Finanzen

Italien verteilt Helikoptergeld an Bürger, die bargeldlos bezahlen

In Italien geht der Kampf gegen das Bargeld in eine neue Phase. Bei Zahlungen mit Karte will der Staat den Konsumenten künftig einen Teil des Geldes zurückerstatten. Der innovative Plan ist Teil des Konjunkturprogramms gegen die Corona-Krise.
09.10.2020 08:00
Lesezeit: 2 min
Italien verteilt Helikoptergeld an Bürger, die bargeldlos bezahlen
Im Kampf gegen das Bargeld macht sich Italiens Premier Giuseppe Conte die Corona-Krise zunutze. (Foto: dpa) Foto: Mauro Scrobogna

Die Corona-Krise gibt Italiens Premierminister Giuseppe Conte die Gelegenheit, einen vollkommen neuartigen Vorstoß im Kampf gegen das Bargeld zu starten. Mit einem ungewöhnlichen Plan, der in den kommenden Wochen fertiggestellt werden soll, will man die Bürger des Landes vom Bargeld entwöhnen - und von der damit verbundenen finanziellen Privatsphäre.

Die italienische Regierung plant, den Konsumenten des Landes bei Kartenzahlungen 10 Prozent des Transaktionswertes zurückzuzahlen, wobei maximal 300 Euro pro Person zurückgegeben werden sollen. Dieser innovative Plan zur Verteilung von Helikoptergeld soll bis 2022 laufen, sagten Beamte, die mit dem Plan vertraut sind, zu Bloomberg.

Als zusätzlicher Anreiz zum Verzicht aufs Bargeld qualifizieren sich die teilnehmenden Verbraucher außerdem für eine Lotterie, bei der insgesamt 300 Millionen Euro ausgeschüttet werden sollen. Um an dem Programm teilzunehmen, müssen die Bürger eine Handy-App herunterladen.

Zwar bleibt das Bezahlen mit Bargeld bis zu Beträgen von 2.000 Euro vorerst legal. Doch wer etwa zum Schutz seiner Privatsphäre auf das Bezahlen mit Bargeld besteht, der wird weder das vom Staat bereitgestellte Helikoptergeld erhalten noch wird er an der Lotterie teilnehmen können.

Die italienische Regierung hofft, mit dem Programm nicht nur die Konjunktur anzukurbeln, sondern auch die Gewohnheiten in dem Land zu ändern, wo die Bürger bisher stärker am Bargeld festhalten, als in anderen Ländern Europas. Ziel ist es auch, die Schattenwirtschaft zu bekämpfen, die auf 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt wird.

Laut Giorgio Di Giorgio, Professor für Geldtheorie und Geldpolitik an der Luiss-Universität in Rom, ist es in Italien schwierig, Regeln durchzusetzen. Doch er glaubt, dass die neuartige Maßnahme funktionieren könnte. "Sie wäre ein freiwilliger Akt für die Menschen und könnte das Verhalten der Verbraucher allmählich ändern", sagt er.

Bisher war es schwer, die Italiener vom Bargeld zu entwöhnen. Als etwa der ehemalige Premier Mario Monti während der Staatsschuldenkrise in der Eurozone die Bargeld-Zahlungen auf 1.000 Euro begrenzte, erwies sich die Maßnahme als so unpopulär, dass sie von seinem Nachfolger Matteo Renzi umgehend abgemildert werden musste.

Der aktuelle Premier Conte geht nun einen ganz anderen Weg. Statt auf Verbote setzt er auf Anreize. Zudem nutzt er mit der Einführung der Lotterie die Affinität der Italiener zu derartigen Spielen. Die Regierung hat bereits eine weitere Lotterie angekündigt, mit der sie die Kunden dazu bringen will, beim Bezahlen in Geschäften Quittungen einzufordern.

Zudem baut der Vorstoß der italienischen Regierung auf einem Einstellungswandel in dem Land auf, der sich wegen der Corona-Krise bereits seit einigen Monaten vollzieht. Die Menschen sind wegen der Beschränkungen und aus Angst vor dem Virus verstärkt dazu übergegangen, Produkte online zu kaufen, wobei sie natürlich digital bezahlen müssen.

