Finanzen

Zur Lage der Banken: „Unschön, wenn bei stotterndem Motor auch noch ein Reifen platzt“

Beobachter erwarten mit Blick auf 2021 ein schwieriges Jahr für die Banken. Besonders Sparkassen und Volksbanken könnten Probleme bekommen – im Gegensatz zu Instituten, die ihr Geschäft mit der Finanzspekulation machen.
13.12.2020 11:04
Lesezeit: 3 min
Zur Lage der Banken: „Unschön, wenn bei stotterndem Motor auch noch ein Reifen platzt“
Die Bankentürme von Frankfurt. (Foto: dpa) Foto: Frank Rumpenhorst

Für die deutschen Banken wird 2021 das Jahr der Wahrheit. Bislang haben sie die Folgen der Corona-Pandemie einigermaßen gut weggesteckt. Doch je länger die Krise dauert, desto tiefere Löcher reißen steigende Kreditausfälle in die Bilanzen. Vor allem Sparkassen und Volksbanken müssen sich nach Meinung von Experten auf schwere Einschläge gefasst machen. "2021 könnte sich als der härteste Test für Banken seit der globalen Finanzkrise herausstellen", sagt Analyst Gavin Gunning von der Ratingagentur S&P Global. Finanzaufseher warnen davor, dass nicht alle Banken den Sturm überstehen.

Die Bestände ausfallgefährdeter Kredite in ganz Europa werden sich nach Einschätzung von Christoph Schalast, Professor für Wirtschaftsrecht an der Frankfurt School, nächstes Jahr auf rund 800 Milliarden Euro verdoppeln. Davon werden auch die deutschen Banken nicht verschont bleiben, die im europäischen Vergleich jedoch wenige faule Kredite in ihren Büchern haben. Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling rechnet vor, dass sich die Kreditausfälle der deutschen Banken auf 0,8 Prozent des Kreditbestands vervierfachen und die Belastungen auf rund 13 Milliarden Euro summieren dürften. EZB-Chefbankenaufseher Andrea Enria riet den Geldhäusern daher, sich auf das Schlimmste vorzubereiten.

Mehr als eine Billion an Corona-Hilfen

Mit riesigen Summen stützt die Bundesregierung Unternehmen, die durch die Einschränkungen in Folge der Corona-Pandemie Umsatzeinbußen haben. Rechnet man alle Hilfen zusammen, kommt mehr als eine Billion Euro zusammen. Doch nicht nur Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing warnt vor "Zombie-Unternehmen", die nur künstlich am Leben gehalten werden, weil die Pflicht zum Stellen eines Insolvenzantrags seit März teilweise ausgesetzt ist. Ab dem 1. Januar soll diese wieder in Kraft treten. Die Bundesbank warnt deshalb, dass die Insolvenzen in Deutschland Anfang 2021 auf über 6000 pro Quartal steigen könnten.

Bayern-LB-Chefvolkswirt Jürgen Michels rechnet für das ganze Jahr mit "einem 20- bis 30-prozentigen Anstieg" der Pleiten. Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei der Auskunftei Creditreform, prognostiziert 24.000 Insolvenzen nach rund 16.000 in diesem Jahr. Laut einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer sieht sich jedes elfte Unternehmen akut von der Zahlungsunfähigkeit bedroht.

Dem Chef der Finanzaufsicht BaFin, Felix Hufeld, treibt das die Sorgenfalten auf die Stirn. Auf Banken werden seiner Ansicht nach mehrere Wellen an Kreditausfällen zurollen. "Das dicke Ende haben wir noch nicht gesehen. Das kommt erst noch." Zwar seien Banken seit der Finanzkrise vor zwölf Jahren generell gesehen besser mit Kapital ausgestattet, manch ein Institut werde die jetzige Krise aber trotzdem nicht überleben.

Einer Studie der Unternehmensberatung Bearingpoint zufolge hat sich die Risikovorsorge der europäischen Banken im ersten Halbjahr auf gut 60 Milliarden Euro verdreifacht, in Deutschland sogar vervierfacht. Im Sommer waren aber die Aussichten noch etwas besser, seither hat sich das wirtschaftliche Klima wieder eingetrübt. "Die zweite Welle wird ein enormer Test für die Finanzwirtschaft sein", sagt Tim Jennison, Partner der Unternehmensberatung BCG. Die Bankenbranche steht ohnehin schon unter Druck durch die seit Jahren niedrigen Zinsen und den harten Wettbewerb. "Es ist unschön, wenn bei stotterndem Motor auch noch ein Reifen platzt", sagt Wuermeling.

