Finanzen

Schreckgespenst Inflation: Seit Jahren vergeblich erwartet, wird sie nun kommen - Teil 2

Die Hyperinflation von 1923 ist schon fast 100 Jahre her. Wird den deutschen Bürgern nun erneut eine grassierende Teuerungsrate zum Verhängnis? Vieles spricht dafür. Das Vertrauen in die Fiat-Währungen bröckelt gewaltig.
19.10.2020 16:00
Lesezeit: 8 min
Schreckgespenst Inflation: Seit Jahren vergeblich erwartet, wird sie nun kommen - Teil 2
Der steigende Goldpreis zeig das Misstrauen der Investoren in die Fiat-Währungen. (Foto: Pixabay)

Soweit die Inflation aus dem Lehrbuch. Wie sieht es mit den weiteren Faktoren in der Praxis aus (die Messproblematik bleibt bestehen, wird im Folgenden aber nicht weiter behandelt)?

5. Deflationäre Faktoren in der Gegenwart

Deutlich preisdämpfend sind längerfristige Industrie-Trends (Digitalisierung und Automatisierung) und das damit verbundene Kostensenkungs-Potenzial.

Ein erneuter Konjunktureinbruch, ein sogenannter Double-Dip (ein Konjunkturverlauf, bei dem die Volkswirtschaft nach überstandener Rezession während der folgenden Aufschwungphase an Fahrt verliert und erneut in die Rezession abtaucht) und/oder ein zweiter Lockdown könnte einen erneuten Angebots-Schock auslösen, der temporär deflationär wirkt.

Ein sehr kurzfristiger deflationärer Druck könnte durch Schleuderpreise im Rahmen von Geschäftsschließungen im Einzelhandel entstehen.

6. Inflationäre Faktoren in der Gegenwart

Makrofaktor Nachfrage und -Angebot in Verbindung mit konjunktureller Entwicklung:

Infolge der nahezu einmaligen Krise sind die Volkswirtschaften der Länder im zweiten Quartal teilweise über 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal eingebrochen. Auch Deutschland ist mit minus 9,7 Prozent schwer getroffen. Die Prognosen fürs Gesamtjahr 2020 bewegen sich zwischen minus 5 und minus 9 Prozent, das sind wahrlich keine rosigen Aussichten. Die weltweite wirtschaftliche Aktivität ist stärker gesunken als in der Finanzkrise 2008/2009 und der großen Depression der 1930er Jahre.

Offensichtlich gab es einen negativen Angebots-Schock (stark gesunkenes Waren- und Dienstleistungsangebot), die Lieferketten sind weiterhin angeschlagen. Der Corona-Schock verursachte leicht sinkende Teuerungsraten, im Juli war die gemessene Inflation sogar negativ.

Die Angebots-Seite bleibt unter Druck, während die Nachfrage zwar auch eingebrochen ist, aber nun zumindest organisch stabil bleibt, weil durch das Kurzarbeitergeld und weitere soziale Sicherungssysteme eine Abfederung stattfindet.

Nach Ansicht vieler Experten haben wir mit einer sogenannten „Wurzel-Erholung“ der Wirtschaft zu tun. Die Erholung kam schnell, verlangsamt sich aber zunehmend und es wird sehr lange dauern bis wieder das Niveau vor der Krise erreicht ist.

Eine stockende Konjunktur, ein dauerhaft gesunkenes Angebot und eine – auf einem gewissen Niveau – stabile Nachfrage. Die Angebots- und Nachfragestruktur und die Konjunktur ergeben zusammengenommen ein tendenziell inflationäres Bild. Die schlussendliche Wirkungsrichtung hängt auch stark davon ab, wie der Staat auf eine mögliche Insolvenzwelle reagiert. Das Rezept „Keine (oder weniger) Arbeit, aber trotzdem (gleiche) Bezahlung“ wäre auf jeden Fall inflationär.

Mikrofaktor Energiepreise:

Die Erdöl- und Erdgaspreise haben sich von ihrem starken Einbruch erholt, bleiben aber unberechenbar. Die Preise sind historisch betrachtet sehr niedrig, sollten also perspektivisch (gerade bei einer Rückkehr zur ökonomischen Normalität) eher steigen. Die Strompreise in Deutschland steigen derweil aufgrund der Energiewende beständig und das wird wohl auch so bleiben.

Mikrofaktor Marktkonzentration:

In der Wirtschaft gibt es schon von Natur aus flächendeckend Konzentrations-Tendenzen, gerade in den Bereichen Big Tech und Handel herrschen oligopolistische bis monopolistische Marktstrukturen. Hinzu kommt jetzt der Corona-Faktor.

