlagen für den Eigenverbrauch, wenn jetzt schon Anlagen mit einer Leistung ab 1 Kilowattpeak Smart Meter installieren müssen.

„Photovoltaik-Sozialismus“

Noch härter geht der Geschäftsführer der FENECON GmbH, Franz-Josef Feilmeier mit der Bundesregierung ins Gericht: „Nicht nur, dass die geplante Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetz das Ziel der Klimaneutralität zum Jahr 2050 mehr als nur gefährdet – den Unternehmen hierzulande wird auch noch eine Energie-Planwirtschaft aufgezwungen. Photovoltaik-Sozialismus statt Marktwirtschaft wird jedoch zu einer Vielzahl von Problemen führen. […]

Wir diskutieren gleichzeitig über Netze, die der E-Mobilität nicht gewachsen sind, anstatt selbst netzdienlich aktiv zu werden. Während der EEG-Entwurf jede produzierte Kilowattstunde billig abgeliefert im Netz sehen will, sollte die Motivation ja gerade sein, durch Eigenverbrauch und Elektrofahrzeugladung den teuren Netzausbau für die Allgemeinheit zu vermeiden. […]

Wer Eigenverbrauch verbietet (!) und jede Kilowattstunde in ein jetzt schon an der Grenze operierendes Netz stecken will, braucht sich um die Energie- und Verkehrswende gar keine Sorgen mehr zu machen – sie hat sich dann erledigt. Der teure Netzausbau führt nur zu einer Stärkung behäbiger zentraler Strukturen und hohen Kosten für alle, Stichwort Netzentgelte. […] Eine intelligente und bürokratiefreie Energiemarkt-Teilnahme wäre marktwirtschaftlich richtig und zielführender für einen echten Green New Deal.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen US-Rüstungsfirma Covenant: Protest gegen Marschflugkörper-Produktion ab 2027 in Leipzig
24.10.2026

Die US-Rüstungsfirma Covenant will in Leipzig Marschflugkörper herstellen. Der Standort soll weltweit die größte Basis für Europas...

DWN
Politik
Politik China macht seine Grenzen dicht: Ein neuer Eiserner Vorhang
24.10.2026

China macht seine Grenzen dicht, und längst trifft es nicht mehr nur politisch unbequeme Bürger. Lehrer, Ärzte und KI-Ingenieure dürfen...

DWN
Technologie
Technologie Enthüllt: Diese US-Techkonzerne wollten den Stromverbrauch ihrer Rechenzentren geheim halten
24.10.2026

Google und Microsoft wollten zentrale Angaben zum Stromverbrauch ihrer irischen Rechenzentren unter Verschluss halten. Die Umweltbehörde...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wachstum in Europa: EIB-Ökonom rät Unternehmen, stärker nach Süden zu blicken
24.10.2026

Deutschland erholt sich, doch Europas Wirtschaft kämpft weiter mit Bürokratie, Investitionsschwäche und einem fragmentierten...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuervergleich 2026: Was von 50.000 Euro Gehalt, Gewinn und Kapital wirklich übrig bleibt
24.10.2026

50.000 Euro verdienen und trotzdem völlig unterschiedlich viel Geld behalten? In Deutschland entscheidet nicht nur die Höhe des...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Online-Handel: Amazon plant Investitionen von rund 16 Milliarden Euro
24.10.2026

16 Milliarden Euro will Amazon 2027 in Deutschland investieren – ein großer Teil soll in Cloud und KI rund um Frankfurt fließen. Was...

DWN
Finanzen
Finanzen Flucht in die Endlichkeit: Wie ein überforderter Anleihemarkt den Bitcoin-Kurs treibt
24.10.2026

Das US-Finanzministerium kauft seine eigenen Schulden zurück, damit sie überhaupt noch jemand haben mag, und der Bitcoin hat das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BMW X5 im Test: Warum die fünfte Generation alles anders macht
24.10.2026

Fast 100.000 Euro Einstiegspreis, bis zu 845 Kilometer elektrische Reichweite und ein Auftritt, der kaum zu übersehen ist: Mit dem neuen...