Die Multi-Milliardäre werden durch Corona immer reicher: Befinden wir uns auf dem Weg in die Oligarchie?

 

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04.10.2020 07:59
Trotz beziehungsweise wegen der Corona-Krise wachsen die Privatvermögen weltweit an - vor allem die Multi-Milliardäre können ihre Vermögen massiv steigern. Hält unsere Demokratie das aus - oder sind die Super-Reichen bald die faktischen Herrscher?
Die Multi-Milliardäre werden durch Corona immer reicher: Befinden wir uns auf dem Weg in die Oligarchie?
Berlin, Februar 2016: Zahlreiche Gäste, unter ihnen Mark Zuckerberg, nehmen an der Verleihung des neu geschaffenen Innovationspreises des Medienkonzerns Axel Springer teil. Auf der Leinwand prangt das Konterfei von Bill Gates. (Foto: dpa)
Foto: Kay Nietfeld

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Am 23. September erschien die jüngste Ausgabe des jährlich veröffentlichten Allianz Global Wealth Report. Der Bericht des größten deutschen Versicherungskonzerns, der sich mit den weltweiten Entwicklungen der Privatvermögen beschäftigt, ist in vielfacher Hinsicht interessant.

Krise? Welche Krise?

Eine der ersten Überschriften der Studie lautet: „Crisis?“ Welche Krise? Die Allianz schreibt, Covid-19 habe die tiefste Rezession in 100 Jahren ausgelöst, habe aber keine negativen Auswirkungen auf die Privatvermögen gehabt. Im Gegenteil: Ende Juni 2020 waren die weltweiten privaten Finanzvermögen um 1,5 Prozent höher als Ende 2019, getrieben vor allem durch einen starken Anstieg der Bankeinlagen. Es sei sehr wahrscheinlich, so die Versicherung, dass die privaten Finanzvermögen Ende 2020 sogar höher sein werden, als sie es zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind.

Das ist eine sehr bemerkenswerte Aussage. Obwohl die reale Weltwirtschaft den stärksten Absturz der Neuzeit erleidet, die Zahl der hungernden Menschen sowie Not und Elend auf der Erde in nie gesehener Geschwindigkeit und ungeheurem Ausmaß zunehmen, steigen die privaten Finanzvermögen. Die Jahrhundertkrise trifft also nicht alle Erdenbürger gleich oder auch nur ähnlich stark, sondern die Reichen dieser Erde scheinen von der Krise gar zu profitieren. Denn die privaten Finanzvermögen sind in Händen von vergleichsweise wenig Menschen: Laut dem Allianz-Bericht verfügen die obersten ein Prozent der Erdenbürger über 44 Prozent der Weltvermögens, die obersten 10 Prozent über 84 Prozent.

Das führt uns zu der zweiten interessanten Aussage des Vermögensberichtes. Der Anteil am Weltvermögen, den die obersten ein Prozent der Menschen halten, stieg seit der Jahrtausendwende von 41 auf 44 Prozent. „Die Superreichen scheinen sich in der Tat immer weiter und weiter vom Rest der Gesellschaft wegzubewegen“, heißt es wörtlich in dem Bericht.

Was ist schon ein Milliardär?

Auch das ist eine bemerkenswerte Aussage: Die Superreichen entfernen sich immer weiter weg vom Rest der Gesellschaft. Anders ausgedrückt: Innerhalb der Pyramidenspitze gibt es Machtverschiebungen zu Gunsten der ganz besonders Reichen. Es findet also eine Machtkonzentration innerhalb der Millionärsgemeinschaft statt.

Einen ähnlichen Hinweis auf Machtverschiebung innerhalb der Millionärsgemeinschaft brachte inequality.org im Juni 2020. Demnach besaßen die obersten ein Prozent der US-Amerikaner Ende der 1980er Jahre 39 Prozent aller Aktien. Bis Mitte 2020 war ihr Anteil auf 50 Prozent gestiegen. Das heißt, immer mehr ökonomische Macht konzentriert sich bei immer weniger Menschen.

Nicht nur innerhalb der vergleichsweise großen Gruppe der Millionäre finden jedoch Konzentrationsprozesse statt, auch innerhalb der Milliardärs-Gemeinschaft gibt es eine Machtverschiebung nach oben. Inequality.org berichtete Ende August, dass 1982 die reichsten 400 US-Amerikaner der damaligen Forbes-Liste 0,93 Prozent der US-Vermögen besaßen. Im August 2020 verfügten die reichsten 10 US-Amerikaner über denselben Anteil am US-Vermögen, das entspricht etwa 853 Milliarden Dollar. Heute verfügen also zehn US-Bürger über einen genauso hohen Vermögensanteil wie seinerzeit 400. Demnach hat sich also die Vermögenskonzentration an der Spitze der USA ver-40-facht. Halten wir kurz inne: Seit 1982 hat eine Vervierzigfachung der Vermögenskonzentration und damit der Machtkonzentration an der obersten Spitze der USA stattgefunden. Eine enorme Zunahme an ökonomischer Macht!

Was geschieht mit dem Mittelstand?