Die KMUs werden, wenn sie nicht schon vorher von einem ausdauernden Konkurrenten übernommen werden, von der wahrscheinlichen Pleitewelle im Herbst stark getroffen sein. In der ganzen Wirtschaft – vor allem in bestimmte Branchen wie Gastronomie und Einzelhandel – ist dann mit einer zunehmenden Markt-Konzentration zu rechnen.

Makrofaktor Geldpolitik – „Whatever it takes“:

Die EZB wird weiterhin an der Nullzins-Politik und den Anleihe-Kaufprogrammen festhalten. Dazu ist sie durch die Überschuldung vieler Staaten und Unternehmen gezwungen – auch falls die offizielle Inflation deutlich steigen würde. Vor kurzem nahm man sich ein Beispiel an der amerikanischen Notenbank FED und ‚lockerte‘ das Inflationsziel. In Zukunft könnte es sogar zu noch weitreichenderen Experimenten, bis hin zum Helikoptergeld, kommen.

Makrofaktor Fiskalpolitik:

Kurzarbeitergeld, Stützungsmaßnahmen in Form von Ausgabeprogrammen, Kreditgarantien, Eigenkapitalzuschüsse (siehe Lufthansa) und KfW-Kredite (siehe TUI) und das alles insgesamt im dreistelligen Milliardenbereich. Die Bundesregierung hat nicht sparsam auf den Corona-Schock reagiert.

Die wirkliche Musik spielt sich aber auf EU-Ebene ab. Der Wiederaufbaufonds (750 Milliarden Euro) und der Green New Deal (4 Billionen Euro) werden einen enormen Einfluss auf die Wirtschaft haben.

Für diese historisch hohen Summen müssen EU-Anleihen aufgelegt, die wiederum mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem erheblichen Teil von der EZB gekauft werden. Über diesen indirekten Mechanismus wird die Geldmenge ungeahnte Höhen erklimmen und gleichzeitig sofort nachfragewirksam in die Realwirtschaft, und dort in teils unproduktive (grüne) Verwendungen fließen.

Hinzu kommt die mutwillige Entwertung eines Bruchteils des Kapitalstocks (Autos mit Verbrennungsmotoren, Ölheizungen) durch die Politik im Kampf gegen den Klimawandel: Weil diese Vermögenswerte perspektivisch ersetzt werden müssen, entsteht hier mittel- bis langfristig eine künstliche Nachfrage, der kein entsprechend gestiegenes Angebot gegenübersteht.

Mikrofaktor Steuern:

Das diesjährige Haushaltsdefizite (prognostiziert werden rund 218 Milliarden Euro) wird nicht gering ausfallen. Die enorm gestiegenen Beiträge zum EU-Haushalt und Wiederaufbaufonds und so weiter müssen auch noch irgendwie finanziert werden. Finanzminister Scholz kündigte wohl deshalb bereits kommende Steuererhöhungen an. Des Weiteren wird die Kohlendioxid-Steuer in Zukunft noch zu einem bedeutenden Preistreiber für industrielle Erzeugnisse.

Makrofaktor Inflationserwartungen:

Die stark expansive Geld- und Fiskalpolitik und die perspektivischen Steuer-Erhöhungen könnten schon jetzt zu einem Anstieg der Inflationserwartungen führen!

Makrofaktor Geldumlaufgeschwindigkeit – Sinkt in Zukunft das Vertrauen in den Euro?

Man muss das Thema des Währungs-Vertrauens in den Vordergrund rücken. Tatsächlich ist die Geldumlaufgeschwindigkeit wohl der bedeutendste unter den Makrofaktoren. Sinkt das Vertrauen in die – durch nichts gedeckten – Fiat-Währungen und speziell in den instabilen Euro, dann kann es ganz schnell zu starker Inflation, möglicherweise sogar einer Hyperinflation kommen.

Die theoretische Grundlage hinter dieser Überlegung ist die Quantitätsgleichung: M * V = Y * P

(M =Geldmenge; V = Geldumlaufgeschwindigkeit; Y = Reales BIP; P = Preisniveau)

Tatsächlich sieht man aber in den letzten Jahrzehnten stattdessen einen Hortungseffekt. Die Geldumlaufgeschwindigkeit im Euroraum sinkt seit 25 Jahren fast kontinuierlich (linker Chart). Statt in die Realwirtschaft wandert das Geld in die Asset-Märkte (rechter Chart), hauptsächlich in Aktien und Anleihen.

