Finanzen

Neue Käufe von Staatsanleihen: Die Bank of England legt vor, die EZB wird bald folgen

Lesezeit: 5 min
05.11.2020 13:00  Aktualisiert: 05.11.2020 13:38
Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden weltweiten Rezession kündigen die großen Zentralbanken des Westens neue Käufe von Staatsanleihen an.
Neue Käufe von Staatsanleihen: Die Bank of England legt vor, die EZB wird bald folgen
Der Gouverneur der Bank von England, Mark Carney, und EZB-Präsidentin Christine Lagarde. (Foto: dpa)
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Die britische Notenbank hat ihre expansive Geldpolitik inmitten der Corona-Krise noch einmal verstärkt. Zur „Unterstützung der Konjunktur“ will sie im Rahmen neuer Interventionen britische Staatsanleihen im Gesamtwert von 150 Milliarden Pfund (etwa 166 Milliarden Euro) aufkaufen, teilte sie am Donnerstag mit.

Ihren Leitzins beließ die Zentralbank knapp über der Nulllinie bei 0,1 Prozent. Vor dem Zinsentscheid gab es Spekulationen und Presseberichte, wonach der Zins in den negativen Bereich abgesenkt werden könnte. Ranghohe britische Notenbanker hatten einen solchen Schritt in der jüngsten Vergangenheit nie ganz ausgeschlossen, ihn aber auch nicht angekündigt. Die Wirkung negativer Leitzinsen gilt unter Fachleuten als umstritten.

Die Bank of England begründete ihre Entscheidung mit der sich zuspitzenden Corona-Situation im Land. Es sei ihre Aufgabe, auf die ökonomischen und finanziellen Folgen der Corona-Pandemie zu reagieren, erklärte die Zentralbank. In Großbritannien breitet sich das Virus wie auch im übrigen Europa aus. Die Regierung hat deshalb erneut starke Einschränkungen des öffentlichen Lebens beschlossen, die ähnlich wie in Deutschland für einen Monat gelten sollen. Sie treten an diesem Donnerstag in Kraft.

Beobachter erwarten, dass der neuerlich verhängte Teil-Lockdown die ohnehin schwächelnde Volkswirtschaft zusätzlich belasten und die hohe Verschuldung von Bürgern, Unternehmen und dem britischen Staat erhöhen wird. Die US-Ratingagentur Moody's hatte die Kreditwürdigkeit Großbritanniens angesichts des Austritts aus der EU und der Corona-Krise zuletzt um eine Stufe gesenkt. Moody's bewertet die langfristigen Schulden des Vereinigten Königreichs nun mit der Note "Aa3" (zuvor "Aa2"). Gründe seien vor allem die nachlassende wirtschaftliche Stärke, seit die Agentur die Bonitätsnote ab August 2017 auf eine Abstufung geprüft habe, hieß es - unter anderem hätten sich die Aussichten durch den Brexit und durch die Unfähigkeit, ein Handelsabkommen mit der EU zu schließen, verschlimmert. Auch die Covid-19-Pandemie dürfte ihre Spuren hinterlassen. Hinzu komme, dass die Finanzkraft des Staates abgenommen habe und die staatlichen Institutionen sowie die Führung in den vergangenen Jahren geschwächt worden seien. Großbritannien befindet sich mit der aktuellen, vierthöchsten Bonitätsnote von Moody's noch immer im Bereich sicherer Anlagen. Den Ausblick für das Rating schätzt die Agentur nun als stabil ein.

Das Land steuert auf ein Rekorddefizit im Staatshaushalt zu. In diesem Jahr könnte das Haushaltsdefizit auf rund 16 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung steigen, teilte das unabhängige Haushaltsbüro (OBR) in London mit. Das wäre der höchste Fehlbetrag, der durch neue Schulden zu decken ist, seit dem Zweiten Weltkrieg. In absoluten Zahlen wären es 322 Milliarden Pfund (354,8 Milliarden Euro) an neuen Schulden. Die Prognose des OBR fußt auf einem von drei möglichen Szenarien für die erwartete wirtschaftliche Entwicklung auf der Insel. Die Wirtschaft schrumpft dabei gemäß Annahme in jedem Fall um mehr als zehn Prozent in diesem Jahr, schlimmstenfalls um rund 14 Prozent. Eine vollständige konjunkturelle Erholung von der Krise wird nicht mehr für 2021 angenommen, sondern frühestens für Ende 2022.

Die Entscheidungen der britischen Zentralbank fielen im neunköpfigen geldpolitischen Ausschuss MPC einstimmig. Die zusätzlichen Wertpapierkäufe sollen im Januar beginnen und bis Ende 2021 laufen. Das aktuelle monatliche Kauftempo soll durch die zusätzlichen Wertpapierkäufe nicht verändert werden. Die Zentralbank stellte aber klar, dass das Tempo je nach Marktlage angepasst werden könne. Die Zentralbank signalisiere ihre Bereitschaft zu weiteren geldpolitischen Lockerungen, falls diese erforderlich werden sollten.