Und noch eine dritte Aussage im Allianz Global Wealth Report ist bemerkenswert. Unter der Überschrift „Vermögensverteilung – Trendumkehr“ heißt es in dem Bericht, dass sich 2019 gegenüber dem Vorjahr 2018 erstmals die Zahl der Mitglieder in der globalen Wohlstands-Mittelklasse von über einer Milliarde Menschen auf unter 800 Millionen dramatisch vermindert habe. Das sind beeindruckende Zahlen. Über 200 Millionen Menschen sind in einem Jahr aus der Wohlstandmittelklasse herausgefallen – und das nicht etwa in, sondern vor der Corona-Zeit. Der Hauptgrund dafür ist laut Allianz, dass sich die Wohlstandslücke zwischen armen und reichen Ländern vergrößert. Die armen Länder fallen im Vermögensbereich hinter die Industrieländer zurück. Die Autoren der Studie sprechen von einer Trendumkehr seit 2016, die durch Covid-19 weiter verstärkt werden dürfte, weil die Corona-Maßnahmen die Armen dieser Welt stärker treffe und der Welthandel stark darunter leide.

Eine Studie der ETH Zürich kam bereits 2011 zu dem Ergebnis, dass 737 Spitzenaktionäre in der Lage sind, etwa ein Drittel des Weltsozialproduktes zu kontrollieren. Ein Drittel des Weltsozialproduktes kontrolliert von gut 737 Gesellschaften – das lässt auf eine ziemlich große Machtposition dieser Eigentümer schließen. Die Autoren der Studie fügen hinzu, dass die tatsächliche, die reale Kontrollmacht der Top-Eigentümer jedoch in Wirklichkeit zehnmal größer ist als die reine Vermögensmachtkonzentration. Demnach würden also die oberen 70 bis 80 Haupteigentümer der Erde etwa ein Drittel des Weltsozialproduktes kontrollieren. Diese Kontrollmacht dürfte sich seither noch weiter konzentriert haben, vor allem, wenn man auf die Fonds und die Privatpersonen sieht, die als Eigentümer hinter den Konzernen stehen.

Wohin treibt unsere Demokratie?

Durch die Corona-Krise und eine Reihe von fehlgeleiteten staatlichen Anti-Corona-Maßnahmen und die damit verursachte einzigartige Weltwirtschaftskrise sind die Milliardäre sehr viel reicher geworden. Die 643 US-Milliardäre haben von 18.März, also kurz vor Beginn der Corona-Lockdowns in der westlichen Welt, bis 15.September 2020 einen Vermögenszuwachs um 29 Prozent oder 845 Milliarden Dollar auf etwa 3.800 Milliarden Dollar erzielt. Allein die 15 reichsten US-Amerikaner erhöhten in diesen etwa sechs Monaten ihr Vermögen um fast 50 Prozent auf 1.225 Milliarden Dollar.

Oligarchen wie Jeff Bezos sahen ihr Vermögen während der Corona-Zeit um 65 Prozent auf 186 Milliarden Dollar steigen. Mark Zuckerberg erhöhte sein Vermögen in den letzten sechs Monaten um 84 Prozent auf 101 Milliarden Dollar, und Elon Musk vervierfachte beinahe sein Vermögen auf zuletzt etwa 92 Milliarden Dollar. Musk wurde ja bei seinem Besuch in Deutschland im Sommer 2020 wie ein Staatsoberhaupt empfangen – obwohl nie irgendjemand diesen Menschen demokratisch gewählt hat.

Der bekannteste und wohl einflussreichste Oligarch von allen dürfte jedoch nach wie vor Bill Gates sein, der sein Vermögen in der Corona-Zeit um 19 Prozent auf 116 Milliarden steigerte. Auch Bill Gates ist nie von irgendjemandem demokratisch gewählt worden. Sein – direkter und indirekter – Einfluss auf unsere Gesundheitsentscheidungen und diejenigen in der Welt ist jedoch enorm. Auch er wird in Deutschland teilweise wie ein Staatsoberhaupt empfangen, nicht etwa wegen seiner Kompetenz in Gesundheitsfragen – die umstritten ist – sondern wegen seiner schieren Kapitalmacht.

Sind sie die eigentlichen Herrscher?

Denn ökonomische Macht übersetzt sich leicht in Medienmacht und politische Macht. Ich möchte hierzu den Soziologen Hans Jürgen Krysmanski zitieren, der die politische und gesellschaftliche Einflussnahme durch gewaltige Kapital-Anhäufungen und riesige Geldsummen bereits in seinem 2012 erschienenen Buch „0,1 Prozent - Das Imperium der Milliardäre“ gut auf den Punkt brachte: „Milliardäre bestimmen – mittels eines Geflechts von Stiftungen und Organisationen und durch die Informationsindustrie – das Bildungswesen ganzer Länder; ihnen gehören Privatuniversitäten, große Teile des Gesundheitswesens, die wichtigsten Zeitungs-, Fernseh- und Filmkonzerne. Sie verfügen über Privatarmeen. Wissenschaftliche Berater, Kunst- und Kulturstrategen, Politiker werden ohne große Unterschiede ´eingekauft´.“ Auch der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sieht durch den enormen Einfluss von Milliardären auf verschiedene Lebensbereiche, insbesondere jedoch auf die Medien, die Demokratie in Gefahr. Er nennt ein Kapitel seines 2012 erschienen Buches „The Price of Inequality“ „Demokratie in Gefahr“.

Fazit: Die Machtkonzentration hat in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Durch die staatlichen Corona-Maßnahmen wird dieser Prozess nun offenbar deutlich beschleunigt. Und so sollten wir uns schon die Frage stellen: Wie soll unser Staat politisch verfasst sein? Wollen wir Oligarchie oder Demokratie?

Zum Autor: Prof. Dr. Christian Kreiß lehrt seit 2002 Finanzierung und Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Aalen. Er ist Autor von sieben Büchern, unter anderem „Gekaufte Wissenschaft“ (2020); „Gekaufte Forschung“ (2015) sowie „Geplanter Verschleiß“ (2014). Dreimal hat er als unabhängiger Experte vor dem Bundestag gesprochen.


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