Der Goldpreis – Ein Indikator für das Vertrauen in Währungen

Aber auch Gold erlebte in den letzten Jahren einen Bullenmarkt. Ein steigender Goldpreis gilt seit langer Zeit als ein Misstrauensvotum der Anleger in die Fiat-Währungen und die sie verwaltenden Zentralbanken. Das rührt daher, dass die Papierwährungen dieser Welt einstmals (aber oft nicht hundertprozentig) durch Gold gedeckt waren. Gold wurde aufgrund seiner einzigartigen Eigenschaften in der Weltwirtschaftsgeschichte oft als Geld verwendet. Außerdem hat das Edelmetall durch seine Seltenheit und geringen laufenden Fördermengen einen Sammler-Wert, der noch jede Währungskrise überstanden hat.

Wer einen etwas anderen Indikator für die Geldentwertung sehen will, kann sich also durchaus einmal die Mühe machen, die Kaufkraft von Währungen in Gold zu bilanzieren.

Nach dieser Metrik haben Euro und Dollar von 1999 bis 2020 jeweils rund 85 Prozent ihrer Kaufkraft – gemessen in Gold – verloren. Gemäß offizieller Inflationsrate waren es beim Euro „nur“ 30 Prozent und beim Dollar „nur“ 36 Prozent.

Ob der enorme Preisanstieg des Goldes die tatsächlichen Inflationsraten (inklusive Vermögenpreise) reflektiert, ein Indikator für die zunehmenden Inflationserwartungen der Märkte oder eine Mischung aus beidem ist, ist dabei zweitrangig.

7. Fazit: Kommt die Inflation nun oder nicht?

Die inflationären Faktoren überwiegen eindeutig. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Inflationsraten (auch die offiziell gemessenen) steigen werden. Für eine finale Prognose der Inflationsentwicklung bietet es sich an, in verschiedenen – voneinander nicht immer ganz trennbaren – Szenarien zu unterscheiden:

  • Relative Stabilität: Stabile 3 bis 4 Prozent offizielle Inflation pro Jahr (etwas höher als in Vergangenheit und aktuell). Die Vermögenspreis-Blase bleibt bestehen und könnte sich weiter vergrößern. Der Inflationsschub bleibt temporärer Natur.
  • Stagflation (stagnierende Wirtschaft bei grassierender Inflation): Die Inflation beträgt 5 bis 10 Prozent pro Jahr, eine Ausartung zu galoppierender Inflation (30 Prozent und höher) ist denkbar. Die Historie zeigt, dass die Inflation – wenn sie ein gewisses Ausmaß erreicht – nicht mehr so einfach zu bändigen ist. DWN-Autor Andreas Kubin sieht ein noch schlimmeres Szenario kommen, eine „Slumpflation“ (rückläufige Wirtschaft bei grassierender Inflation).
  • Insolvenzwelle gefolgt von Bankenpleiten: Das Umfeld wäre dann rezessiv und eher deflationär, die Kreditvergabe-Kapazitäten quasi eingefroren. Die Regierung würde vermutlich mit staatlichen Bad Banks und der Druckerpresse reagieren. Das könnte bis hin zur Hyperinflation und einer Währungsreform führen.
  • Vertrauensverlust in die Fiat-Währungen (möglicherweise nur Euro betroffen): Durch Überschuldungs- und Gelddruck-Exzesse macht sich eine Massenangst vor realen Wertverlusten der Ersparnisse breit. Folge einer stark steigenden Geldumlaufgeschwindigkeit wäre eine galoppierende Inflation mit dem Risiko einer Hyperinflation.

Im Moment riecht es nach Stagflation. Es könnte aber sein, dass eine Zurückhaltung bei größeren Ausgaben (langlebige Güter) und eine Geldhortung in Vermögenswerten anhaltend die breitgefasste Inflation dämpfen kann. In diesem Fall wäre dann eine selektive Inflation in bestimmten Güter-Kategorien (vor allem kurzlebige Güter wie Lebensmittel) zu erwarten. Kurzfristig ist sogar eine durch Sonderfaktoren ausgelöste Deflation möglich.

Brauchen Staaten die Inflation?

Die Experten von der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnen in ihrem aktuellen „Annual Economic Report“ vor steigenden Inflationsraten. Diese könnten demnach sogar im Interesse der Staaten sein.

„Dieses Szenario könnte eintreten, wenn die Pandemie eine nachhaltige Wirkung auf Wirtschaft und Politik hat. In dieser Welt könnten die Staatsschulden und der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft weiter steigen, während die Globalisierung zurückgedrängt wird. […] Infolgedessen könnten Regierungen in Versuchung geraten, die Fremdkapitalkosten künstlich niedrig zu halten, um die realen Staatsschulden zu entwerten, möglicherweise in Kombination mit einer zunehmenden finanziellen Repression.“

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Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

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