Deutschland

Radio Russkij Berlin: "Wir senden für die größte Migrantengruppe in Deutschland"

"Radio Russkij Berlin" geht für die russischsprachigen Migranten in Deutschland, die mittlerweile eine lukrative Kundengruppe bilden, auf Sendung. Die Gruppe "RusMedia" betreibt die Station, die vor fast 20 Jahren gegründet wurde. Geschäftsführer Dmitri Feldman gibt im Interview mit den DWN Auskunft, wie groß das Marktpotenzial ist.
28.11.2020 12:56
Lesezeit: 4 min
Radio Russkij Berlin: "Wir senden für die größte Migrantengruppe in Deutschland"
Der Sender hat sein Studio im Zentrum von Berlin. (Foto: RusMedia)

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Feldman, wie sind Sie darauf gekommen, in Berlin ein russischsprachiges Radio aus der Taufe zu heben?

Dmitri Feldman: Mein Partner und ich hatten zunächst 1996 eine russischsprachige Wochenzeitung mit demselben Namen „Russkij Berlin“ gegründet, die auch heute noch existiert. 2003 – also sieben Jahre später – erhielten wir dann auch die Lizenz von den Rundfunkanstalten in Berlin für den Betrieb eines Radiosenders. Wir sind somit jetzt insgesamt 17 Jahre auf Sendung. Die Sendezeiten wurden seitdem stetig ausgebaut. Zunächst haben wir zwischen 7 bis 16 Uhr senden dürfen, danach gab es sogar eine Verlängerung bis 19 Uhr. Seit 2010 berichten wir 24 Stunden am Tag – also rund um die Uhr.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie sind also eine russischsprachige Mediengruppe in Deutschland, die nicht nur ein Radio betreibt. Wie sieht denn Ihr Angebot im Einzelnen aus?

Dmitri Feldman: Unsere Medienholding RusMedia Group hat ihre Anfänge in Berlin. Sie ist danach stetig gewachsen: Ein Jahr nach der Gründung von „Russkij Berlin“ (RB) haben wir das Blatt Russkaja Germanija (RG) herausgegeben – also „russisches Deutschland“. Es wird überregional in ganz Deutschland vertrieben.

Darüber hinaus haben wir eine regionale Zeitung gegründet, die sich an die russischsprachigen Leser im Rheinland richtet – die Rheinskaja Gazeta. Berlin und das Rheinland sind Regionen, wo unsere Leserschaft verhältnismäßig stark vertreten ist. Die RB bildet das überregionale Format, dem die regionalen Blätter RB und RG zugeordnet sind.

Darüber hinaus hatten wir bis März noch einen Verkauf von Theater- Konzert- und Flugtickets betrieben. Doch haben wir dieses Geschäftsfeld jetzt erstmal wegen der Corona-Pandemie einstellen müssen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Womit generieren Sie die meisten Umsätze?

Dmitri Feldman: Wir haben keinen besonderen Fokus auf einem Geschäftsfeld. Die Erlöse generieren wir mit allen Segmenten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie hoch ist die Auflage für die Wochenzeitung „Russkij Berlin“?

Dmitri Feldman: Wir haben pro Woche eine Auflage von 62.000 und verfügen über fast 20.000 Abonnenten. Das ist eine wichtige Einnahmequelle für uns. Das ist eine Printausgabe, die jede Woche über vier Seiten Kleinanzeigen veröffentlicht. Das können beispielsweise Heiratsannoncen sein. Das ist schon ungewöhnlich, weil viele Medien solche Anzeigen mittlerweile nur noch online verkaufen. Wir sind da noch sehr traditionell. Bei uns lebt noch das gedruckte geschriebene Wort.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wer ist konkret Ihre Zielgruppe?