Kommt die Kreditklemme?

Problematisch ist nach Ansicht von Finanzprofessor Martin Faust von der Frankfurt School nicht nur der Anstieg von faulen Krediten, sondern eine generelle Verschlechterung der Bonität von Unternehmen. Banken müssen Darlehen in einem solchen Fall mit mehr Eigenkapital hinterlegen. "Die Frage ist, wie schlecht es den Firmen wirklich geht und was mit dem ganzen Mittelstand ist. Dadurch besteht die Gefahr, dass Volksbanken und Sparkassen stärker betroffen sind als die großen privaten Institute", sagt Faust. Denn Häuser wie die Deutsche Bank profitieren - zumindest derzeit - von einem florierenden Kapitalmarktgeschäft. Sewing hatte schon eingeräumt, dass die Zuwächse im Investmentbanking 2021 nicht mehr so hoch sein dürften wie in diesem Jahr.

Politiker und Regulierer schauen genau hin, wie sich die Situation für die Banken entwickelt. Die Geldhäuser sollen zwar den Kredithahn für die Unternehmen nicht zudrehen und sind den Banken daher mit einer ganzen Reihe von Erleichterungen entgegen gekommen. Gleichzeitig wollen sie aber verhindern, dass die Institute Firmen weiterhin mit Krediten versorgen, die auf Dauer nicht überlebensfähig sind. "Derzeit sehen wir keine Kreditklemme, aber sie kann sehr gut 2021 drohen", warnt Professor Schalast.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Digitaler Impuls versus reale Werte

Am Montag hat ein einzelner Social-Media-Beitrag von Donald Trump die Finanzmärkte um 1,7 Billionen US-Dollar bewegt – und zwar nicht...

DWN
Panorama
Panorama Spanien im Wandel: Vom Klischee zum Vorreiter beim Frauenschutz
29.03.2026

Spanien steht oft im Ruf eines klassischen Macho-Landes. Doch aktuelle Zahlen und konsequente Maßnahmen zeichnen ein anderes Bild....

DWN
Immobilien
Immobilien Mieter verstorben: Was passiert mit dem Mietvertrag nach einem Todesfall?
29.03.2026

Der Tod eines Mieters wirft für Hinterbliebene oft viele Fragen auf: Darf man in der Wohnung bleiben, wenn der Vertrag nur auf den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Wettbewerbsfähigkeit: Hinter verschlossenen Türen wächst die Angst
29.03.2026

Europa galt lange als stabiler Wirtschaftsraum mit klaren Regeln und berechenbaren Märkten. Doch hinter den Kulissen wächst die Sorge,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Iran-Krieg verschiebt Kräfteverhältnisse am Himmel: Europäische Airlines profitieren – wie lange noch?
29.03.2026

Stillgelegte Flughäfen, steigende Ticketpreise und neue Flugrouten: Der Iran-Krieg verändert die Dynamik im globalen Luftverkehr...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Biotech-Strategie: Warum Gubra bewusst auf spätere Deals setzt
29.03.2026

Ein Biotech-Unternehmen stellt seine Strategie radikal um und geht bewusst höhere Risiken ein. Gubra will Wirkstoffe länger selbst...

DWN
Politik
Politik Ehegattensplitting vorm Aus? Die Institution Ehe soll tiefgreifend verändert werden
28.03.2026

Beim Ehegattensplitting wird das Einkommen beider Ehe- oder Lebenspartner gemeinsam versteuert, was sich lohnt, wenn einer deutlich weniger...

DWN
Finanzen
Finanzen Prediction Markets: Der Machtkampf um ein neues Finanzsystem eskaliert
28.03.2026

Ein digitaler Milliardenmarkt wächst rasant und entzieht sich klassischen Regeln. Prediction Markets verbinden Wetten und Finanzgeschäfte...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnimmobilienmarkt: Wo Investoren jetzt und in Zukunft Rendite finden
28.03.2026

Der deutsche Wohnimmobilienmarkt stabilisiert sich spürbar. Preise steigen wieder, Transaktionen nehmen zu und Kapital kehrt zurück. Doch...