"Covid-19 hat viel verändert", zitiert Bloomberg Enzo Quarenghi, Visas Landeschef für Italien. Das Unternehmen habe 3 Millionen zusätzliche Nutzer verzeichnet, die früher keine Online-Zahlungen getätigt hätten. "Und dieses Verhalten hält auch heute noch an", so Quarenghi.

Italien wird 209 Milliarden Euro aus dem Wiederaufbaufonds der EU erhalten. Deshalb will das Land den Geberländern zeigen, dass es sein Vorgehen gegen Bargeld und Schattenwirtschaft verstärkt. Laut Schätzungen der italienischen Zentralbank wurden im Jahr 2016 rund 86 Prozent der Transaktionen bar abgewickelt - so viele wie in keinem anderen EU-Land.

"In Frankreich oder Deutschland gibt es bereits einen starken Gebrauch von digitalen Zahlungen", sagte Rosy Alaia, Leiterin des Zahlungsverkehrs der Banca Sella, die an den Regierungsgesprächen zur Vorbereitung der Maßnahme beteiligt war. "In einigen Ländern gab es mehr Investitionen in die Infrastruktur und Netzwerke für Sofortzahlungen."

Nun baut auch Italien seine entsprechende Infrastruktur aus. Der staatliche Kreditgeber Cassa Depositi e Presiti wird ein Ankerinvestor für den von der italienischen Bank Nexi übernommenen Finanzdienstleister SIA, der zu einem der größten Zahlungsdienstleister Europas ausgebaut werden soll. Das Geschäft wurde diese Woche angekündigt.

Italiens neuartige Strategie im bargeldlosen Zahlungsverkehr entwickelt sich vor dem internationalen Hintergrund eines rigorosen Vorgehens gegen illegale Transaktionen. Dieser reicht vom verstärkten Informationsaustausch zwischen den Steuerbehörden bis zur Entscheidung der Europäischen Zentralbank, die Ausgabe von 500-Euro-Noten einzustellen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Europäische Banken und Stromnetze sind interessant, zehn Prozent des Portfolios in Gold
20.09.2026

Der Glaube an künftige Gewinne besiegt offenbar noch die Angst vor teurerem Geld.

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: AfD in Hochrechnungen knapp vor SPD
20.09.2026

Zwei Landtagswahlen, ein bitterer Abend für die CDU: In Mecklenburg-Vorpommern droht der historische Verlust des Parlamentseinzugs, in...

DWN
Finanzen
Finanzen Investmentchancen: Korea, Luxus, Wasser – wo jetzt Rendite lockt
20.09.2026

Die Börsen stehen nahe ihren Rekorden, doch einige Anleger suchen ihre Chancen ausgerechnet dort, wo es zuletzt besonders wehgetan hat....

DWN
Panorama
Panorama KI-Kunst: Kreative Revolution oder seelenlose Kopie?
20.09.2026

Zurzeit gibt es viel Kritik an KI-generierter Kunst. Die Argumente klingen vertraut: „seelenlos“, „bloße Reproduktion des...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeiten im Alter: Was Senioren wirklich im Job hält
20.09.2026

Ältere Beschäftigte werden auf dem Arbeitsmarkt plötzlich dringend gebraucht. Doch wer Senioren länger im Job halten will, kommt mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arktis-Korridor: Wird Russlands Nordroute zur Gefahr für europäische Häfen?
20.09.2026

Der Chef von Rosatom sagt: Russland müsste etwa 100 Milliarden Euro investieren, wenn es die Arktisroute in einen echten Logistikkorridor...

DWN
Politik
Politik Merz unter Druck: Öffnet sich für Söder das Kanzleramt?
20.09.2026

Markus Söder hat Kanzlerambitionen mehrfach ausgeschlossen. Doch nach dem CDU-Debakel in Sachsen-Anhalt und wachsendem Druck auf Friedrich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preiskrieg in der Autoindustrie: Warum Rabatte die Zukunft gefährden
20.09.2026

Europas Autobauer liefern sich einen Preiskampf ausgerechnet in einer Phase, in der sie Milliarden für ihre technologische Zukunft...