Dmitri Feldman: Das sind alle Menschen in Deutschland, die Russisch sprechen. Dazu gehören natürlich die Russen selbst, aber auch die Angehörigen der ehemaligen Sowjetrepubliken. In diesen Ländern wird nicht nur die Nationalsprache gesprochen, sondern auch immer Russisch. So zählen wir alle dazu, die sich kulturell über die russische Sprache verbunden fühlen. Wir sagen immer, „unsere Heimat ist die russische Sprache“. Wir sind weder mit dem russischen oder irgendeinem anderen Staat verbunden. Unsere Mediengruppe betreibt keine Politik.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Nationalität hat der Großteil Ihrer Kunden?

Dmitri Feldman: Der Großteil unserer Hörer und Leser hat einen deutschen Pass. Oft handelt es sich um Russland-Deutsche, die es bei der Einbürgerung einfacher haben als andere Migranten. Sie bekommen dann einen deutschen Vor- und Nachnamen. Eine weitere große Gruppe sind die jüdischen Migranten. In Berlin gibt es 350.000 russischsprachige Mitbürger, die zehn Prozent der Bevölkerung der deutschen Hauptstadt ausmachen. Nach unseren Berechnungen beträgt das Potenzial unserer Zielgruppe in Deutschland insgesamt 4,5 Millionen.

"Die Türken werden überall wahrgenommen - wir eben nicht"

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Vielen in Deutschland dürfte diese beachtliche Zahl gar nicht so bewusst sein, weil der Großteil der offiziellen Statistiken die Migranten nach Ländern und nicht nach der Sprache einteilt. Die Türken beispielsweise liegen in vielen Tabellen unangefochten mit etwa 1,5 Millionen auf dem ersten Platz. Nimmt man ihre Berechnungen zugrunde ist Ihre Zielgruppe drei Mal so groß und damit die größte Migrantengruppe in Deutschland.

Wirkt sich diese Ignoranz in Deutschland auch auf Ihre Geschäfte aus?

Dmitri Feldman: Ja. Zahlenmäßig sind wir tatsächlich die größte Migrantengruppe in Deutschland. Der Unterschied zwischen uns und den Türken besteht darin, dass die türkischen Migranten überall wahrgenommen werden – wir eben nicht. Und diese Ignoranz spüren wir auch ständig, wenn wir unsere Geschäfte machen. Wenn wir beispielsweise Werbung verkaufen wollen, dann müssen wir uns immer wieder neu vorstellen. Und das, obwohl es unsere Migrantengruppe seit mehr als 25 Jahren in Deutschland gibt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie sieht die Struktur Ihrer Kundengruppe aus? Lesen bzw. hören Sie verstärkt Ältere oder Jüngere? Oder in welchem Alter befindet sich der Großteil Ihrer Kunden?

Dmitri Feldman: Unsere Kunden stammen aus allen Schichten und Altersgruppen. Das ist unser Vorteil, dass wir ein ganz breites Spektrum bedienen: Unser Radio wird von allen Menschen in Deutschland gehört, die Russisch sprechen. Das kann ein vermögender Migrant aus Usbekistan sein, der mit seinem Bentley in das Villenviertel in Berlin-Grunewald fährt. Doch gehört dazu auch eine russische Verkäuferin, die nur einen alten Opel Corsa hat und im Berliner Stadtteil Neukölln wohnt, wo Leute leben, die nur über geringe Einkommen verfügen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Kann man in Deutschland leben und nur Russisch sprechen, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen?

Dmitri Feldman: Ja, das ist überhaupt kein Problem.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Werden Sie von äußeren Quellen finanziell unterstützt – beispielsweise durch den deutschen Staat, der Migrantenprojekte fördern will?

Dmitri Feldman: Nein, wir finanzieren uns allein. Wir sind noch nie auf die Unterstützung von anderen angewiesen gewesen. Weder der deutsche Staat noch die EU oder der russische Staat haben uns jemals unterstützt. Die erste finanzielle Zuwendung, die wir überhaupt erhalten haben, war im April 2020 wegen der Corona-Pandemie. Das war aber eine Ausnahme, die nur aufgrund der aktuellen Krise zustande gekommen war.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Feldman, herzlichen Dank für das Gespräch.

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