BoE legt vor, EZB dürfte bald folgen

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) könnte Direktorin Isabel Schnabel zufolge auf ihrer nächsten Sitzung im Dezember als Antwort auf die Coronakrise die Zinsen senken. „Unsere Analysen zeigen, dass eine weitere Senkung möglich wäre, ohne an den Punkt zu gelangen, an dem sie nicht mehr wirkt oder sogar schadet“, sagte Schnabel im Interview mit dem Handelsblatt. Eine Vorentscheidung sei zwar noch nicht gefallen, aber die wirtschaftliche Situation sei inzwischen eine andere als noch im März.

Es gehe darum sicherzustellen, dass die Banken ihre Kreditstandards nicht zu sehr verschärften: „Das beobachten wir genau. Der wirtschaftliche Abschwung darf durch den Bankensektor nicht noch verschärft werden“, sagte die deutsche EZB-Direktorin. Im März sei es dagegen darum gegangen, die Finanzmärkte zu stabilisieren.

Der Einlagesatz der EZB liegt derzeit schon bei minus 0,5 Prozent. Zu dem Zinssatz können Banken Geld bei der EZB über Nacht parken. Mit dem negativen Satz will die Notenbank die Banken dazu bringen, mehr Geld zu verleihen – was diese aber nicht zuletzt aufgrund der strengen EU-Regulierungsvorschriften nicht tun.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte auf der letzten Sitzung der EZB weitere Lockerungsschritte in Aussicht gestellt. Sie schloss auch keine Instrumente aus. Bisher hat die Notenbank aber vor allem mit ihrem Corona-Notprogramm PEPP auf die Krise reagiert. Es umfasst Anleihekäufe im Umfang von 1,35 Billionen Euro.

Damit spricht auch in der Eurozone alles für weitere geldpolitische Interventionen der Notenbank – ebenso wie in den USA. „Heute endet die Sitzung des FOMC. Es wäre erstaunlich, wenn es von dieser Seite kein ‚whatever it takes‘ geben würde (ausufernde Staatsverschuldung bei 4.102 Milliarden Dollar per 2. November 2020 oder circa 20 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.). Erhöhungen der Programme und auch eine Zinssenkung sind perspektivisch nicht ausgeschlossen. Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die westlichen Zentralbanken ihre Politik in Zeitnähe aggressiver gestalten werden. Das forciert den Anlagenotstand. Diese Umstände könnten die aktuelle Risikofreude an den Märkten erklären“, kommentiert der Finanzdienstleister Solvecon.

Drückung der Kreditkosten – der wahre Grund für die Anleihekäufe

Der Hauptzweck der Anleihekäufe ist selbstverständlich nicht wie offiziell angekündigt die „Stimulierung von Wirtschaft und Wachstum“, sondern die Senkung der Kosten, welche die Staaten für ihre aus dem Ruder laufenden Schulden bezahlen müssen.

Indem die Zentralbanken als Käufer mit unbegrenzter Liquidität im Anleihemarkt auftreten und die Papiere hochverschuldeter Staaten kaufen, drücken sie die Rendite der Papiere und damit die Zinskosten.

Es darf spekuliert werden, dass auch europäische Staaten schon vor Jahren faktisch zahlungsunfähig gewesen wären, wenn die EZB nicht mit mehreren Kaufprogrammen eingeschritten wäre (die DWN hatten darüber schon einmal im Jahr 2017 berichtet).

Bemerkenswerterweise ist mit der EU-Kommission vor Kurzem ein weiterer Akteur in diesem Schuldenkarussell hinzugekommen. Denn die Kommission darf aufgrund der wegen der Corona-Pandemie von den Staaten gewährten Sonderrechte künftig selbst Schuldentitel in dreistelliger Milliardenhöhe aufnehmen und hat die erste Runde mit einer Aufnahme von 17 Milliarden Euro schon hinter sich gebracht.

Die Interventionen von EZB, Federal Reserve, Bank of England und anderen – zusammen mit der verzweifelten Suche von Investoren nach Rendite – hat zu den verglichen mit der Verschuldungsdynamik hochverschuldeter Länder wie den USA, Großbritannien oder Frankreich sehr mageren Renditen geführt. So müssen die USA derzeit bei Anleihen mit 10 Jahren Laufzeit etwa 0,7 Prozent Zinsen bezahlen, Großbritannien gar nur etwa 0,2 Prozent und Frankreich sogar minus 0,37 Prozent. Die Gesamtschulden des Staates liegen in allen drei Fällen über der Marke von 100 Prozent der jährlichen Wirtsschaftsleistung.

Beispielhaft seien hier nur die USA bebildert – das Phänomen ist aber in allen westlichen Staaten dasselbe. Während die Schulden relativ zur Wirtschaftsleistung seit Jahren steigen (Grafik 1) sinken die Zinsen für Staatsanleihen (Grafik 2):

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